Bauernaufstand im Säuliamt

Die aufmüpfigen Bauern von Big-M wollen den Milchpreis anheben, indem sie die Billigexporte von Schweizer Milch unterbinden. Sie werden sich mit ihrem Vorschlag nicht nur Freunde machen.

Revolte aus dem Säuliamt: Werner Locher und Martin Haab bringen ihre «Faire-Milch-Kuh» auf Lochers Weide in Bonstetten.

Revolte aus dem Säuliamt: Werner Locher und Martin Haab bringen ihre «Faire-Milch-Kuh» auf Lochers Weide in Bonstetten. Bild: Reto Oeschger

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Die kämpferischen Bauern aus dem Säuliamt steigen wieder auf die Barrikaden. Vor vier Jahren haben sie an vorderster Front den Milchstreik organisiert, nun legen sie sich mit der Branchenorganisation Milch (BOM) an, mit Schwergewichten wie Emmi oder der Milchpulverfabrik Hochdorf, den Grossverteilern und auch mit dem Bundesamt für Landwirtschaft. Dort wurde der Newsletter der Bauern, die vor knapp zehn Jahren die Bauerngewerkschaft Big-M gegründet haben, zur Pflichtlektüre erklärt. Denn David hat den Goliaths das Fürchten gelehrt.

Das Stammgebiet von Big-M liegt im Säuliamt. Martin Haab aus Mettmenstetten ist der Präsident, Werner Locher aus Bonstetten der Sekretär. Martin Haab – rundum Tino genannt – ist ein Volkstribun, der am Stammtisch das Wort führt und niemandem nach dem Maul redet. Werner Locher ist kein Polteri. Seine grossen Pranken braucht er zum Zupacken bei der Arbeit, nicht, um auf den Tisch zu klopfen. Er ist ein stiller Revoluzzer. Locher ist parteilos, aber eher ein Linker. Haab sitzt für die SVP im Kantonsrat und soll morgen Dienstag zum Vizepräsidenten der Kantonalpartei gewählt werden. Doch wenn es um den Milchpreis geht, sind sie sich absolut einig: «Jetzt ist Schluss mit dem Milchschlamassel. Jetzt nehmen wir das Heft selbst in die Hand.»

Kein Milchpulverexport mehr

Am Mittwochabend hat sich der Vorstand von Big-M in Mettmenstetten getroffen und sich für einen Paradigmenwechsel entschieden. «Wir suchen nicht mehr die Konfrontation, sondern wollen einen Mittelweg einschlagen», sagt Locher. Dieser «Mittelweg» birgt allerdings mindestens so viel Zündstoff wie dereinst der Milchstreik. Big-M fordert nämlich, dass nur noch so viel Milch produziert wird, wie im Inland und über hochwertige Qualitätsprodukte im Export abgesetzt werden kann. «Schluss mit dem Dumpingexport von Magerkäse, Butter oder Milchpulver auf den Weltmarkt», verlangt Haab.

Seit vor drei Jahren die Milchkontingente abgeschafft wurden, haben sich die Schweizer Milchbauern in 38 verschiedenen Milchhandelsorganisationen zusammengeschlossen. Die jeweilige Sektion teilt jedem Produzenten ein Lieferrecht zu. Diese Milch heisst im Jargon «A-Milch». Wenn ein Bauer darüber hinaus produzieren will, so darf er das, er bekommt aber für die überschüssige Milch weniger Geld.

Seit dieser Neuregelung hat die jährliche Milchproduktion um 280 Millionen Kilo zugenommen. Denn viele Bauern versuchen, den gesunkenen Milchpreis mit einer grösseren Menge wettzumachen. Was wiederum den Druck auf den Milchpreis erhöht. So hat die Nordostmilch, an welche die meisten Zürcher Bauern liefern, im April angekündigt, dass sie den Preis für ein Kilo A-Milch um zwei Rappen auf 57 Rappen senken müsse. «Die Bauern nahmen es nahezu widerspruchslos hin», erzählt Haab kopfschüttelnd. «Viele haben einfach resigniert», sagt Locher. Ein fairer Milchpreis wäre laut Big-M 95 Rappen pro Kilo. Damit könne ein durchschnittlicher Schweizer Betrieb mit dreissig Kühen überleben.

Wer muss bremsen?

Wer soll denn seine Milchproduktion wie stark drosseln? Bisher haben sich alle um die Antwort gedrückt. Big-M antwortet nun klipp und klar: «Alle. Aber nicht alle gleich stark.» Jeder einzelne Milchbauer soll seine Milchproduktion zurückfahren. Haab führt aus: «Die Mengenbolzer müssen prozentual mehr bremsen als diejenigen Bauern, welche ihr Lieferrecht nie überschritten haben.» Er geht davon aus, dass die Milchbauern ihre Produktion um minimal fünf bis maximal zwölf Prozent senken müssen. «Damit würde immer noch genug Milch produziert, um den realen Bedarf an Schweizer Milch abzudecken.»

Für die Milchindustrie ist Big-M ein rotes Tuch. Das ging einst so weit, dass Locher und Haab im Nachgang zum Milchstreik indirekt angedroht wurde, dass man ihre Milch nicht mehr abholen werde. «Dann wäre die Situation aber eskaliert. Und das wollte niemand.» Auch in den Branchenverband BOM wurden die kämpferischen Bauernvertreter nicht aufgenommen. Trotzdem ist Big-M in den Diskussionen um den Milchmarkt mittlerweile eine Grösse, an der niemand vorbeikommt.

Werner Locher war einst Lehrer. Und er ist einer, der über seine Weide hinausschaut. In dem Newsletter, den Big-M gestern Abend an seine 1500 Mitglieder und Interessierte verschickte, ruft er zur internationalen Solidarität unter den Bauern auf: «Stopp mit der Ungerechtigkeit, dass alle Milchbauern für dieses Schlamassel bezahlen sollen und jeder mit seinem Geld noch mithelfen muss, Kolleginnen und Kollegen in der Zweiten und Dritten Welt an die Wand zu drücken.» Locher ärgert sich: «Die Bauern, welche hemmungslos Überschüsse produzieren, werden schönfärberisch als marktorientiert bezeichnet.» In Wahrheit aber seien sie «Marktignoranten». «Sie schaden sich und dem Berufsstand, denn sie schaffen Dumpingpreise.»

Kühe gehören auch in die Berge

Viele Bauern und Bauernpolitiker stellen sich auf den Standpunkt, dass zurzeit eine notwenige Strukturbereinigung im Gange sei und sich danach der Milchpreis erholen werde. Martin Haab prognostiziert: «Grossbauern im Mittelland entlang den guten Lieferwegen werden grosse Mengen Milch produzieren.» Locher fährt fort: «Gutes Ackerland im Mittelland wird für Milchproduktion verschwendet, während die Bergbauern, die sinnvollerweise Milchwirtschaft betreiben, weil sie kaum Alternativen haben, aufhören müssen.» Was wiederum zur Folge habe, dass die Kühe aus den touristisch attraktiven Gegenden verschwinden und stattdessen neben den Autobahnen grasen, wo sich niemand an ihrem Anblick freue.

Haab gibt unumwunden zu: «Ich produziere zurzeit zu viel Milch. Ich bremse, wenn geregelt gebremst wird.» Auch Locher melkt von seinen fünfzig Kühen in den guten Monaten mehr als sein Monatslieferrecht, weil er in den Sommermonaten, in denen seine Kühe auf der Alp sind, weniger abliefern kann. «Die nicht gemolkene Liefermenge ist nicht auf den nächsten Monat übertragbar – noch so ein Unsinn.» So könne er nicht im Frühling mehr als sein Lieferrecht abgeben und im Sommer dafür weniger. «Logisch, dass da ein Bauer immer mindestens so viel Milch verkaufen will, wie er zum besten Preis kann.»

«Gnueg Heu dune»

Big-M will in den nächsten zwei Wochen an drei Orten in der Schweiz an Milchbauernversammlungen ihren «Mittelweg» vorstellen und diskutieren. Locher sagt: «Die Situation ist dramatisch, und viele Bauern haben resigniert. Vor allem diese wollen wir aufrütteln.» Am Freitag bekamen Locher, Haab & Co. von unerwarteter Seite Schützenhilfe. Die Nordostmilch hat ihren Zulieferern gemeldet, dass sie den Milchpreis nicht wie an der Aktionärsversammlung im April angekündigt, auf Anfang Mai um zwei Rappen, sondern um vier Rappen senken werde.

Haab ist empört: «Wir haben achtzehn Tage zu einem vor vier Wochen abgemachten, ohnehin niedrigen Preis unsere Milch geliefert, und jetzt heisst es einfach: Entschuldigung, nochmals zwei Rappen weniger.» Und das, obwohl die Branchenorganisation BOM den Richtpreis für A-Milch auf 66 Rappen festgesetzt habe. Bei einem Durchschnittsbetrieb, der gut 11 000 Kilo pro Monat liefert, macht das 1210 Franken Einbusse. «Wo gibt es das sonst, dass der Käufer den Preis bestimmt und ihn sogar im Nachhinein und rückwirkend noch ändern kann?», fragt Haab. Und jetzt fährt Lochers grosse Faust doch noch auf den Tisch: «Wenn da ein Milchbauer nicht sagt, jetzt isch gnueg Heu dune, verstehe ich die Welt nicht mehr.»

Erstellt: 21.05.2012, 07:54 Uhr

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