Bei der Zeckenimpfung kommt es zu Lieferengpässen

Seit der Bund die Impfempfehlungen angepasst hat, ist die Zeckenimpfung gefragter denn je. Mit Folgen für die Versorgung in Zürich.

Gefährlich: Die Frühsommer-Meningoenzephalitis ist eine Hirnhautentzündung, die durch Zeckenbisse übertragen wird. Foto: Sciepro, SPL

Gefährlich: Die Frühsommer-Meningoenzephalitis ist eine Hirnhautentzündung, die durch Zeckenbisse übertragen wird. Foto: Sciepro, SPL

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Der Impfstoff sei leider ausgegangen, bekam die TA-Leserin im Zentrum für Reisemedizin der Uni Zürich zu hören. Dort wollte sie sich Anfang Woche ihre Zeckenimpfung auffrischen lassen. «Wir haben so viele Zeckenimpfungen in letzter Zeit», bekam sie als Begründung zu hören.

Statt des Impfstoffs FSME-Immun, der ihr beim ersten Mal gespritzt worden war, wurde der Frau der Ersatzimpfstoff Encepur N verabreicht. Laut Ärzten soll dies problemlos möglich sein – die beiden in der Schweiz zugelassenen Zecken-Impfstoffe der Pharmariesen Pfizer respektive GlaxoSmithKline seien in der Regel eins zu eins austauschbar.

Hausärzte ohne Impfstoff

Auch in der Olympia-Apotheke am Zürcher Stauffacher bestätigt eine Mitarbeiterin, dass es bei FSME-Immun in letzter Zeit immer wieder Lieferengpässe gegeben habe.

Die Zahl der Arztbesuche wegen Zeckenbissen ist im laufenden Jahr tiefer als im Vorjahr.

Die Knappheit bekommt aktuell auch Zürichs höchster Arzt zu spüren: «Wir haben nichts mehr auf Lager, am Mittwoch habe ich die letzte Dosis FSME-Immun gespritzt», sagt Josef Widler, Hausarzt in Altstetten und Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich. Laut Widler gab es in den letzten Monaten immer wieder Knappheiten bei den Zecken-Impfstoffen. Hausärzte konnten zum Teil nicht mehr impfen und versuchten, sich bei Kollegen mit dem Impfstoff einzudecken.

Das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung führte im Juni FSME-Immun auf seiner Liste der aktuellen Versorgungsengpässe. GlaxoSmith­Kline listet Encepur N auf der Firmenwebsite aktuell als «limitiert verfügbar»; 1er-Dosen seien erst wieder Ende September verfügbar. Bei Pfizer Schweiz hiess es gestern Freitag dagegen, FSME-Immun sei derzeit wieder lieferbar.

Dreimalige Impfung nötig

Hauptgrund für die Schwankungen und Engpässe bei der Versorgung ist die stark gestiegene Nachfrage im In- und Ausland. Seit das BAG Anfang Jahr praktisch die ganze Schweiz zum Zecken-Risikogebiet erklärt hat, lassen sich immer mehr Menschen impfen – aus Angst vor der gefährlichen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), eine durch Zeckenbisse übertragbare Hirnhautentzündung. «Die Leute sind viel sensibilisierter geworden», stellt Ärztepräsident Widler fest. Dies nach einer Häufung der Fälle im letzten Jahr.

Zecken, die in Wiesen und im Unterholz lauern, sind von März bis November aktiv. Die FSME-Impfung muss für einen vollständigen Schutz dreimal ausgeführt werden – im Abstand von einigen Monaten. Danach sollte man sie alle zehn Jahre ­auffrischen.

Weil Encepur N und FSME-Immun derzeit «nur in sehr beschränkter Menge erhältlich» sind, rief das Bundesamt für Gesundheit (BAG) Ende Juni Ärzte und Apotheken zu einem sparsamen Einsatz dieser Impfstoffe auf und gab Übergangsempfehlungen ab. Bei Personen, die bereits drei Dosen erhalten haben, soll die nach zehn Jahren empfohlene Auffrischimpfung «einige Monate» aufgeschoben werden. Bei Grundimmunisierungen von Personen unter 50 Jahren soll die Verabreichung der ­dritten Dosis ebenfalls einige Monate aufgeschoben werden, da bereits zwei bis drei Wochen nach der zweiten Dosis bei über 95 Prozent der Geimpften neutralisierende Antikörper vorhanden seien, die während des nächsten Jahres schützen.

Weniger Erkrankungen

Doch warum kommt es in einem reichen Land wie der Schweiz überhaupt zu solchen Lieferengpässen? Daniel Koch, Leiter der Abteilung übertragbare Krankheiten im BAG, verweist auf die Konzentration der Produktionsstätten von Impfstoffen. Weil immer weniger Fabriken einen bestimmten Wirkstoff herstellten, steige das Risiko für Knappheiten, wenn eine Fabrik einmal ausfalle. Bemerkenswert ist laut Koch, dass die Zahlen der FSME-Erkrankungen und jene der Arztbesuche wegen Zeckenbissen im laufenden Jahr in der ganzen Schweiz «wesentlich tiefer» seien als im Vorjahr.

Jan Fehr leitet das Zentrums für Reisemedizin der Uni Zürich. Er befürchtet, dass die Engpässe bei Impfstoffen, auch bei jenen gegen Hepatitis A oder Tollwut, ein Thema bleiben werden. Deren Produktion sei hochspezialisiert,und es werde knapp kalkuliert. «Der Return on Investment muss genau stimmen.» Herstellerfirmen wollten nicht auf den Impfstoffen sitzen bleiben und produzierten deshalb stets nur so viel wie nötig. «Im Bereich der Impfstoffe wird sehr empfindlich spürbar, dass die Gesundheit in weiten Teilen dem Markt unterworfen ist», sagt Fehr.

Damit die Zürcher Bevölkerung nicht darunter leiden müsse, sei das Zentrum für Reisemedizin bestrebt, grosse Lagerbestände zu haben. Damit es auch dann noch über Impfstoffe verfügen kann, wenn diese anderswo bereits fehlen.

Erstellt: 12.07.2019, 21:46 Uhr

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