«Bär ist Bär, eine Bestie habe ich noch nie getroffen»

Der Zürcher Reno Sommerhalder sagt, wir hätten ein falsches Bild vom Bären. Das versucht er zu korrigieren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Thema Bär hat Sie vor mehr als dreissig Jahren quasi gefunden. Wie ist die ­Erinnerung an Ihre erste ­Begegnung mit einem Bären?
Es war meine erste Reise in die Rocky Mountains. Zum Abschied aus der Schweiz hatte ich ein kleines Kuh­glöckchen erhalten, das ich während des Tages an meinem Rucksack und am Abend an meinem Zelt befestigte. Ich hatte damals keine Ahnung von Bären – sonst wäre die erste Begegnung nicht so heftig ausgefallen.

Wie heftig?
Ich wache mitten in der Nacht auf, weil das Glöckchen klingelt. Ich setze mich in meinem Schlafsack auf und schaue einem Bären in die Augen, der meine Zeltwand aufgerissen hat. Wir starren uns an, ich im totalen Schock, er wohl auch. Nach einigen Sekunden zieht er sich zurück und geht. Die Geschichte ist der Beweis, dass ich keine Ahnung von Bären und Wildnis hatte.

Was war der Fehler?
Dass ich das Essen im Zelt gelagert hatte statt draussen. Eine wichtige Regel.

Andere wären nach dieser ­Begegnung vor dem Bären geflohen, Sie hat er augenblicklich in seinen Bann gezogen.
Der Bär blieb um das Zelt herum, ich habe ihn gehört – oder meinte ihn zu hören. Die Begegnung hat mich gleichermassen beeindruckt wie fasziniert. Danach bin ich den Bären nach, wollte ­wissen, was für Wesen sie sind, wie sie funktionieren. Später erst erkannte ich in den Tieren ein Symbol.

«In der Wildnis ist man immer im Jetzt.»

Wie meinen Sie das?
Wir brauchen die Natur, sonst geht die Welt kaputt. Es geht mir nicht spezifisch um Bären, sondern darum, was sie symbolisieren. Über Geschichten, die ich mit den Tieren erlebe, lässt sich das sehr gut vermitteln.

Wie würden Sie Ihre ­Faszination für die Bären beschreiben?
Stellen Sie sich vor: Zermatt im Herbst, einfach ohne oder nur mit wenigen Leuten. Die Lärchen leuchten golden, die Wiesen glühen rot-orange, es ist überall eine unheimliche Energie. Ich sitze auf einem Berggrat, rieche die Preiselbeeren, die Tundra, feines Eis überzieht die Tümpel am Morgen. Von dort oben schaue ich einem Grizzly zu, wie er Wurzeln ausgräbt . . .

Welche Rolle spielt der Bär in ­diesem Zermatt?
Der Grizzly dort unten durchstreift heute die Tundra, wie er es vor tausend Jahren schon getan hat. Und ich bin Teil davon. Das ist das andere, was geil ist: im Jetzt sein. Ich glaube, das sucht der Mensch. Und in der Wildnis ist man immer im Jetzt. Bei kleinen Kindern ist das so schön, weil sie total im Jetzt leben.

Sie wollen diese Faszination ­vermitteln, um so die Natur zu schützen. Sind Sie damit je ­gescheitert?
Wer auf einer Exkursion dabei war, kann sich dem fast nicht entziehen. Einmal haben wir an der Küste Kanadas nach weissen Schwarzbären gesucht. Diese Kermodebären sind sehr selten, wir planten eine fünfwöchige Expedition. Ein Journalist, der dabei war, war das erste Mal richtig in der Wildnis. Er winkte am dritten Tag ein vietnamesisches Fischerboot herbei. Er hatte Panik, er fühlte sich zu ausgesetzt.

Wie ist es, wenn Sie mit ­Exkursionen auf Bären treffen? ­Haben die Leute keine Angst?
Einen der schönsten Momente erlebte ich auf einer Expedition mit Leuten, die noch nie in der Wildnis waren. Wir liefen am ersten Tag das Ufer eines Sees entlang, es war neblig, und wir sahen vielleicht zwanzig Meter weit. Ich hörte einen Bären, sah ihn aber nicht. Plötzlich tauchte er auf, lief drei Meter neben mir geradeaus in den See, packte einen Rotlachs im Wasser und frass diesen schliesslich inmitten meiner Gruppe.

Ich kriege Panik vom Zuhören.
Ich schaute mich nach meinen Leuten um – sie hatten Tränen in den Augen. Die kamen mitten aus der Zivilisation mitten in die Wildnis, und da waren weder Angst noch Aggressivität, sondern ­Vertrauen und Respekt. Der komplette Frieden.

Haben Sie nie Angst?
Angst ist essenziell in der Wildnis. Sie darf einfach nie in Panik übergehen. Es gibt Situationen, in denen mir mein Bauchgefühl sagt, dass ich wegsollte. Aber ich fühle nur selten Angst.

Was sind das für Situationen, in denen sogar Sie Angst haben?
Ich stellte einmal mein Zelt an einem Lachsfluss auf, als am Abend ein jüngeres Männchen vorbeikam. Dieses machte zwar nichts, aber sein ganzes Verhalten stimmte nicht. Am kommenden Morgen bin ich gegangen. Vor diesem Bären hatte ich Angst. Mit dem wollte ich keine Zeit verbringen.

Was heisst das, Zeit mit Bären ­verbringen?
Rund um eine Hütte in Alaska gibt es so viel Bärenverkehr, dass man beim Rausgehen links und rechts schauen muss, um sicher zu sein, dass niemand kommt. Manchmal hört man Bären, die an die Hütte lehnen, um Zweige der Beeren­büsche zu sich runterzuziehen. Am Tag sitzt du vor der Hütte, beobachtest und bewunderst die zehn, zwanzig Bären um dich herum. Das heisst, Zeit mit ihnen zu verbringen.

Werner Herzog verfilmte die ­Geschichte von ­Timothy Treadwell. Der «Grizzly Man» wurde in seinem Zelt gefressen.
Ich kannte ­Timothy Treadwell. Wir ­sagten ihm immer wieder, es solle sein Zelt einzäunen und Pfefferspray mit­nehmen. Er entgegnete, er sei eins mit dem Bären, er habe eine spirituelle ­Beziehung zu diesen Tieren. Er sah sich selber als Bären.

Wie sehen Sie sich und Ihr ­V­erhältnis zu den Bären?
Ich sehe mich als Tier Mensch. Das Tier Bär ist eine andere Art. Die Beziehung zwischen Mensch und Bär hat fast keine Grenzen. Sogar Freundschaft ist möglich, aber nicht im menschlichen Sinne. Denn der Bär kennt nur eine Priorität: sein Überleben zu sichern.

Haben Bären Gefühle?
Es gibt eine Gefühlswelt, aber die hat wenig Platz. Da ziehe ich die Grenze. Treadwell hat die Grenze nicht mehr erkannt. Man kann durch Respekt ein Verhältnis aufbauen. Das heisst aber nicht, dass man auf einen Bären sitzen muss.

Hatten Sie als Bub auch einen ­Teddybären?
Ich kann mich nur an einen Koala ­erinnern. Und das ist nicht einmal ein richtiger Bär . . . Ich finde die Verniedlichung keine gute Sache. Sicher: Junge Bären sind niedlich. Aber kuscheln bringt dem Bären nichts, das ist nur für unser Ego. Wir sollten – das ist Teil meiner Mission – den Bären im richtigen Licht zeigen. Nicht als Kuschelbär und schon gar nicht als Bestie.

Sondern?
Der Bär ist einfach Bär. Ich hatte mehr als 15'000 Begegnungen mit Bären – die Bestie, über die manchmal berichtet wird, hab ich dabei nie getroffen.

«Wild – Unter Bären und Tigern», ­Multi­mediashow mit Reno Sommerhalder, am Samstag, 17. März, 19.30 Uhr im Volkshaus. Zusatzshow am Sonntag, 18. März, um 19.30 Uhr, ebenfalls im Volkshaus. Reservation: reno@renosommerhalder.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 20:56 Uhr

Artikel zum Thema

Qualvolles ­Leben – für einen ­Irrglauben

SonntagsZeitung Der Bärengalle wird in Asien heilende und potenzsteigernde Wirkung nachgesagt. In Vietnam werden Bären deshalb unter grausamen Bedingungen gehalten. Mehr...

Ein Wort ärgert die Tierschützer

«Dank Familienanschluss» sollen Schweizer Kühe glücklich sein, wirbt Swissmilk. Was ist mit Familienanschluss gemeint? In diesem Streit fiel nun ein Entscheid. Mehr...

Angebliche Yetis waren Bären

Eine Legende ist zerstört: US-Forscher haben DNA-Proben von angeblichen Yetiüberresten untersucht. Mehr...

Der Bärenmann

Der 52-jährige Reno Sommerhalder wuchs in Kloten und Zürich auf. Seit 1986 lebt der gelernte Koch in Kanada. Er hat mehrere Dokumentarfilme über Bären gedreht, mit denen er auf die Tiere und ihren bedrohten Lebensraum aufmerksam machen will. Er bietet mehrwöchige Bärentouren in Kanada und in Russland an und hält Vorträge zum Thema. Sommerhalder lebt mit seiner Partnerin und zwei Töchtern (18 und 6) in den Rocky Mountains. (bra)

www.renosommerhalder.ch

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ein Riecher für allerbeste Qualität

Wenn es darum geht, ausgezeichneten Kaffee herzustellen, wird bei Nespresso nichts dem Zufall überlassen.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ungewisse Zukunft: Seit Tagen harren auf einem Rettungsschiff 629 Flüchtlinge aus. Spanien hat sich nun bereit erklärt, das Schiff im Hafen von Valencia anlegen zu lassen, nachdem Italien die Einfahrt in seine Häfen verweigert hatte. (16. Juni 2018)
(Bild: Karpov/SOS Mediterranee/handout ) Mehr...