Balkonabbruch weckt Erinnerungen an die Hallenbad-Tragödie

Korrosion, falsch dimensionierte Verbindungen oder Billigstahl – dies sind laut Experten die möglichen Ursachen des Einsturzes in Uster. Wie das Hallenbad stammt auch die Alterssiedlung aus den 70er-Jahren.

Ein Balkon im dritten Stock der Alterssiedlung Kreuz stürzte auf die darunterliegende Etage. Verletzt wurde niemand.

Ein Balkon im dritten Stock der Alterssiedlung Kreuz stürzte auf die darunterliegende Etage. Verletzt wurde niemand. Bild: Keystone

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Glück im Unglück für die Bewohnerinnen und Bewohner der Alterssiedlung Kreuz an der Apothekerstrasse in Uster. Am Mittwochabend um 23.15 Uhr brach ein Balkon im dritten Stock auf einer Länge von 15 Metern mit einem einzigen Knall ab. Ohne Vorwarnung. Verletzt wurde niemand, weil in der Nacht die Balkone leer waren.

Einen Riesenknall habe es gegeben, sagt der Abwart des benachbarten reformierten Kirchgemeindehauses. Der Balkon brach ohne äussere Einwirkung ab und fiel auf den unteren Balkon. Die Bruchstelle ist glatt wie bei einem Stück Schokolade. Grund: Der Balkon wurde 1974 als separates Betonelement mit Stahlverbindungen an der Betondecke des Gebäudes befestigt. Diese bewährten Kragplattenanschlüsse haben den Vorteil, dass sie wärmedämmend wirken. Die Kälte dringt nicht direkt vom Balkon in den Stubenboden.

Alle Balkone wurden gesichert

Experten stellen einen ungünstigen Befund für diese Liegenschaft – und auch für andere Häuser, die in den 70er-Jahren allenfalls vom gleichen Baugeschäft gleichartig gebaut wurden. Als mögliche Ursache für den Abbruch vermutet Bauingenieur Andreas Federer, CVP-Kantonsrat und Inhaber eines Ingenieurbüros, dass entweder die Stahlverbindungen zwischen Balkon und Betondecke korrodiert sind oder die Verbindung falsch dimensioniert worden war. Möglich ist auch eine Kombination beider Ursachen.

Weil somit auch Einsturzgefahr für alle anderen Balkone des Altersheims besteht, hat eine Baufirma noch in der gleichen Nacht begonnen, die Laubengänge mit Stützen zu sichern. Der Trakt darf nicht mehr betreten werden.

Korrosion auch beim Hallenbad

Die Balkone waren beim Bau mit fingerdicken Eisen aus korrosionssicherem Stahl mit dem Gebäude verbunden worden. Doch in den 70er-Jahren sind gemäss Bauingenieur Federer häufig Eisen minderer Qualität vom Typ V2A – zum Teil aus der damaligen DDR – verwendet worden. Damals herrschte grosser Preis- und Zeitdruck, weshalb der Ruf vieler 70er-Jahr-Bauten nicht der beste ist.

Pikant ist, dass der Balkon ausgerechnet in Uster abbrach. Dort kam es 1985 zum tragischen Deckeneinsturz im 1972 erbauten Hallenbad, der zwölf Menschenleben forderte. Grund waren damals im Chlordampf korrodierte Aufhängebügel. Die Bügel wurden, wie die spätere Untersuchung der Empa zeigte, ebenfalls aus V2A-Stahl gefertigt. Heute mischt man korrosionssicherem Stahl Molybdän bei.

Untersuchung dauert Monate

Bis die Ursache des Balkonbruchs geklärt ist, werden noch Monate vergehen. Kantonspolizei, Staatsanwaltschaft und verschiedene Spezialisten haben gestern die Untersuchungen aufgenommen. Involviert sind auch Statiker und die Gebäudeversicherung. Es gebe bis jetzt keine klar ersichtlichen Indizien, sagt Kapo-Sprecher Werner Schaub. Auch eine strafbare Handlung sei im Moment nicht erkennbar. Beim letzten Balkoneinsturz im Kanton Zürich – 2006 in Wädenswil bei einem Neubau – war das anders. Damals wurde der verantwortliche Ingenieur zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er die tragenden Eisen vergessen hatte.

Die Alterssiedlung bei der reformierten Kirche ist 1974 im Baurecht gebaut worden. Sie gehört einer privaten Genossenschaft. Die Stadt Uster untersucht nun sämtliche Gebäude aus den 70er-Jahren, wie Stadtpräsident Martin Bornhauser gegenüber Radio 1 sagte. Es ist möglich, dass auch andere Balkone nach demselben Prinzip und mit ähnlichen Dimensionierungen gebaut wurden. Je nach Ergebnis der Überprüfung werde man Massnahmen veranlassen.

Bewohner sind bei Familien

Für die Bewohner des Altersheims war die Nacht ein Horror. Eine Rentnerin sprach von einem Lärm wie bei einer Bombenexplosion. Die von einer Bewohnerin der Alterssiedlung alarmierte Polizei und die Feuerwehr waren sofort vor Ort. Man habe versucht, die drei direktbetroffenen Bewohner anzurufen, damit sie die Wohnung nicht verlassen, sagte Werner Schaub von der Kantonspolizei. Die Verbindung war jedoch durch den Gangsturz unterbrochen. Laut dem Abwart konnten die Leute mit Zurufen gewarnt werden. Die Feuerwehr evakuierte aus Sicherheitsgründen die Bewohnerinnen und Bewohner aus ihren Wohnungen mit einem Hubretter über die Balkone auf der anderen Gebäudeseite. Betroffen war nicht die ganze Alterssiedlung, sondern bloss ein Hausteil mit 14 Wohnungen. Der Schaden beläuft sich auf mehrere Hunderttausend Franken.

12 der 14 betroffenen Personen konnten inzwischen bei ihren Familien oder Bekannten untergebracht werden, zwei wohnen vorübergehend im städtischen Altersheim Dietenrain. Zuvor musste die Feuerwehr die Bewohner mit Angehörigen per Hubretter in die Wohnung hieven, damit sie Kleider und weitere notwendige Gegenstände holen konnten. «Jetzt wohnt halt meine Mutter für einige Wochen wieder bei uns», sagte eine Tochter. Das Spielzimmer habe sie bereits geräumt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.12.2010, 06:06 Uhr

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