Beim Bügeln Angst vor der Verhaftung

Sie putzen Wohnungen, glätten Hemden oder betreuen Kinder und leben in ständiger Angst, verhaftet zu werden: Eine Studie gibt erstmals Einblick in den Alltag von Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen.

Meist gut ausgebildet: Sans Papiers in der Zürcher Predigerkirche (Bild: 2008).
Video: Keystone

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«Über Sans-Papiers ist wenig bekannt, weil sie in der Irregularität leben», sagte Bea Schlatter von der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich (SPAZ) am Donnerstag vor den Medien in Zürich. Man habe aber schon lange vermutet, dass ein grosser Anteil von Sans-Papiers in Privathaushalten tätig sei.

Die Studie «Wisch und weg» hat diese Vermutung bestätigt. Demnach arbeiten rund 8000 Sans-Papiers in Zürcher Privathaushalten. Schätzungsweise jeder 17. Haushalt beschäftige Haushalthilfen ohne geregelte Aufenthaltsbewilligung, sagte Andres Frick von der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Die meisten sind gut ausgebildet

Um Einblick in deren Alltag zu erhalten, haben Alex Knoll von der Universität Freiburg und Sarah Schilliger von der Universität Basel 56 Sans-Papiers mittels eines Fragebogens befragt. Anschliessend wurden mit 14 Frauen vertiefte Interviews geführt.

Die meisten der Befragten stammen aus Lateinamerika und aus Südosteuropa. Sie sind durchschnittlich 38 Jahre alt und gut bis sehr gut ausgebildet, wie Knoll sagte. Über ein Viertel hat einen Universitätsabschluss und weitere 36 Prozent haben eine Berufs- oder Fachhochschule absolviert.

40 Prozent der Sans-Papiers haben eigene Kinder, die mehrheitlich im Herkunftsland leben. Die meisten Frauen leben seit sechs Jahren in der Schweiz. Dass viele Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen jahrelang irregulär im Kanton Zürich leben, zeigt laut Knoll, dass sie für eine langfristig bessere Zukunft auch die widrigsten Bedingungen in Kauf nehmen.

Keine soziale Absicherung

Gekennzeichnet ist die Arbeit der Haushalthilfen durch mündliche Verträge und einzelne stundenweise Einsätze. Hinzu kommen unsichere und ungeschützte Arbeitsbedingungen, fehlende soziale Absicherung und eine hohe Abhängigkeit von den Arbeitgebenden.

So arbeiten Sans-Papiers im Kanton Zürich durchschnittlich in rund vier verschiedenen Haushalten während wöchentlich je 6,3 Stunden pro Haushalt. Dabei verdienen sie durchschnittlich 23,20 Franken pro Stunde und nicht über 1650 Franken im Monat.

Zu den schlechten Arbeitsbedingungen komme die Angst, jederzeit in eine Personenkontrolle zu geraten, verhaftet und ausgeschafft zu werden, stellte die Soziologin Sarah Schilliger fest. Die drohende Ausschaffung führe auch dazu, dass sie von vielen Arbeitgeberinnen ausgenutzt würden.

Viele Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen seien froh, überhaupt ein Einkommen zu haben, heisst es in der Studie. Mangels Alternativen bleibe ihnen fast nichts anderes übrig, als in Privathaushalten tätig zu sein. Erstaunlich sei, dass sie trotz des bescheidenen Einkommens noch Angehörige in ihrer Heimat unterstützten.

Frauen wissen sich zu wehren

Laut Schilliger sind Sans-Papiers aber keineswegs nur «passive Opfer». Vielmehr reagierten sie mit vielfältigen Bewältigungs- und Widerstandsstrategien auf die prekären Arbeitsbedingungen. Um sich gegen Lohndumping zu wehren, tauschten sich die Frauen in ihren Netzwerken über Lohnfragen aus und definierten einen Mindestlohn, den sie bei allen Arbeitgebenden verlangen, sagte Schilliger.

Da die Nachfrage nach ihren Dienstleistungen relativ hoch sei, hätten Hausarbeiterinnen zudem die Möglichkeit, Arbeitsstellen abzulehnen, wenn die Arbeits- und Lohnbedingungen nicht befriedigend seien. Dadurch könnten sie indirekt Arbeitgebende zueinander in Konkurrenz setzen.

Solche Netzwerke müssten die Frauen jedoch über Jahre aufbauen. Deshalb seien Sans-Papiers, die sich noch nicht lange in der Schweiz aufhalten, meist zu äusserst schlechten Konditionen beschäftigt und müssten als so genannte «live-ins» im Haushalt der Arbeitgebenden wohnen.

Dass ein grosser Teil der Sans-Papiers sich mit Haushaltarbeit über Wasser zu halten versucht, ist für Bea Schwager nicht erstaunlich. «Da müssen sie am wenigsten mit Polizeirazzien rechnen». Nicht in jedem Fall arbeiten Sans-Papier zudem schwarz. Laut Schwager gibt es Arbeitgebende, die dank der vereinfachten Abrechnungsmodalitäten die Sozialabgaben entrichteten. Notiz an die Redaktion: Die Studie «Wisch und weg! Sans-Papiers-Hausarbeiterinnen zwischen Prekarität und Selbstbestimmung» ist im Seismo-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich. (jcu/sda)

Erstellt: 12.07.2012, 15:19 Uhr

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