Badener haben genug von «Gerigate»

Über 600 Leute rufen alle in die Nacktselfie-Affäre um Geri Müller Involvierten dazu auf, Frieden zu schliessen. Ihre Symbolfigur ist Elfriede. Sie beschwört den Badener Geist.

Elfriedes «Eltern»: Natalie Flückiger, Wirt Markus Widmer, Steffi Kessler und Adi Schultheiss (v. l.). Foto: Doris Fanconi

Elfriedes «Eltern»: Natalie Flückiger, Wirt Markus Widmer, Steffi Kessler und Adi Schultheiss (v. l.). Foto: Doris Fanconi

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«Lasst uns gemeinsam den armen, verschüchterten Badener Geist suchen und finden und ihm in unseren Herzen wieder ein Zuhause geben.» – Elfriede von Baden –

Elfriede ist im «Rebstock» in der Unteren Halde geboren, in jenem Teil der Badener Altstadt, der noch (fast) allein den Einheimischen gehört. Stammgäste des Rebstocks sind ihre Väter und Mütter. Und sie hat mittlerweile über 600 Gotten und Götti. Elfriede ist eine Kopf­geburt, die offensichtlich vielen Badenerinnen und Badenern aus dem Herzen spricht. Eine Mutter Helvetia Badens, die zur Wiedervereinigung aufruft.

«So bitte ich Euch, ihr lieben Badener Politikerinnen, Journalisten, Gewerblerinnen und Bürger: Besinnen wir uns auf das, was uns vereint. Wir alle sind Baden.»

Adi Schultheiss ist einer der Väter des Gedankens. Er arbeitet als Lehrer in Zürich, sagt aber von sich: «Ich bin Badener mit Leib und Seele.» Er ist sich bewusst, dass das in der heutigen Zeit etwas altbacken klingt. Er ist in verschiedenen Vereinen aktiv, nicht aber in der Politik. Und er spürt, wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen der «Chäärerei» rund um Geri Müller überdrüssig sind. Auch das sei Volkes Stimme – doch werde diese kaum wahrgenommen. «Hier kochen einige noch ihr Süppchen, anstatt einfach zu akzeptieren: Müller tritt nicht zurück, und Neuwahlen sind in drei Jahren.»

Elfriede macht sich selbstständig

In solchen Bahnen lief auch kurz vor Weihnachten das Gespräch am Stammtisch im Rebstock. Plötzlich stand die Idee im Raum: «Wir wollen zeigen, dass es uns gibt.» Bald darauf war Elfriede geboren: Sie trägt im Namen, was angestrebt wird: Friede. Der spanische Artikel «El» ist eine Reminiszenz an den Frieden nach dem Spanischen Erbfolgekrieg, der in Baden geschlossen wurde. Das Historische Museum Baden zeigt derzeit dazu die Ausstellung «Frieden verhandeln». Erst wurde Elfriedes Aufruf auf einer Webseite verschickt (www.elfriedevonbaden.ch), dann wurde er auf Flyern verteilt, diese Woche erfolgt noch ein Versand in alle Haushaltungen. Bis gestern haben fast 700 Leute ihre Unterschriften darunter gesetzt. Darunter prominente Politiker wie SP-Nationalrat Cédric Wermuth und der Präsident der Grünen Aargau, Jonas Fricker, die beiden Stadtpfarrer, viele Kulturschaffende, Architekten, Ärzte, Journalisten, Ortsbürger, aber auch Heimweh-Badener. Elfriede machte sich bald selbstständig, so erschien sie am Neujahrs-Apéro leibhaftig, ohne dass die Initiantinnen von der Schauspieleinlage wussten, und verteilte Flugblätter.

Handelt es sich dabei nicht einfach um ein verkapptes Geri-Müller-Unterstützungskomitee? Adi Schultheiss widerspricht. Er kenne Müller nicht persönlich. «Es geht nicht um Müller, sondern um Baden.» Elfriede sagt das so:

«Mein Kino ist Sterk, mein Brötli ist Spanisch und Merk(k)er ist mir weit mehr als eine Waschmaschine. Müller ist mir Wurst. Und Bier.»

Was aber erhoffen sich Elfriedes Zieh­väter und -mütter von der Aktion? «Dass jene zur Einkehr kommen, die derzeit die Atmosphäre in Baden so vergiften.» Dass sie sehen, dass der viel gerühmte Badener Geist leidet.

Was hat es mit diesem Badener Geist auf sich? Adi Schultheiss überlegt, sagt dann, der sei in Worten schwer zu fassen. Er versucht es mit Gegensatzpaaren: Fortschritt und Tradition gleichzeitig, Weltoffenheit und Lokalpatriotismus. Dann sagt er: «Er manifestiert sich darin, dass eine Kleinstadt es schafft, mit vereinten Kräften alle fünf Jahre einen Grossanlass wie die Badenfahrt auf die Beine zu stellen.» Aussenstehenden fällt auf, wie oft Badener sagen: «Den kenne ich noch von früher.» Dabei geht es durchaus um den politischen Konkurrenten, um den Architekten, gegen dessen Pläne man sich wehrt, den Journalisten, über dessen Artikel man sich gerade ärgert. «Früher» heisst dabei von der Schule her, von der Pfadi her oder weil die Väter zusammen bei der BBC gearbeitet haben. Dieser Badener Geist impliziert: Mit dem komme ich klar, auch wenn er nicht meiner Meinung ist. Elfriede von Baden sagt das so:

«Es gibt einen Begriff dafür: den Badener Geist. Zugegeben, ich wurde nie warm mit diesem Geist. Ich kannte ihn nicht, fühlte ihn nicht und habe letztlich auch nie so recht daran geglaubt. Aber jetzt, wo er weg ist, fehlt er mir.»

Erstellt: 14.01.2015, 20:58 Uhr

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