Aus Winterthur in den Heiligen Krieg

Erneut ist ein Winterthurer nach Syrien gereist, um sich der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschliessen. Er bewegte sich in den gleichen Kreisen wie die beiden Geschwister, die seit Dezember verschwunden sind.

Ein junger Jihadist fotografiert seine Mitkämpfer in der Provinz Raqqa im Norden Syriens. Foto: Reuters

Ein junger Jihadist fotografiert seine Mitkämpfer in der Provinz Raqqa im Norden Syriens. Foto: Reuters

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«Er war ein so netter Typ, immer lustig drauf, hat viel gelacht, ein richtig guter Freund.» So beschreibt ein Kollege den 18-jährigen Sandro*, der im Februar aus Winterthur verschwand. Wie «20 Minuten» berichtet, reiste er nach Syrien, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschliessen. Sandro habe ein Bild von sich mit einer Kalaschnikow gepostet und seinen Alltag im Kampfgebiet beschrieben. Sein Lehrmeister bestätigt die Geschehnisse, Sandros Vater habe ihm davon erzählt.

Die Veränderung des Schweizers mit italienischen Wurzeln habe nach den Sommerferien begonnen, erzählen seine Freunde. «Er konvertierte zum Islam, hörte auf zu trinken und zu rauchen, liess sich einen Bart wachsen, ging in die Moschee und betete fünfmal am Tag», sagt ein Mädchen. Das alles sei innert weniger Wochen passiert. Laut dem Lehrmeister fällt die Veränderung in die Zeit, in der Sandro krankgeschrieben war. Nach einer Fussballverletzung musste der junge Mann operiert werden, war arbeitsunfähig und sass viele Wochen zu Hause rum. «In dieser Zeit muss etwas passiert sein.»

Nur was? Hat Sandro viel Zeit im Internet verbracht und fand dort radikales Gedankengut? Oder hat er Leute kennen gelernt, die ihn von der jihadistischen Idee überzeugten? Klar ist: Die Veränderung kam schnell – und sie war drastisch. Genau wie bei den beiden minderjährigen Geschwistern Alban* und Adea*, die seit Mitte Dezember verschwunden sind und ebenfalls beim IS in Syrien vermutet werden. Auch sie stammen aus Winterthur, auch sie waren gut integriert, beliebt, lebenslustig. Teenager mit kosovarischen Wurzeln, eingebürgert, er 16, sie 15 Jahre alt – so jung. Inzwischen ist gar ein weiterer Fall eines jungen Winterthurers publik geworden, der nach Syrien in den Krieg gezogen sei. Gemäss Facebook-Einträgen ist der 21-Jährige im Januar bei Luftangriffen in Kobane als IS-Kämpfer getötet worden.

Reise nach Mekka

Wie Recherchen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigen, verkehrten Alban und Sandro in den gleichen Kreisen. Sie kannten sich so gut, dass sie im letzten Sommer gemeinsam mit zwei anderen Jugendlichen aus Winterthur nach Mekka reisten. Danach veränderte sich die Gruppe auch äusserlich, wie ein Kollege sagt. Sie hätten sich Halbglatzen rasiert. Als der Kollege Alban darauf ansprach, betonte dieser, er fände das «einfach schön». Es sei nur eine Frage der Zeit, sagen Beobachter der Szene, bis weitere Jugendliche aus Winterthur nach Syrien reisen würden. Auch sie seien vom IS und dem Kampf für den «wahren Gott» angetan.

Wie die Rekrutierung abläuft, lässt sich am Fall Alban rekonstruieren: Bevor der Teenager zusammen mit seiner Schwester Richtung Syrien reiste, wurde er in Winterthur regelmässig in Begleitung eines knapp 30-jährigen Mannes gesehen. «Sie haben sich fast täglich getroffen», sagt ein Kollege Albans dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Der Mann habe praktisch alles mit dem 16-Jährigen gemacht, ihn etwa in den Sportclub oder die Mittagspause begleitet. Er sei es auch gewesen, der Alban in die Moschee mitgenommen habe. «Er zeigte sich als bester Kollege und baute so das Vertrauen auf. Der Mann hat Alban radikalisiert, da bin ich mir ganz sicher.»

Auffällig, sagt Albans Kollege, sei das Aussehen des Mannes gewesen. «Ein langer Bart, aber ohne Schnauz». Eben dieses Merkmal tragen viele radikale Muslime, um sich von den gemässigten Muslimen abzugrenzen – so etwa der bekannte deutsche Salafisten-Prediger Pierre Vogel oder auch Selman Ramadani, der als Imam in der umstrittenen Organisation el-Furkan in Embrach predigte. Sie geriet im Sommer 2014 in den Verdacht, für den IS zu werben, und heisst mittlerweile Kulturverein Embrach.

Nach Alban und Adeas Verschwinden stellten die Embracher Moschee-Verantwortlichen in einer Mitteilung klar, dass sie gegen die Ideologie des IS und jeglichen Extremismus seien. Die beiden Teenager seien dem Verein bekannt, «da sie unsere Moschee gelegentlich besuchten, um Vorträge zu hören». Als ihre Affinität zu extremen Gruppen und Ideologien bekannt geworden sei, habe man ihnen Hausverbot erteilt. Der Vater der Geschwister zeigte sich im Dezember dennoch überzeugt, dass die beiden in Embrach radikalisiert worden sind. Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagte Ibrahim Keranovic vom Kulturverein Embrach gestern, Selman Ramadani sei seit September 2014 nicht mehr bei ihnen.

Vorgetäuschtes Bauchweh

Laut Aussagen von Albans Kollegen hat für dessen Radikalisierung auch die Moschee des Islamisch-Albanischen Vereins in Winterthur eine Rolle gespielt – oder zumindest Leute, die dort verkehrt sind. Alban habe sich anfangs in der Moschee nicht wohlgefühlt: «Er sagte mir, dass er nicht mehr hinwolle. Viele Leute dort seien ihm zu radikal», sagt Albans Kollege. Später habe er die Moschee öfters besucht und «redete gleich wie die Leute, von denen er zu Beginn nichts wissen wollte». Die Moschee-Verantwortlichen des Islamisch-Albanischen Vereins waren für den Tagesanzeiger.ch/Newsnet gestern nicht erreichbar.

Auch in anderen Moscheen war Alban unterwegs. Im letzten Sommer begann der 16-Jährige, Bauchschmerzen vorzutäuschen, um mehr Zeit zum Beten zu haben; der Arbeitgeber und die Lehrer blieben ahnungslos. Zurück aus den Sommerferien in Mekka, brach er im September 2014 – genau wie nun der 18-jährige Sandro – seine Lehre ab. Die Begründung, er habe sich für den falschen Beruf entschieden, wird von Leuten in seinem nahen Umfeld stark bezweifelt. Er habe gern gearbeitet und sei ein guter Schüler gewesen – motiviert, engagiert, interessiert, sagen alle.

«Alles gar nicht so schlimm»

Auch Sandro machte einen krassen Gesinnungswandel durch: Wie ein Bekannter sagt, sei er zwar religiös geworden, habe sich aber lang gegen den IS ausgesprochen. Heute schicke er Nachrichten aus Syrien, in denen er betone, wie «friedlich» es dort sei. Er habe «die wahre Religion» gefunden, es sei «alles gar nicht so schlimm», wie die Medien berichten würden. Der Bekannte findet ein einziges Wort, der seines Erachtens den Gesinnungswandel der jungen Männer erklärt: «Gehirnwäsche». Er fügt mit Blick auf Alban an: «Ein 16-Jähriger kommt doch nicht von allein auf die Idee, im Namen seines Gottes nach Syrien zu gehen und dort zu kämpfen. Das ist ihm alles eingeredet worden.»

In diesem Zusammenhang könnte auch die europaweit angelegte Koran-Verteilaktion «Lies!» eine Rolle spielen, zu der sowohl der genannte Salafisten-Prediger Pierre Vogel als auch der Imam Selman Ramadani Verbindungen haben. Der organisatorische Kopf der Gruppe, die sich «Die wahre Religion» nennt, ist der Kölner Ibrahim Abou-Nagie, ein gebürtiger Palästinenser. In unzähligen Videos predigt er auf den Internetplattformen Facebook und Youtube zum Koran. Es gibt Aufnahmen, in denen er eine Geschichte von einem Gläubigen erzählt, der noch in der Hochzeitsnacht in den Jihad zog, starb und von 70 Engeln gewaschen wurde. Der Prediger Abou-Nagie ruft zwar nicht offen zur Jihadreise auf, verherrlicht aber den Märtyrertod, er sagt: «Sobald der erste Blutstropfen aus seinem Körper rausfliesst, werden alle seine Sünden vergeben sein.» Seine Aussagen haben ihm in Deutschland den Titel «Hassprediger» eingebracht.

Es ist Abou-Nagies Mission, 25 Millionen Korane gratis zu verteilen – und seine Gefolgsleute sind sehr aktiv. Just letzte Woche verschenkten sie das heilige Buch am Untertor in Winterthur, Anfang dieser Woche machten sie in Zürich an der Bahnhofstrasse halt – beiderorts sind sie öfters unterwegs. Die zwei Männer in der Winterthurer Altstadt bestätigten letzte Woche, aus der Stadt zu sein, verschwiegen jedoch, in welcher Moschee sie normalerweise beten. Einer sagte: «Wir sind mal in Winterthur, mal in St. Gallen, ein bisschen überall.»

Manfred Schmitt, Kriminalhauptkommissar aus Stuttgart, beobachtet «Lies!» seit über drei Jahren. Er beschreibt das Projekt als eine Art Sekte. Deren Anhänger seien wohl in verschiedenen Moscheen unterwegs, mal von den Moscheeverantwortlichen geduldet, mal unbemerkt. Für Schmitt ist klar, dass Ibrahim Abou-Nagie auf junge Migranten abziele. Sie sollen den Koran lesen und zu gläubigen Muslimen werden – und nicht zu Christen. Weil die Jugendlichen den Koran meist nicht lesen können, lässt ihn Abou-Nagie in verschiedene Sprachen übersetzen und verschenkt ihn. Seine Aktion wirkt: Schon mehrere Menschen sind an einem «Lies!»-Stand zum Islam konvertiert. Eine offensichtliche Verbindung zwischen dem «Lies»-Projekt und den Jihad-Reisenden gibt es zwar nicht. Allerdings sagt Schmitt: «Auffallend viele dieser Organisation reisen Richtung Jihad.»

Bei manchen Jihad-Reisenden hätten dabei Mittelsleute die Fäden gezogen, sagt der Stuttgarter Kriminalhauptkommissar Schmitt. Sobald ein Gläubiger bereit sei, nach Syrien zu reisen, werde ihm ein Kontakt vermittelt, meist über Facebook, später über den Chatservice Whatsapp. So erhalten die Jugendlichen genaue Anweisungen, zum Beispiel, dass sie nach Istanbul fliegen, sich melden müssten und was sie anziehen sollen. Andere Jihad-Reisende würden sich aber auf eigene Faust auf den Weg machen. Eine Studie des deutschen Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamtes, die die «Welt am Sonntag» letzten Herbst zitierte, hat die Biografien von 378 Islamisten analysiert, die nach Syrien ausgereist sind, um sich dort am Jihad zu beteiligen. Untersucht wurden auch die Radikalisierungsverläufe. Es zeigte sich: Jeder fünfte Ausgereiste hat durch das «Lies!»-Projekt zum extremen Gedankengut gefunden.

Plötzlich verhüllt

Auch der 21-jährige Thurgauer Logistikfachmann Onur* verteilte für die «Lies!»-Aktion Korane in Winterthur, bevor er nach Syrien reiste, wie die «Rundschau» berichtete. Er hält seine deutsche Frau gegen ihren Willen im Kriegsgebiet fest, die Behörden sind alarmiert.

Aus Winterthur verschwunden ist neben den zwei jungen Männern auch Albans Schwester, die 15-jährige Adea. Über die Radikalisierung der Sekundarschülerin ist weniger bekannt. Es dürfte ihr Bruder gewesen sein, der sie auf die Idee brachte, mit ihm nach Syrien zu reisen. Die beiden haben eine enge Beziehung. Als sie im letzten Herbst plötzlich schwarz verhüllt im Unterricht auftauchte, sichtbar nur ihr Gesicht, schritt die Schulleitung ein, informierte die ahnungslosen Eltern.

Doch ihre Ermahnungen nützten nichts. Statt am Schulsilvester zu erscheinen, bestieg die Schülerin Mitte Dezember mit ihrem Bruder ein Flugzeug nach Istanbul. Die Eltern glaubten sie über Nacht bei einer Freundin, die Lehrer wiederum vermuteten sie krank im Bett. Tags zuvor hatte Adea ihnen, um jegliche Zweifel auszuräumen, Medikamente gezeigt. Sagte, sie sei krank.

Der Plan ging auf: Drei Monate später sind die Geschwister noch immer verschwunden. Aus gut informierten Quellen ist zu erfahren, dass man ihren Aufenthaltsort in Syrien offenbar kennt. Weder die Bundeskriminalpolizei noch die Bundesanwaltschaft wollen das offiziell bestätigen.

* Namen geändert

Erstellt: 26.03.2015, 23:14 Uhr

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