Bei ihnen lernte Blocher chrampfen und sparen

Das Bauernehepaar Fritz und Hedi Zuber aus Ossingen im Weinland fiebert am Sonntag bei den Ständeratswahlen mit seinem ehemaligen Lehrling mit.

«Er wollte schon als Bürschtli stark sein»: Fritz Zuber blättert mit Frau Hedi im Fotoalbum – an dem Platz, wo sonntags einst Lehrling Christoph sass.

«Er wollte schon als Bürschtli stark sein»: Fritz Zuber blättert mit Frau Hedi im Fotoalbum – an dem Platz, wo sonntags einst Lehrling Christoph sass. Bild: Dominique Meienberg

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Am Eingang zum prächtigen Gewölbekeller der Zubers im Weinländer Bauerndorf Ossingen steht eine Betontafel mit zwei Handabdrücken. Keine grossen Hände sind es, eher klobige – «gschaffige» würden die Einheimischen sagen. Sie gehören «Bundesrat Christoph Blocher», wie dieser daselbst in den Beton geschrieben hatte. Das war 2006. Anlässlich ihrer goldenen Hochzeit hatten Fritz und Hedi Zuber-Ganz auch den ehemaligen Lehrling zur Feier geladen, und er war gekommen, mitsamt Bodyguard. «Den hat er aber wieder weggeschickt», erzählt Hedi Zuber. «Er hat gesagt, es gebe hier genügend Leute, die auf ihn aufpassen würden.»

Fritz und Hedi Zuber sind ruhig, bescheiden, ein bodenständiges Paar, beide seit Generationen im Zürcher Weinland verwurzelt. Hedi ist 78, Fritz 86. Sie haben fünf Söhne, eine Tochter und fünfzehn Enkel. Seit je heisst jeweils der Erstgeborene Fritz. Grossvater Fritz war lange Gemeindepräsident von Ossingen. Hedi Zuber stammt aus der Ganz-Dynastie vom Irchel, die schon mehrere Politiker stellte. Die einstige Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) und heutige SVP ist die politische Heimat der Familie, etwas anderes gab es im Weinland lange überhaupt nicht. Doch politisiert wurde am Stubentisch der Zubers nie gross, auch nicht mit Lehrling Christoph.

Faxen für einen Fünfliber

1956 bis 1958 hatte der Pfarrerssohn aus Laufen-Uhwiesen bei ihnen die Ausbildung zum Landwirt gemacht. «Hier oben am Tisch sass er am Sonntag», sagt Fritz Zuber. Die Stube des herrschaftlichen Hauses mit altem Täfer, Kachelofen samt Ofebänkli war für das Sonntagsmahl reserviert. Werktags wurde in der Küche gespeist. Geschlafen haben die beiden Lehrlinge Christoph und Heiri in der Burschenkammer über der Küche, wo das Ofenrohr für Wärme sorgte. Damals wurde noch mit dem Pferdegespann gepflügt, mit der Sense gemäht und der Rebberg mit Haue und Charscht von Unkraut befreit. «Christoph wollte schon als Bürschtli stark sein und seinen Mann stellen», sagt Hedi Zuber. «Er wollte lieber mit den Händen arbeiten als graue Theorie studieren.» Viel später erst rang er sich zur Matura und zum anschliessenden Jurastudium durch.

Einen Lehrvertrag gab es nicht. Der Lohn hatte um die 100 Franken im Monat betragen, so genau mögen sich die Zubers nicht mehr erinnern. Bloss ein Sonntag pro Monat war frei, da durfte Christoph nach Hause. «Manchmal kam der Lehraufseher Sturzenegger vorbei und erkundigte sich, ob die Jungen genug zu essen hätten.»Inspiziert wurden auch das Tagebuch und das Kassenbuch des jungen Blocher. «So lernte er, dass man nicht mehr brauchen darf, als es in der Kasse hat», sagt Hedi Zuber. Alles über ihren heute prominenten Lehrling wollen Zubers nicht in den Medien verbreitet sehen. Die seien ihm ja nicht immer so freundlich gesinnt. Schreiben darf man aber, dass der junge Lehrling sich einen Spass daraus gemacht hatte, die alte Nachbarin zu necken, indem er ihr mit einem Spiegelchen Sonnenstrahlen ins Haus schickte, bis sie reklamierte. Später in der Landwirtschaftsschule soll er für einen Fünfliber Faxen vor der Klasse gemacht haben.

Die Abwahl hat wehgetan

Aus den Augen verloren haben sich die Bauern und ihr ehemaliger Lehrling nie. «Als Blocher die Ems-Chemie kaufte, hab ich angerufen und ihm zu seinem Mut gratuliert», erzählt Fritz Zuber. Später kam er mit seiner Frau Silvia und ihrem ersten Töchterchen Magdalena zu Besuch – im Gegenzug wurden Zubers in Herrliberg empfangen. Zubers Höhepunkt war die Bundesratswahlfeier 2004, Tiefpunkt die Abwahl 2007. «Das hat uns wohl mehr wehgetan als ihm», sagt Hedi Zuber. Sie hat sich gefreut, dass Christoph nun wieder in den Nationalrat einzieht. Sie hat bedauert, dass Adrian Amstutz in Bern aus dem Ständerat geworfen wurde. Und sie findet es nicht so gut, dass sich Blocher nun noch in den ziemlich aussichtslosen zweiten Ständeratswahlgang gestürzt hat. «Er tut dies aber nicht aus Geltungsdrang, sondern weil er glaubt, er müsse seine Mission erfüllen.» Das halte ihn jung und erlaube es ihm, Niederlagen wegzustecken. Welche Mission? «Die Schweiz retten», sagen beide. Man sehe ja, wohin das mit Europa führe.

Zubers trauen da schon mehr der eigenen Scholle, von der die Familie seit Generationen lebt. Noch immer arbeiten sie auf dem Hof von Sohn Fritz mit, der ausserhalb des Dorfs gesiedelt hat. Und der grosse Gemüsegarten vor dem Haus ist im Frühling eine Pracht. An der Wand in der Stube hängt ein Kalender mit Anker-Bildern. Auch ein Geschenk von Christoph Blocher. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.11.2011, 09:47 Uhr

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