Aufruhr um den Strauhof: Kritik aus SP an eigener Stadtpräsidentin

Die Schliessung des Literaturmuseums empört prominente Autoren im In- und Ausland. Jetzt sieht sich Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) auch Kritik aus den eigenen Reihen ausgesetzt.

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Wegrasieren. Köpfen. Zerstören. Mit solch scharfen Ausdrücken geisseln bekannte Kulturschaffende aus dem In- und Ausland die angekündigte Schliessung des Zürcher Literaturmuseums Strauhof. Sie wollen sich nicht damit abfinden, dass es einem Schreiblabor für Kinder und Jugendliche Platz machen muss. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), die auch für die Kultur zuständig ist, fordern sie auf, die geplante Neuausrichtung zu überdenken.

Der Forderung haben sich bekannte Schweizer Schriftsteller wie Franz Hohler, Peter Stamm, Klaus Merz, Erica Pedretti und Christoph Geiser angeschlossen, dazu Künstlerinnen wie die Pianistin und Schlagzeugerin Irène Schweizer und die Suhrkamp-Fotografin Isolde Ohlbaum. Bisher sind über 4000 Unterschriften zusammengekommen, darunter auch jene von Josef Estermann, der, wie er ausdrücklich betont, «als Privatperson» die Petition unterzeichnet hat.

Schreiblabor ins Schulzimmer!

Mittlerweile hat der Protest aus der Kulturszene in die Politik durchgeschlagen, insbesondere bei der SP, in Mauchs eigenen Reihen. Rund ein Drittel der Mitglieder im Stadtzürcher Vorstand stand an der Sitzung letzte Woche hinter dem Anliegen, die Strauhof-Petition zu unterstützen. Die Partei überlässt es nun jedem Einzelnen, ob er sich für den Erhalt des Literaturmuseums engagieren möchte – «oder auch nicht», wie Co-Präsidentin Andrea Sprecher sagt.

In der Tat haben viele Genossinnen und Genossen die Petition unterschrieben, darunter mehrere Gemeinderätinnen und Gemeinderäte, die vom Entscheid zunächst überrascht wurden und unterdessen verärgert sind. Auch der Grüne Bernhard Piller sowie die Grünliberale Ann-Catherine Nabholz setzen sich für die Rettung des speziellen Museums ein.

Sie alle wehren sich dagegen, dass Corine Mauch im Sinn hat, diesen Ort der Literaturvermittlung zu schliessen, der weit über die Landesgrenzen hinausstrahlt. Eine Schreibwerkstatt könne das Literaturmuseum nicht ersetzen, sind sie überzeugt, die Schule eigne sich besser für Literaturarbeit mit Kindern und Jugendlichen.

SP-Vize-Fraktionschefin Rebekka Wyler und ihr Ratskollege Duri Beer stossen sich zudem daran, dass die 13 Angestellten (total 4,1 Stellen), die ihre Arbeit verlieren, nicht vorgängig ins Bild gesetzt wurden. Corine Mauch aber sagt: «Wir haben den Entscheid zur Überprüfung dem Personal im Juli mitgeteilt.»

Das stimme nicht, entgegnet Gewerkschafter Duri Beer seiner Genossin. An jener Personalversammlung sei nie von der Schliessung des Betriebs die Rede gewesen, lediglich von «bevorstehenden Veränderungen». Wyler und Beer kritisieren obendrein, die Kulturdirektion habe es verpasst, eine Vernehmlassung durchzuführen, die es erlaubt hätte, Vorschläge einzureichen und die Zukunft des Strauhofs zu diskutieren.

Petition chancenlos?

Bereits am kommenden Dienstag und nicht wie ursprünglich geplant erst kurz vor Weihnachten wird das Strauhof-Komitee die Petition der Stadtpräsidentin übergeben. Schon heute ist indes klar: Corine Mauch wird am Entscheid der Neuausrichtung festhalten. «Ich bin überzeugt von unserem neuen kulturpolitischen Konzept im Strauhof, von der künftigen Nutzung des Museums Bärengasse als Literaturarchiv und von dezentralen Literaturausstellungen in der Stadt.»

Derweil sieht sich Mauch und mit ihr der rot-grüne Stadtrat mehr und mehr heftiger Kritik aus der Kulturszene ausgesetzt, wie aus den Stellungnahmen auf der Website des Strauhof-Komitees hervorgeht. Andreas Isenschmid, ehemaliger TA-Kulturchef, Literaturkritiker bei der «Zeit» und beim Fernsehsender «3sat», findet es eine «Frechheit, ein Stück Hochkultur einfach wegzurasieren mit der Begründung, man müsse nun Schulleseprojekte fördern». Laut Barbara Naumann, Ordentliche Professorin für Neuere deutsche Literatur an der Universität Zürich, würde «ein bewundertes Stück prägnanten Zürcher Kulturlebens zerstört».

Der momentan international gefragteste Schweizer Autor, Peter Stamm, hält die Art und Weise für fragwürdig, wie Mauch den Beschluss kommuniziert hat. Stamm sagt: «Vermutlich wäre es sinnvoll gewesen, erst verschiedene Meinungen einzuholen und dann zu entscheiden.» Einig sind sich die Petitionäre darin, dass es zu begrüssen ist, wenn Schüler und Autorinnen und Autoren sich begegnen. Doch Schreibwerkstätten für Jugendliche könne man in jedem Schulzimmer oder Gemeinschaftszentrum abhalten.

Kabarettist und Schriftsteller Franz Hohler appelliert an die Stadt, sich aktiv zu bemühen, eine Alternative für das Schulprojekt zu finden, damit sie auf ihren Entscheid zurückkommen könne: «Bei all den Umnutzungen aufgegebener Industriestätten – Stichwort Schiffbau – scheint es mir leichter, einen anderen Ort für ein literarisches Schulprojekt zu finden.»

Peter von Matts Imperativ

Namhafte Unterstützung erfuhr die Petition letzte Woche auch jenseits der Landesgrenzen. Unterzeichnet hat sie zum Beispiel Florian Schweizer, Direktor des Charles-Dickens-Museums in London. Heftige Kritik übten deutsche Medien, so «Die Welt», die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und die «Süddeutsche Zeitung», welche die Schliessung des Museums letzte Woche als einen «Skandal» bezeichnete.

Wie kommen all diese Stimmen bei Corine Mauch an? Sie sagt: «Wenn etwas Liebgewonnenes sich verändert, gibt es Enttäuschung. Wenn man in der Kultur etwas verändert, wird das heftig debattiert. Das ist gut so.» Für sie sei «Kulturpolitik etwas Lebendiges und kein Mikado, wo sich nichts bewegen soll».

Ruhe in diesem Sturm der Entrüstung bewahrt der Zürcher Germanist und ehemalige Literaturprofessor Peter von Matt. Er sagt zwar: «Es ist schade um den Strauhof», aber: «Ich sehe die Sache nicht einfach unter der Frage: Strauhof ja oder nein, sondern unter dem Imperativ: Es muss unbedingt und regelmässig hochstehende Literaturausstellungen in dieser Stadt geben. Die Literatur und ihre Geschichte, gerade auch die Schweizer und Zürcher Literatur, muss immer wieder hochkarätig inszeniert werden.»

Dies dürfe nicht bloss rhetorisch zugesichert, sondern müsse, als Dauerprojekt, in der grösstmöglichen Konkretheit jetzt schon unter Beweis gestellt werden. «Wenn man alles auf Strauhof ja oder nein reduziert, verpasst man unter Umständen die Chance, die Stadt zwingend dazu zu verpflichten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2013, 10:41 Uhr

Soll zu einem Schreiblabor für Kinder und Jugendliche werden: Literaturmuseum Strauhof in der Zürcher Altstadt. (Bild: Reto Oeschger)

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