Beim Klavierlernen spielt das ganze Leben mit

Die Schriftstellerin Hanna Johansen hat sich mit 71 Jahren das Klavierspielen selber beigebracht. Daraus ist ein Buch übers Alter, die Kindheit und den Alltag entstanden.

«Der Mensch ist kein Baum. Aber anwachsen kann er trotzdem», sagt Hanna Johansen.

«Der Mensch ist kein Baum. Aber anwachsen kann er trotzdem», sagt Hanna Johansen. Bild: Sabina Bobst

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Es passt Hanna Johansen gar nicht, dass sie fotografiert werden soll. «Warum ein neues Bild?», fragt sie. «Es gibt doch schon genug.» Die 75-jährige Schriftstellerin ist hartnäckig, eigenwillig, ein bisschen eitel – und sie hat Humor. All dies findet man auch in ihrem neuesten Buch «Der Herbst, in dem ich Klavierspielen lernte». Es ist ein anregendes Buch über das Klavierspielen, ihre Kindheit, den Alltag und das Älterwerden.

Dass sich Hanna Johansen momentan nicht so wohl fühlt, hängt mit ihrer Wohnsituation zusammen. Zu viel Ungewohntes. Seit einigen Monaten lebt sie in einer Zwischenlösung in Kilchberg, glücklicherweise nur wenige Schritte vom alten Ort entfernt, wo ihr neues Heim entsteht: ein Haus mit vier Wohnungen, das sie zusammen mit ihren Söhnen realisiert. Das alte, renovationsbedürftige Haus ist abgerissen worden. «Es hatte zu viele Treppen, um darin alt und krank zu werden», erklärt Johansen sachlich.

Die Sachlichkeit täuscht. Das Loslassen vom alten Haus fiel ihr schwer. Es war auch ein Abschied von einem ­Lebensabschnitt, alten Gewohnheiten, von einem gewachsenen Garten, mit Bäumen, Sträuchern, Stauden, tiefen Wurzeln. Doch das Reden von Wurzeln mag Johansen nicht: «Der Mensch ist kein Baum. Aber anwachsen kann er trotzdem.»

Prägend für die Kinderliteratur

Hanna Johansen ist sesshaft und neugierig. Im Alter von 71 Jahren hat sie sich selber das Klavierspielen beigebracht. Und sie lebt seit über 40 Jahren am selben Ort in Kilchberg. 1972 ist sie mit Adolf Muschg, dem Vater ihrer beiden Söhne, aus Genf hierhergezogen. Hier hat sie ihre literarische Karriere begonnen. Zuerst übersetzte sie Bücher aus dem Amerikanischen ins Deutsche. Dann begann sie zu schreiben. Als emanzipierte Frau verwendete sie für ihren Künstlernamen den Vornamen ­ihres Vaters. 1978 erscheint ihr erster Roman «Die stehende Uhr», fünf Jahre später veröffentlichte sie ihr erstes Kinderbuch «Bruder Bär und Schwester Bär». Dann folgte ein Buch nach dem andern.

Zusammen mit Franz Hohler, Brigitte Schär, Max Huwyler sowie dem letztes Jahr verstorbenen Jürg Schubiger gehörte sie zu jener Generation von bekannten Kinderbuchautorinnen, die dafür sorgten, dass schweizerische Kinderbücher im gesamten deutschsprachigen Raum gelesen wurden. Johansen wurde mehrfach ausgezeichnet. Sie erhielt unter anderem den Schweizer und den österreichischen Jugendbuchpreis.

Ihre sehr anschaulich und poetisch geschriebenen Kinderbücher sind in fast 20 Sprachen übersetzt worden. Dazu gehört auch ihr Erstling «Bruder Bär und Schwester Bär». Eine Geschichte über Geschwister, die gleichberechtigt bei ihrer Mutter aufwachsen und alles lernen, was sie zum eigenständigen Überleben im Wald brauchen.

Die Literaturkritikerin Christina Lötscher bezeichnet die Texte für die Kleinen als stilistisch ebenso geistreich und vielschichtig wie die für die Grossen. 2008 wird Hanna Johansen von der Stadt Zürich mit dem städtischen Kunstpreis ausgezeichnet. Ihr vielseitiges ­Lebenswerk umfasst mehr als 30 Kinderbücher, Romane und Erzählungen.

Erinnerungen an das erste Mal

«Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte» ist ein untypisches Buch. Das Altern wird nicht als Jammertal beschrieben, sondern als eine Zeit, in der sich die Erfahrungen und Erkenntnisse eines langen Lebens positiv bemerkbar machen.

Das Klavierspielen bildet dabei die Rahmenhandlung. Drei Monate protokolliert Hanna Johansen die kleinen Lern­erfolge und ihre Überlegungen dazu. «Es hat keinen Sinn, etwas Schwieriges zu üben, besser finde ich heraus, was daran leicht ist, um dann die Leichtigkeit auszuweiten.» Lösungen findet sie immer. Schliesslich lernte sie als Kind auch Schwimmen, Radfahren oder mit dem Zug zum ersten Mal alleine zu den Gross­eltern zu reisen.

Hanna Johansen ist ein Kriegskind. 1939 in Bremen geboren, wächst sie in einfachen, vom Krieg geprägten Verhältnissen heran. Der Vater, ein Beamter, ist an der Front. Als er aus der Gefangenschaft zu seiner untreu gewordenen Frau zurückkehrt, ist die Beziehung zu Ende. Die Mutter schlägt sich mit dem Kind durch, in einem Zimmer, wo gearbeitet und geschlafen wird. Einen Alltag mit ihrem wortkargen Vater gab es nie. Einige Jahre später erhängt er sich.

Eine offene Art des Denkens

«Wenig zu brauchen und möglichst alles selber zu machen, das habe ich von meiner Mutter gelernt», sagt sie. «Und eine offene Art des Denkens, worin meine Mutter eine für ihre Zeit untypische Frau war.» Heute bedauert sie, dass sie als Jugendliche ihrem Vater zu wenig Fragen zu seinen NS-Jahren gestellt hatte. Umso dankbarer ist sie für die Kopie seiner Militärpapiere, die sie von seiner zweiten Frau bekommen hat.

In Kilchberg ist Hanna Johansen Schweizerin und sesshaft geworden. Deshalb freut sie sich auf das neue Haus. Im Mai sollte es so weit sein. Dann beginnt für sie ein neuer Lebensabschnitt: «Ich werde eine neue Arbeitsinsel haben mit einem wunderbaren Ausblick», schwärmt sie – und plötzlich ist der Unmut über den Umzug wie weggeblasen.

Hanna Johansen: «Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte», Dörlemann, Fr. 34.50. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2015, 21:14 Uhr

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