Bei den Reichsten, bei den Ärmsten

Uitikon und Hofstetten im Kanton Zürich: Wo sieht man eigentlich den Unterschied der Millionen?

Gehegt und gepflegt: Der Dorfplatz in Uitikon. Fotos: Reto Oeschger

Gehegt und gepflegt: Der Dorfplatz in Uitikon. Fotos: Reto Oeschger

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Durch Uitikon fährt man mit Tempo 30. Und als ob sie bestellt worden wären, kurven nacheinander ein Porsche Cayenne und zwei Audi-Geländewagen in den Kreisel im Zentrum. In Hofstetten sind 50 erlaubt. Ein alter Mann düst auf einem Töffli durchs Dorf. «Les extrêmes se touchent», sagen die Franzosen. Im Fall der beiden Gemeinden könnten die Extreme nicht weiter auseinander liegen. Wer von der einen in die andere fährt, sitzt eineinhalb Stunden in Zug und Bus. Uitikon sonnt sich auf Platz eins in der Zürcher Rangliste mit den höchsten steuerbaren Einkommen. Hofstetten klebt 169 Ränge tiefer. Nur die höchstgelegene Zürcher Gemeinde versinkt tiefer im Loch. Sternenberg, das mit der Fusion mit Bauma nicht gerade fein, aber doch raus sein wird – aus dem Ranking, nachdem der Uitiker letztes Jahr 155'000 Franken versteuerte. Dreimal mehr als der Hofstetter.

Grüssen im Landbus

«Guten Morgen», sagt der Busfahrer vor dem Bahnhof Elgg. «Guten Morgen», grüssen die Passagiere zurück wie Schüler ihren Lehrer. Dann fährt er los ins Städtchen, wo seine Stimmung kurz kippt. «Könnt ihr nicht vorher drücken?», ruft er zwei Männern an der Türe zu. Die haben die Haltestelle verpasst und möchten doch noch aussteigen. Die Gesichter zweier Fahrgäste kleben sofort am Fenster, und der Kommentar lässt auch nicht lange auf sich warten. Kaum hat der eine Senior die Zeugen Jehovas an den weissen Hemden und der schicken Bundfaltenhose erkannt, raunt er: «Stündeler», und die hätten ja sowieso keine Ahnung. Von was auch immer. Die Episode jedenfalls hat nun wenig mit Geld zu tun, aber viel mit dem Klischee, dass man auf dem Land noch einen Blick hat für alles, was aus dem Rahmen fällt. Der Bus fährt weiter den Hang hoch durch den Wald nach Hofstetten.



Einfach und zweckmässig: Das Gemeindehaus in Hofstetten, das aus Büro, Sitzungszimmer und Wohnung besteht.


In Wiedikon grüssen im Bus weder Passagier noch Fahrer. Dies erwartet auch keiner. Weil plötzliche Nähe in der anonymen Stadt grundsätzlich irritiert, was sich auch im Tram zeigt. Dann, wenn ein zu redseliger Chauffeur meint, er müsse jeden neuen Passagier persönlich begrüssen. Und schliesslich ist man nicht auf Weltreise, sondern auf einem Kurztripp hoch zur Waldegg, die Uitikon in Ringlikon und Uitikon Dorf trennt. Nach rechts geht es ins Dorf, das im Geld schwimmt, wie Hofstetten am anderen Ende des Kantons über viel Grün verfügt. Ein fröhliches Grün übrigens. Nicht das finstere wie im nahem Tösstal. Auch dort strampeln Gemeinden in den Niederungen der Einkommensrangliste. Spürt man dort aber auf Schritt und Tritt, wie mit der Industrie einst der ganze Optimismus bachab ging, ist Hofstetten eine einzige Überraschung. Mit seinen Bauernhäusern posiert es in der Sonne wie eine Modellgemeinde für die «Landliebe». Jenes Magazin, das Verdichtungsopfer von einer idyllischen Welt träumen lässt. Einem Dorf wie Hofstetten, das als Politische Gemeinde Wald, Wiesen und andere Weiler wie Dickbuch oder Huggenberg umfasst.

Auf dem Laufsteg beim Beck

«Was dörf s sii?» – In Uitikon pulsiert das Leben in der Bäckerei Bode. Ein fröhliches «Meet and Greet», wie man das in der nahen anglophilen Finanzmetropole gerne nennt. Eine Bekannte grüsst die andere und das dörfliche Lebensgefühl das mondän städtische, das so viel auf sich hält.

Hier beim Beck schwankt Uitikon zwischen familiärer Ländlichkeit und steueroptimiertem Züriberg, wo das in den Banken verdiente Geld in Gipfeli und Birchermüesli investiert werden will. Die einen Anlegerinnen tragen dabei nicht Kostüm und Perlenkette, sondern ganz nonchalant Jeans, denen man aber ansieht, dass sie nicht bei H&M gekauft wurden. Und eine trägt ein Shirt, das keck ihre Brust abzeichnet.

Ob sie das in ihrem Alter noch tun sollte, um diese Frage geht es nicht. Sondern um die Feststellung, dass mit Geld eine Tendenz verbunden ist, Grenzen zu überwinden, die anderswo als naturgegeben angesehen werden.

Ein Wort hört man oft: «Bescheiden»

Arm sei Hofstetten schon immer gewesen, sagt die Seniorin vor dem Bauernhaus. Gestört habe es sie nie. Jeans und T-Shirt trägt auch sie. Nur wollen die nicht mehr als Kleider sein. Man lebe hier bescheiden. Ein Wort, das öfters fällt, wenn man fragt. Bescheiden. Dass man sich anpasst an das, was man hat.

Was nicht heisst, dass Hofstetten nichts hätte. Zwar gibt es keinen Arzt und keine Apotheke. Der Weiler selber hat weder Beiz noch Beck, die gibt es drei Kilometer entfernt in Dickbuch. Man hat keine Mehrzweckhalle, und rennen die Schüler 60 Meter, dann rennen sie die ersten 30 Meter auf Rasen und die zweiten auf Teer. Aber immerhin haben die Hofstetter einen Bus, nachdem man während Jahren die einzige Gemeinde im Kanton war, die keinen hatte. Und ihre Häuser haben die Hofstetter. Häuser, die sie pflegen und die sie in der Statistik des steuerbaren Vermögens irgendwo ins kantonale Mittelfeld heben.

Uitikon ist nicht Goldküste

Mit 1,5 Millionen Franken pro Kopf steht Uitikon in dieser Rangliste nicht ganz an der Spitze, aber doch auf Platz sieben. Man sieht es dem Dorf an: Die Bauernhäuser im Zentrum sind längst renoviert und umgenutzt. Sie wirken, als ob sie sich zur Wagenburg zusammengeschlossen hätten, um den Ansturm der Einfamilienhäuser abzublocken. Dass diese sich nicht den Hang hinunter bis auf das Plateau ergiessen, hat eine gescheite Bauordnung verhindert.

Mit viel Grün fügen sich die Häuser in den Hang, Uitikon wirkt nicht zersiedelt, und Uitikon ist nicht die Goldküste, wo Villen darum rangeln, wer die imposantere ist. Die Gemeinde pflegt da eher eine Art Einfamilienhaus-Sozialismus auf hohem Niveau, auch wenn die jüngsten Bauten sich nun stärker in Pose werfen. «Sueched Sii öpis?» – Wer stehen bleibt, fällt auf. Ein Haus, ein Maserati davor. Die Frau fährt ganz normal Ford, auch das gibt es hier, stoppt, kurbelt die Scheibe runter. Und so sympathisch sie fragt, versteckt sich hinter dem Hilfsangebot doch ein gewisses Misstrauen. Aber auch ein Mut, um überhaupt zu fragen. Die Antwort bricht das Eis. Sie lacht und erzählt, wie man sie auch gefragt habe, ob sie neu in Uitikon sei, als sie das erste Mal auf dem Kinderspielplatz gewesen sei.

Kinder als sozialer Kitt

Eine dörfliche Gemeinschaft deutet sich da an. Eine, in der es die Kinder sind, welche den sozialen Kitt legen – zwischen den Familien und in der Gemeinden. Wer keine Kinder hat und sich nicht bemüht, bleibt draussen. Und bleiben zu viele draussen, wird der Ort zur Schlafgemeinde. Hofstetten ist keine. Knapp 500 Einwohner verteilen sich über die Dörfer. Man kennt sich, auch über die Weiler hinweg. Zugezogene, die wenig Interesse am Gemeindeleben zeigen, gibt es auch hier. Wieso sollten sie auch, stellt ein Pensionierter, der im Garten werkelt, fest. Winterthur sei keine halbe Stunde entfernt. Wer von dort komme, werde seine Freunde behalten. Die wenigen Vereine bekommen diese Mobilität zu spüren. Der Schützenverein steht vor dem Ende, und in der Turnergruppe ist man froh, wenn man zu viert Faustball spielen kann. Auch die Augustfeier hat sich über die Jahrzehnte verändert, wie sich ein Dickbucher erinnert. Sang Ende der 1940er-Jahre noch der Männerchor und wurde der «Wilhelm Tell» aufgeführt, singt und redet heute keiner mehr. Aber immerhin lege man noch gemeinsam Würste aufs Feuer.

Hofstettens Vision: Das Ende

Vor dem Gemeindehaus in Uitikon steht ein Mercedes, und auf der Homepage ist von einer neuen Turnhalle als Vision die Rede. In Hofstetten stehen vor dem Gemeindehaus zwei Fahrräder, und fragt man im kleinen Büro nach der Vision, huscht ein Lächeln über das Gesicht des vielleicht jüngsten Gemeindeschreibers der Schweiz. «Die Liquidierung der Gemeinde», das sei die Vision.

Hofstetten ist eine Idylle, die sich schlecht verkaufen lässt. Spürt man unten im Tal, wie der Druck aus dem nahen Winterthur das Land zur Agglo verdichtet, ist hier Natur. Wie in Uitikon liessen sich Scheunen umnutzen. Es passiert kaum. Weil das Geld fehlt. Weil man den Besitz in der Familie halten will. Weil sich der Verkauf wegen der tiefen Bodenpreise nicht lohnt. Weil Bauvorschriften im Wege stehen.

Es gibt Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Hofstetten ist eine Gemeinde mit beschränkter Autonomie. Ein schöner Fleck zum Leben, wie Gemeindepräsident Roger Gerber sagt. Aber einer, den die Kulturlandinitiative in die Rolle des Landschaftsmuseums drängt. Ein Gesuch um Umzonungen hat der Kanton kürzlich abgelehnt. Man fühle sich grundsätzlich wohl in dieser Rolle, sagt der parteilose Gerber. Nur in den Ruin sollte sie nicht führen. Eine Million Franken Defizit schreibt die Gemeinde trotz aller Bemühungen im Jahr. Den höchsten Steuerfuss hat man mit 124 Prozent schon. Würde der Kanton seine Defizitdeckung kürzen, müsste man ihn weiter anheben. Und dann könnten sich auch die wenigen sehr guten Steuerzahler, die ja nicht aus Steueroptimierungsgründen hier wohnen, ­einen Wegzug überlegen.

Hofstetten plant die Fusion

Hofstetten will den Weg von Sternenberg gehen, es plant die Fusion. Mit Schlatt ging es schief, da wollten die Hofstetter nicht. Nun will man es mit Elgg versuchen. Ob die Elgger auch wollen? Mit einer konsultativen Abstimmung soll das Terrain sondiert werden.

Probleme mit dem Steuerfuss kennt auch Uitikon. Einfach andersrum. Die 77 Prozent ziehen Leute mit hohem Einkommen an. Dafür fehlen die Wohnungen für den Mittelstand, wie Gemeindepräsident Victor Gähwiler letzte Woche gegenüber dem «Blick» sagte. Für die Leute also, welche sich in den Vereinen und in der Feuerwehr engagieren und den sozialen Kitt in eine Gemeinde bringen. «Les extrêmes se touchent», sagen die Franzosen. Und in einem Punkt treffen sich Uitikon und Hofstetten dann doch. Beides waren Bauerndörfer. Und in beiden bauert im Dorfkern noch einer. In Uitikon färbt die Nähe zu Zürich aber auch auf den Bauern ab. Seinen Hof nennt er Ranch, seine Kühe sind nicht einfach Kühe, sondern Hereford-Rinder, und seine Angestellten sind gebrandet wie Angestellte einer Restaurantkette. Sie tragen ein Shirt mit Betriebslogo.

Erstellt: 31.08.2014, 23:22 Uhr

Uitikon und Hofstetten

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