Auswärtige Ärzte helfen, die Spitalbetten zu füllen

Einige Zürcher Spitäler sind schlecht ausgelastet. Mit Belegärzten versuchen sie, ihre Bilanz zu verbessern.

Für Operationen gastieren Belegärzte nicht nur in Privatkliniken. Foto: Getty Images

Für Operationen gastieren Belegärzte nicht nur in Privatkliniken. Foto: Getty Images

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Soeben haben vier langjährige Kaderärzte die Schulthess-Klinik in Zürich verlassen, um zusammen eine Privatpraxis in Wallisellen zu eröffnen. Der eine ist Spezialist für Schulter und Ellbogen, der zweite für Hüfte und Knie, der dritte für Füsse und der vierte für die Wirbelsäule. Für Operationen gehen sie mit ihren Patienten und Patientinnen in die Privatkliniken Bethanien in Zürich und Lindberg in Winterthur, ins Zürcher Stadtspital Triemli und teilweise nach Uster; mit diesen Spitälern haben die Chirurgen Belegarztverträge abgeschlossen.

Dass selbstständige Ärzte und Ärztinnen in öffentlichen Spitälern arbeiten, war bisher eher die Ausnahme. Das Belegarztsystem ist traditionell in Privatkliniken verbreitet, während öffentliche Spitäler in der Regel das Chefarztsystem haben, das heisst: fest angestellte Ärzte und Ärztinnen in hierarchisch unterschiedlichen Positionen – bedingt auch durch ihre Ausbildungsfunktion. Doch nun vermischen sich die beiden Systeme zunehmend. Einzelne Spitäler forcieren die Zusammenarbeit mit Belegärzten bewusst, um mit ihnen mehr Umsatz zu generieren. Allen voran das Spital Männedorf und das Zürcher Triemli. Beide haben ein Auslastungsproblem.

Über 30 Externe im Triemli

Im Triemli arbeiten laut Angaben von Direktor André Zemp Belegärzte in der Geburtsabteilung, der Neurochirurgie, der Urologie, der Orthopädie und weiteren chirurgischen Bereichen. Zemp sagt: «Einerseits ergänzen sie unsere Fachexpertise mit spezifischem Know-how, andererseits lassen sich so bestehende Infrastrukturen besser auslasten. Dazu gehören Bettenstationen, Operations- und Gebärsäle oder spezielle Geräte wie zum Beispiel der Da-Vinci-Roboter in der Urologie.» Dank der zusätzlichen Patienten, welche die Belegärzte ins Triemli bringen, verteilen sich die Fixkosten des Spitals auf mehr Fälle, was zu tieferen Fallkosten führt. «Wir streben deshalb einen weiteren Ausbau an.»

Das Zürcher Stadtspital Triemli forciert die Zusammenarbeit mit Belegärzten bewusst, um mit ihnen mehr Umsatz zu generieren. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Derzeit hat das Triemli bereits über 30 externe Ärzte. Zemp hat mit ihnen abgemacht, dass sie prozentual so viele Zusatzversicherte bringen müssen, wie es dem Zürcher Schnitt entspreche, nämlich rund 23 Prozent. Wenn sie Allgemeinversicherte operieren, werden sie gemäss dem Modell der Schweizerischen Belegärzte-Vereinigung entschädigt. Dieses sieht einen Anteil von rund 20 Prozent der Fallpauschale für die ärztliche Leistung vor.

Privatkliniken im Vorteil

Die Belegärzte ihrerseits profitieren, indem sie als Selbstständige mehr Geld verdienen können. Das trifft laut Branchenkennern vor allem auf Orthopädinnen und Urologen zu. Operiert ein fest angestellter Kaderarzt des Triemli eine privat versicherte Patientin, muss er die Hälfte seines Arzthonorars ans Spital abgeben. Der Belegarzt hingegen muss viel weniger Geld abgeben: Die Zahl liegt zwischen 10 und 25 Prozent, wie Zemp sagt. Der tiefere Satz sei «dem Wettbewerb geschuldet». Die Belegärzte und Belegärztinnen würden lieber an Privatkliniken gehen, weil sie dort mehr erhalten. Das öffentliche Spital muss ihnen deshalb entgegenkommen.

«Zum Teil stellen Belegärzte horrende Forderungen», konstatiert der Bülacher Spitaldirektor Rolf Gilgen und ergänzt: «Darauf bin ich allergisch.» Ebenfalls deutlich drückt sich sein Kollege Andreas Mühlemann vom Spital Uster aus: «Wenn einer nur kommen will, um Geld zu machen, ist er bei mir an der falschen Adresse.» Die Spitäler Uster und Bülach, aber auch das Kantonsspital Winterthur (KSW) haben in den letzten Jahren zwar ebenfalls etwas aufgestockt mit Belegärzten. Sie sehen diese aber weniger als Zubringer von Patienten denn als Ergänzung ihrer Teams. «Als Folge der zunehmenden Spezialisierung der Medizin können wir nicht mehr alle Disziplinen mit eigenem Personal abdecken», sagt Mühlemann.

«Konfliktbeladene» Situation

Am Kantonsspital Winterthur arbeiten viele ehemalige Fachärzte, die sich selbstständig machten, in kleinen Pensen als Belegärzte weiter. Früher waren dies vor allem Gynäkologinnen, die gebärende Frauen ins Spital begleiten. Heute ist das Modell auch bei den Kardiologen beliebt. Spitaldirektor Rolf Zehnder: «Wir haben in den letzten Jahren viele Oberärzte ausgebildet; diese haben interventionelle Fähigkeiten, die sie weiterhin im Katheterlabor des KSW einsetzen.» Wichtig sei dabei, dass die Chefärzte einverstanden seien, sonst funktioniere es nicht, so Zehnder. «Die Kombination von Belegarzt- und Chefarztsystem ist grundsätzlich konfliktbeladen.» Die Organisation der Operationen sei komplizierter, und beide Seiten fühlten sich schnell benachteiligt.

Blick auf die Baustelle des Ersatzneubaus für das Bettenhaus des Kantonsspital Winterthur. Foto: Melanie Duchene (Keystone)

Alle öffentlichen Spitäler mit Beleg­ärztinnen und Belegärzten sind sich der Schwierigkeiten bewusst. Der Spitaldirektor von Männedorf, Stefan Metzker, schreibt zu diesem Thema: «Wir haben verschiedene Organisationseinheiten, die sich um die Zusammenarbeit mit den Belegärzten kümmern.» Die Chefärzte hätten daher «in der Regel ein gutes Einvernehmen» mit den externen Ärzten. Deren Zahl ist innert fünf Jahren von 39 auf 68 gestiegen. Denn das Spital hat wie das Triemli Mühe, seine neuen Operationssäle und Bettenabteilungen auszulasten. «Die Belegärzte, die einen grossen Teil der planbaren Eingriffe vornehmen, sind für uns finanziell sicherlich wichtig», gesteht Metzker. Rekrutiert würden sie «aus dem erweiterten Beziehungsnetzwerk oder aufgrund von Spontanbewerbungen».

Achtung, Angeber!

Das Spital Männedorf war jüngst in den Schlagzeilen, weil einer seiner Belegärzte, ein Rumäne mit deutschem Facharzttitel, Patienten und Patientinnen falsch behandelt und zu hohe Honorare verlangt hatte. Die Spitalleitung hatte die Qualifikationen des angeblich erfolgreichen Übergewichtschirurgen ungenügend geprüft, bevor es ihn engagierte. Rolf Gilgen, Spitaldirektor in Bülach, kennt das Problem: «Ich werde überrannt von solchen Anfragen, oft aus Deutschland. Sie sagen, sie seien die Grössten und Besten und würden mir helfen, den Operationssaal auszulasten. Da muss man sehr vorsichtig sein.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2018, 23:47 Uhr

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