Auf dem Land ist die Finanzwelt noch im Lot

Sie geschäften grundsolide und gewinnen wegen der Finanz-krise neue Kunden. Doch freuen können sich die Dorfbanken nicht. In dieser Krise, sagen sie, gebe es keine Gewinner.

Christa Joss von der Sparkasse Wiesendangen (r.) unterhaelt sich Nachbar Emil Peter Senior (l.) neben der Sparkasse Wiesendangen (rechter Bildrand).

Nicola Pitaro

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Emil Peter bringt sein Geld jeweils ins Nachbarhaus. Der pensionierte Landwirt wohnt gleich neben der Sparkasse Wiesendangen, der letzten Bank im Kanton, die einer Gemeinde gehört. Liegt sein Geld dort sicher? «Absolut.» Warum? «Weil das unsere Dorfbank ist.» Hat er also keine Angst vor der Finanzkrise? «Doch. Ich habe auch noch ein Konto bei der UBS.»

«Uns geht es bestens»

Geschäftsleiterin Christa Joss und ihr achtköpfiges Team sprechen derzeit sehr oft über die Finanzkrise. Nicht etwa, weil sich ihre 5500 Kundinnen und Kunden um ihre Bank Sorgen machten. «Das müssen sie auch nicht. Uns geht es bestens.» Dennoch herrsche im Dorf grosse Verunsicherung. «Die Leute hören Tag für Tag neue Hiobsbotschaften und fragen uns: «Wo führt das hin? Wann hört das auf?» An den zwei Schaltern der Sparkasse lassen sie sich dann die Zusammenhänge erklären. «Manchmal kommen die Kunden sogar nur deswegen in die Bank.»

Als Chefin einer Kleinstbank(Bilanzsumme 152 Millionen Franken) müsste sich Christa Joss eigentlich über das Chaos an den Finanzmärkten freuen. Denn seit sich die Schreckensmeldungen von Wallstreet und Paradeplatz häufen, legt die Sparkasse Wiesendangen zu. Viele Neukunden haben sich zuvor von einer Grossbank verabschiedet. Vereinzelt hätten sich bereits Grossstädter entschieden, ihr Vermögen inskünftig von der Dorfbank verwalten zu lassen. «Auffällig dabei ist, wie viele Depots zu uns gezügelt werden, obwohl sich am Anlagerisiko überhaupt nichts ändert.»

Eine Entwicklung, die Joss gar nicht gefällt. Denn sie zeige, dass die Banken inzwischen unabhängig von ihrer Bonität ein grosses Vertrauensproblem hätten. «Als die Swissair Pleite ging oder die unanständig hohen Boni der Bankmanager publik wurden, zogen die Leute aus Protest ihr Geld von UBS und CS ab. Jetzt tun sie es aus Angst.» Dieses Misstrauen schade dem ganzen Finanzplatz. «In dieser Krise gibt es keine Gewinner.»

Peter Zeller leitet seit fast 30 Jahren die Leihkasse Stammheim. Er sagt: «Die Misere hat auch ihr Gutes. Die Banker lernen, wieder etwas bescheidener zu sein – auch was die Löhne und Boni betrifft.» Zeller selbst hat seine regionale Bank, die 1863 gegründet wurde und gerade einen «sehr erfreulichen Halbjahresabschluss» präsentieren konnte, stets nach «uralten Grundsätzen» geführt: «Unsere Anlagestrategie ist sehr konservativ und so lokal verankert, das uns die Finanzkrise nichts anhaben kann.» Anlagen im Ausland sind tabu. Und die Leihkasse hat stets auch das Risiko gescheut, mit kurzfristigen Hypotheken ein paar schnelle Gewinne zu machen. Die Kundinnen und Kunden vertrauten der Bank deshalb «fast blind», sagt Zeller.

Mehr als einmal ist der Kassenwart aus Stammheim wegen seines grundsoliden Geschäftsmodells schon ausgelacht worden. Doch jetzt merkt er, dass im Zuge der Finanzkrise auch grössere Institute wieder auf die alten Tugenden setzen. Ein Beispiel: Lange Zeit waren die Dorf- und Regionalbanken die einzigen, die sich überhaupt für Pfandbriefdarlehen interessierten. «Auf einmal sind sie wieder sehr gefragt.» Den kleinen Kassen gefällt das gar nicht. Denn die Volumen sind beschränkt.

Strengere Vorgaben setzen zu

Es wird nicht die einzige Folge der Finanzkrise sein, die auch kleinere Banken zu spüren bekommen. Daniel Wullschleger von der unabhängigen Bank Thalwil sagt sogar: «Wenn die Grossbanken Mist bauen, müssen wir Kleinen das später ausbaden.» Wullschleger, der eine Regionalbank mit Niederlassungen in Adliswil, Langnau und Kilchberg führt, meint damit die strengeren Vorschriften, die den Banken jetzt drohen. «Nach jeder Krise hat die Bankenkommission die Spielregeln verschärft.» Eine Tendenz, die vor allem den Kleineren zusetze.

Grundsätzlich hält Wullschleger auch nichts davon, dass die öffentliche Hand gebeutelten Banken zu Hilfe eilt. «Die Politiker dürfen jetzt nicht in Hysterie verfallen.» Christa Joss aus Wiesendangen sieht das anders. Früher war sie radikal gegen staatliche Eingriffe. «Doch diesmal droht ein enormer volkswirtschaftlicher schaden, wenn das ganze System kollabiert.»

BILD NICOLA PITARO

Die Bankfrau und ihr Kunde: Emil Peter macht sich keinerlei Sorgen um das Geld, das er Christa Joss von der Sparkasse Wiesendangen anvertraut hat.

«Wenn Grossbanken Mist bauen, müssen wir Kleinbanken es ausbaden.»

BANKCHEF D. WULLSCHLEGER

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2008, 22:42 Uhr

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Blogs

Mamablog Papa rettet das Klima

Never Mind the Markets Nullzinsen trotz Boom

Paid Post

Von Klischees und Ritualen

Schweigend essen und schwatzend lesen: Am Mittagstisch kommen Älpler Makronen und Städter-Klischees auf den Tisch. (Teil 3/4)

Die Welt in Bildern

Es herbstelt: Sonnenaufgang im Morgennebel bei Müllrose, Ostdeutschland (19. September 2017).
(Bild: Patrick Pleu) Mehr...