Bei Meteo Schweiz bleiben in der Hitze die Köpfe kühl

Wie das Hoch die Meteorologen beschäftigt und warum Sturm, Eis und Gewitter anspruchsvoller sind.

Alltag bei Meteo Schweiz: Ein Pilot erkundigt sich nach dem Wetter für den Flug nach Palermo. Foto: Reto Oeschger

Alltag bei Meteo Schweiz: Ein Pilot erkundigt sich nach dem Wetter für den Flug nach Palermo. Foto: Reto Oeschger

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Ein Pilot der Edelweiss Air kommt ins Operation Center 1 am Flughafen und erkundigt sich bei Meteo Schweiz nach den Bedingungen für den Flug nach Sizilien. «Kein Problem», sagt der Berater an einer grossen Videowand, «die Gewitterwolken bleiben über Spanien.» Der Organisator eines Grümpelturniers ruft an, und erkundigt sich bei Rolf Bleiker vom Kundendienst, wie warm es wird. «Rund 37 Grad», sagt ihm Bleiker. Den Entscheid, ob man bei dieser Hitze tschutten soll, überlässt er aber dem Organisator.

Bei den Meteorologen hat am Donnerstagnachmittag Daniel Gerstgrasser Dienst. Er steht in kurzen Hosen vor vier Bildschirmen und einer riesigen Papierkarte mit ausgedruckten Meteodaten. Gerstgrasser, der übers Gleitschirmfliegen zur Meteorologie kam, ist für die offiziellen 17-Uhr-Wetterprognosen zuständig. Um 16.15 Uhr schliesst er sich mit seinen Kollegen von Lugano und Genf kurz – «damit es bei den Wetterprognosen keinen Röstigraben gibt».

Vom Zürichberg nach Kloten

Heute hat Daniel Gerstgrasser einen lockeren Dienst, weil die Wettersituation äusserst stabil ist. Er kann sich auf einen Grillabend zu Hause einrichten – «nur wenn sich noch Gewitter bilden würden, dann müsste ich bis um 23 Uhr arbeiten». Die Spätschicht hat heute die Meteorologin Sabrina Lang. Sie kümmert sich vor allem um die Piloten. Die Luftfahrt ist einer der grössten Kunden des Bundesamtes für Meteorologie und Klimatologie, wie Meteo Schweiz offiziell heisst. 2014 sind 250 Angestellte der 1881 als Meteorologische Zentralanstalt gegründeten Bundeswetterfirma vom Zürichberg in den Flughafen gezügelt. Vom Büro aus sehen sie die Flugzeuge auf der Piste.

Da ist es fast etwa anachronistisch, als ein Bauer anruft und fragt, ob er sein Gras schon abschneiden soll. Gerstgrasser hat während seines Studiums auf der Alp gearbeitet und ist gleich doppelt vom Fach. «Ich würde nicht zu viel abschneiden», rät er, «es bleibt heiss, und die Niederschläge in der Nacht auf den Mittwoch sind kaum ergiebig.» Schneiden Bauern heute ihre Wiesen, dann verdorren sie. Gratis gibt Meteo Schweiz diese Auskünfte nicht. Eine Beratung über 0900 162 333 kostet 3 Franken plus 1.50 pro Minute. Billiger – und vor allem zuverlässiger – als bei Mike Shiva.

50 Prognosemodelle vereint

Bei den Dutzenden von Diagrammen, die Gerstgrasser zur Verfügung stehen, konzentriert er sich heute vor allem auf die Temperaturkurve auf 1500 Meter über Meer in der Region Zürich. 50 Prognosemodelle vereinen sich dort – und alle sagen das Gleiche: In der Nacht auf den kommenden Mittwoch sackt diese Kurve ab; dann ist die extreme Hitze vorerst vorbei. Dienst in dieser möglichen Gewitternacht hat Sabrina Lang. Sie stellt sich auf eine arbeitsreiche Nacht ein.

Mit Prognosen führen Daniel Gerstgrasser und die Meteorologen immer einen mehr oder weniger heiklen Hochseilakt durch. Und trotzdem wagt er die Prognose: «Derart starke Signale, dass es vier Wochen lang heiss bleibt, sieht man selten.» Grund für seine Aussage: Ein Hochdruckkeil in der Form eines griechischen Omegas hat sich felsenfest über Zentraleuropa etabliert. Und dieses blockt alle Wettereinflüsse ab, die sonst vom Atlantik her zu uns ziehen.

Den scheinbar einfacheren Job als der Meteorologe hat Klimatologe Stephan Bader. «Ich bin immer auf der sicheren Seite», sagt er, «ich schaue nicht vorwärts, sondern zurück.» Er findet sich in über 100-jährigen Statistiken und Tera­bytes von Daten zurecht. Nach dem gigantischen Augustunwetter 2005 sass Bader eine Woche lang am Telefon. Journalisten wollten Regenmengen für jede Gegend und Zeitspanne wissen, und auch bei den Versicherungen sind solche Daten entscheidend für Zahlungen.

Nur Petrus kennt die Zukunft

Auch heute ist Bader ein gefragter Mann. Er ist der Mann, der die Hitze einordnen und Rekorde belegen kann. Die zentrale Frage an ihn: «Wird 2015 ein Rekordhitzesommer wie 2003?» Bader muss passen: «Der Juli dürfte heiss werden», sagt er, «aber das Wetter im August kennt bloss Petrus.» Ein ganzer Bildschirm leuchtet rot. Einzige Ausnahme: das Obertoggenburg. Bis zum Montagabend gilt höchste Hitzewarnstufe 4. Der Sturm Lothar 1999, die Hitze 2003 und das Unwetter 2005 haben dazu geführt, dass Meteo Schweiz über Apps, Internet und Medien vor gefährlichen Wetterereignissen warnt. Es gebe auch Leute, sagt Bleiker, die wegen der Hitzewarnung verunsichert anrufen würden. «Es gibt aber wesentlich mehr Reklamationen, wenn wir vor einem Ereignis nicht warnen würden.»

Erstellt: 02.07.2015, 22:55 Uhr

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