Ausländische Ärzte drängen nach Zürich

In Zürcher Arztpraxen hat sich der Anteil ausländischer Ärzte seit 2010 verdreifacht. Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) will nun die Zulassungspraxis überprüfen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Thomas Heiniger, der langjährige frühere Zürcher Gesundheitsdirektor, wurde oft wegen seines Regulierungsdrangs kritisiert. Vor allem die Spitäler fanden, er übertreibe es mit Vorschriften, was so gar nicht zu einem FDP-Politiker passe. In einem Punkt war Heiniger aber durch und durch liberal: Bei den Berufsausübungsbewilligungen für Ärztinnen und Ärzte. Unter seiner Ägide verzichtete der Kanton Zürich darauf, die Zahl der selbstständigen Mediziner zu limitieren.

Andere Kantone nutzten die Steuerungsinstrumente, die ihnen der Bund gab. Ab 2002 beschloss dieser wiederholt befristete Zulassungsbeschränkungen, weil er befürchtete, mit dem freien Personenverkehr würden massenhaft Ärztinnen und Ärzte aus dem EU-Raum in die Schweiz kommen und hier eine Praxis eröffnen, was die Gesundheitskosten in die Höhe treiben würde. Die Kantone waren aber frei, den sogenannten Ärztestopp nur teilweise, für bestimmte Fachgebiete, oder gar nicht anzuwenden. Anfangs machte Zürich noch mit, doch Heiniger fand die Massnahme «rechtsstaatlich bedenklich», weil sie auch jungen Schweizer Ärztinnen und Ärzten die berufliche Perspektive beschneide.

Nun zeigt eine Statistik der Gesundheitsdirektion, welche Auswirkungen die liberale Politik hat: Zwischen 2010 und 2018 ist die Zahl der Arztbewilligungen im Kanton Zürich von insgesamt 4305 auf 6207 gestiegen, und der Anteil der Bewilligungen an ausländische Fachärztinnen und Fachärzte erhöhte sich von 8 auf 23 Prozent. All diese Berufsleute dürfen selbstständig arbeiten und über die Krankenkasse abrechnen. Dazu kommen rund 2000 Personen, die mit einer Assistentenbewilligung in einer Arztpraxis arbeiten.

Kritik an Numerus clausus

Gesundheitspolitikerin Astrid Furrer sieht ihre Vermutung bestätigt, dass es «immer mehr ausländische Ärzte gibt». Die FDP-Kantonsrätin verlangte mit einer Anfrage die Offenlegung der Zahlen, nachdem sie von Schweizer Ärzten verschiedentlich Klagen gehört hatte, die Ausbildung im Ausland entspreche nicht immer dem hiesigen Niveau. Auch abgesehen vom Qualitätsaspekt findet Furrer es falsch, dass die Schweiz «zum Braindrain in anderen Ländern beiträgt, während bei uns sehr viele junge Leute Medizin studieren wollen und nicht dürfen». Die Uni Zürich hat zwar die Studienplätze etwas aufgestockt, doch seit Jahren gilt fürs Medizinstudium ein Numerus clausus. «Wir sollten mehr ausbilden», fordert Furrer.

Damit ausländische Ärzte eine Bewilligung in Zürich erhalten, müssen sie
Deutsch sprechen.

Gemäss Statistik arbeiten am meisten Ärztinnen und Ärzte in hausärztlichen Praxen. 2550 sind es im ganzen Kanton, 650 mehr als vor zehn Jahren. Davon kamen rund 300 direkt aus dem Ausland. Nochmals so viele verliessen ihr Heimatland nach dem Medizinstudium und absolvierten die Weiterbildung zum Facharzt in einem Schweizer Spital. Dieser Weg ist auch in der Psychiatrie üblich; ohne Zuwanderung könnten die psychiatrischen Kliniken den Betrieb nicht aufrechterhalten. Nach einigen Jahren in der Klinik gehen viele Ärzte in eine Praxis. Die Spitäler spielen also eine wichtige Rolle bei der Zuwanderung.

Bei den Spezialisten ist das weniger ausgeprägt, diese kommen oft bereits mit Facharzttitel in die Schweiz. Dabei fallen mehrere Fachgebiete durch einen überdurchschnittlichen Zuwachs auf (siehe Grafik). Etwa solche, die teilweise in der Schönheitsmedizin tätig sind: Dermatologie und Venerologie sowie Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. Aber auch in der Orthopädie, Radiologie, Urologie und Augenmedizin gab es einen markanten Anstieg der Bewilligungen und des Ausländeranteils – alles Fächer, in denen sich gut Geld verdienen lässt.

Der Präsident der Schweizer Fachgesellschaft für Dermatologie und Venerologie, Daniel Hohl, bestätigt, dass viele Dermatologen ihr Einkommen mit Schönheitsmedizin aufbessern. Diese mache schätzungsweise 10 bis 20 Prozent aller Behandlungen aus und werde von den Patientinnen selber bezahlt.

«Wir bilden in der Schweiz noch nicht genügend Nachwuchs für unseren stark gestiegenen Bedarf aus.»Hans Jung, Präsident der Neurologischen Gesellschaft

Hauptgrund für das Wachstum der Berufsgruppe sei aber ein anderer, so Hohl: «Die Hausärzte überweisen ihre Patienten heutzutage schon wegen kleiner Hautprobleme an uns, denn die Dermatologie hat in ihrer Ausbildung nur noch einen geringen Stellenwert. Es braucht also tatsächlich mehr Dermatologen.»

Die Spezialisierung der Medizin erklärt auch das markante Wachstum des Fachgebietes Neurologie. Dort hat sich die Zahl der Berufsbewilligungen seit 2010 mehr als verdoppelt, und der Ausländeranteil stieg von 28 auf 55 Prozent. «Wir bilden in der Schweiz noch nicht genügend Nachwuchs für unseren stark gestiegenen Bedarf aus», sagt Hans Jung, Präsident der Neurologischen Gesellschaft. In den vergangenen 20 Jahren habe sich die Neurologie rasant entwickelt, es gebe heute viel mehr Möglichkeiten, Erkrankungen wie Parkinson, Demenz, multiple Sklerose oder Schlaganfälle zu behandeln. «Der Wissenszuwachs war riesig, was die Komplexität entsprechend erhöht hat. Deshalb braucht es mehr Neurologen.»

Der Zürcher Kantonsarzt ­Brian Martin sieht drei Gründe, weshalb gewisse Fachgebiete mehr ausländische Ärzte anziehen als andere: «Die Sättigung des Marktes, die Lukrativität und die Situation im Herkunftsland.» In Deutschland haben sich die Arbeitsbedingungen verbessert, was die Schweiz zu spüren bekam: 2003 waren noch über 70 Prozent der zugewanderten Ärzte Deutsche, inzwischen sind es weniger als 50 Prozent. Dafür kommen jetzt mehr aus osteuropäischen Ländern, wobei Griechenland die Rangliste anführt.

Greift Natalie Rickli ein?

Damit diese Ärztinnen und Ärzte eine Berufsausübungsbewilligung in Zürich erhalten, müssen sie Deutsch sprechen. Laut Kantonsarzt Brian Martin ist das in der Regel kein Problem. «Es ist äusserst selten, dass wir wegen der Sprache die Zulassung verweigern.» Daneben prüft der Kanton, ob die Gesuchsteller die formalen Voraussetzungen erfüllen.

Die liberale Bewilligungspraxis des Kantons Zürich kommt demnächst auf die politische Agenda. Die neue Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) hat sich das Thema für Anfang 2020 vorgenommen. Sie will nicht vorgreifen und sagt nur so viel: «Die Zahlen sprechen in gewissen Bereichen für eine Zulassungsregulierung.»

Auch das eidgenössische Parlament plant, die Regeln zu verschärfen. Zur Diskussion stehen Höchstzahlen und die Vorschrift, in der Schweiz drei Jahre in einer Weiterbildungsstätte des eigenen Fachgebietes gearbeitet zu haben, bevor man die Zulassung bekommt. «Das wäre dann für alle Kantone obligatorisch», sagt Brian Martin.

Erstellt: 04.11.2019, 20:47 Uhr

Artikel zum Thema

Pflegefachfrauen arbeiten wie Assistenzärzte

Im Spital ist ein neuer Beruf entstanden: Spezialistinnen wie Susanne König betreuen Patienten selbstständig, entlasten Chirurgen und haben den Überblick. Mehr...

Frau Doktor ist im Spital der Normalfall

In den Zürcher Spitälern arbeiten heute mehr Ärztinnen als Ärzte. Karriere machen aber immer noch die Männer. Mehr...

Ein neues Hightech-Spital – für 20 Jahre

Das Zürcher Unispital präsentiert sein neustes Provisorium. Es steht im Spitalpark und ermöglicht Spitzenmedizin der Extraklasse. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Genuss und Freude schenken

Schenken Sie Ihren Freunden Hochgenuss in Form eines FINE TO DINE Gutscheins für über 130 Schweizer Restaurants.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Gute Laune trotz Lichtmangels

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...