«Bei ausländischen Bevölkerungsgruppen besteht eine gewisse Skepsis»

Deutsche schicken ihre Kinder nach Süddeutschland ins Gymi. Martin Wendelspiess, Chef des Zürcher Volksschulamts, bereitet das keine Sorgen.

«Die Schule ist ein sehr hoher Integrationsfaktor»: Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamts Kanton Zürich, betont im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet den Stellenwert der Schweizer Schulen.

«Die Schule ist ein sehr hoher Integrationsfaktor»: Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamts Kanton Zürich, betont im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet den Stellenwert der Schweizer Schulen. Bild: Dominique Meienberg

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Herr Wendelspiess, gemäss einem Artikel des «Tages-Anzeigers» schicken deutsche Einwanderer ihre Kinder in deutsche Gymnasien, damit sie dort Abitur machen können. Ist Ihnen dieses Phänomen bekannt?
Es handelt sich dabei nur um ein paar Dutzend Kinder und damit liegen die Zahlen verglichen mit jenen im gesamten Kanton Zürich im Promillebereich. Wir haben über 5000 deutsche Kinder an unseren Schulen. Alleine 600 von ihnen besuchen öffentliche Mittelschulen. Es ist also kein grosses Phänomen.

Trotzdem scheint es bei deutschen Eltern Unsicherheiten zu geben, was das Bildungssystem anbelangt.
Die Deutschen gehören zu einer Bevölkerungsgruppe, die sich sehr gut informiert. Wir stellen aber generell fest, dass in allen ausländischen Bevölkerungsgruppen, die in ihren Heimatländern kein duales Berufsbildungssystem kennen, eine gewisse Skepsis besteht. Sie wissen nicht, wie wertvoll eine Berufsbildung in der Schweiz sein kann und dass damit auch ein Hochschulstudium möglich ist.

Was wird getan, um diese Skepsis abzubauen?
Es gibt verschiedene Bemühungen. Einerseits finden regelmässig Informationsabende der Fachstelle für Integrationsfragen statt – diese werden gerade von Deutschen sehr gut besucht. Ein Veranstaltungsblock befasst sich dabei ausschliesslich mit Bildungsfragen. Dann bieten wir Informations-DVDs in verschiedenen Sprachen an, die an Elternabenden gezeigt werden oder von den Eltern direkt gemietet oder gekauft werden können. Schliesslich informieren die verschiedenen Gemeinden ihre Neuzuzüger selbst im Rahmen von Elternabenden oder anderen Veranstaltungen. Hinzu kommen die verschiedenen Berufsberatungs- und Berufsbildungsstellen, die über die gute Verankerung der Berufsmatura im Bildungssystem informieren. Ausserdem führt das Mittelschul- und Berufsbildungsamt gemeinsam mit den Berufsbildungsforen in den Bezirken die Info-Veranstaltung «Gymi und Lehre – beide Wege führen zum Erfolg» durch. Sie richtet sich in erster Linie an Eltern von Oberstufenschülerinnen und -schülern.

Wie sieht diese Verankerung der Berufsmatura im Bildungssystem aus?
Die Jugendlichen, die eine Berufsmatura erlangen, haben einerseits sehr gute Chancen in der Berufswelt. Sie haben andererseits aber auch die Möglichkeit, von der Berufsmaturitätsschule ohne zusätzliche Prüfung in eine Fachhochschule zu wechseln. Für den Wechsel in eine klassische Universität ist zwar eine Zusatzprüfung nötig, der Zugang ist aber auch da offen. Deshalb ist es auch nicht korrekt, wenn man die gymnasiale Maturaquote mit den Abiturquoten vergleicht: Die Berufsmaturität wird oft nicht mitgezählt, dabei wäre auch damit ein Übertritt in eine Hochschule möglich. Das ist ein Umstand, den selbst viele Schweizer Eltern noch nicht kennen. Viele sind zu Zeiten aufgewachsen, als es noch keine Berufsmaturitätsschule gab. Aber auch hier sind wir auf gutem Wege, um die Informationslücken zu schliessen.

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang der Aspekt, dass Kinder in ihrem Wohnort zur Schule gehen?
Grundsätzlich ist es sehr wichtig, dort die Schule zu besuchen, wo man zu Hause ist – das gilt für die Kinder ausländischer Eltern genauso wie für Schweizer Kinder. Die sozialen Kontakte und die schulischen Anschlussmöglichkeiten sind besser gegeben, wenn man innerhalb des Schulsystems bleibt. Im kantonalen Bildungssystem sind die Schulstufen aufeinander abgestimmt.

Also bekommen die Kinder, die Schulen in Deutschland besuchen, eher soziale Probleme?
Es hat derzeit mehr Schweizer, die ihre Kinder an Privatschulen schicken, als Deutsche, die ihre Kinder nach Deutschland bringen. Der Ausgang der Abstimmungen über die freie Schulwahl hat deutlich gezeigt, dass über 80 Prozent der Menschen im Kanton Zürich den Grundgedanken haben, dass man dort zur Schule gehen sollte, wo man lebt. An Schulen wird nicht nur gelernt. Dort treffen auch verschiedene Nationen, Religionen und Geschlechter zusammen. Die Schule ist also ein sehr hoher Integrationsfaktor. Und das ist den meisten Eltern bewusst.

Erstellt: 05.10.2012, 13:19 Uhr

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