Beinahe-Crash über Rapperswil

Wegen eines Fehlers im Funkverkehr und eines Missverständnisses bei Skyguide ist es zwischen einer Boeing der Ryanair und einem Airbus der Air Portugal in 8000 Metern Höhe fast zu einem Zusammenstoss gekommen.

Ein Flugzeug der Ryanair: Weil gleichzeitig fünf Jets der Ryanair im Luftraum waren, kam es zu einer Verwirrung.

Ein Flugzeug der Ryanair: Weil gleichzeitig fünf Jets der Ryanair im Luftraum waren, kam es zu einer Verwirrung. Bild: Ryanair

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1,5 Kilometer horizontal und 200 Meter vertikal sind sich am 12. April 2013, 16.11 Uhr, die beiden Flugzeuge im Dreieck zwischen Rapperswil, Rüti und Schmerikon nahe gekommen. Im soeben veröffentlichten Bericht Link der Schweizerischen Unfalluntersuchungsstelle (Sust) wird das als «schwerer Vorfall» eingestuft .

Eine Boeing B737-800 der Ryanair war auf nördlichem Kurs unterwegs von Pisa nach Lübeck in Norddeutschland. Gleichzeitig flog ein Airbus A319 der Air Portugal auf nordöstlichem Kurs von Lissabon nach Prag. Die beiden Flugzeuge kreuzten sich im Raum Rapperswil auf einer Höhe von knapp 8000 Metern. 1,5 Kilometer Abstand tönen zwar nach viel. Angesichts des Winkels von 45 Grad und der Reisegeschwindigkeit von rund 450 Knoten fehlten gemäss Radaraufzeichnungen bloss acht Sekunden zu einem möglichen Crash. Der vorgeschriebene Mindestabstand beträgt 9,3 Kilometer horizontal oder 300 Meter vertikal.

Eine Reihe von unglücklichen Umständen hat zum Beinahe-Crash geführt:

Wenig Personal bei Skyguide

Aufgrund der vorhergesagten niederen Verkehrszahlen wurden bei Skyguide drei Überwachungssektoren zu einem zusammengelegt. Statt 14 Flüge wie geplant, passierten dann aber 22 Flüge innerhalb von 20 Minuten den Überwachungssektor. Grund für die unerwartete Zunahme: Wegen starker Turbulenzen auf 8000 Metern verlangten mehrere Besatzungen Kurs- und Höhenänderungen. Das führte auch zu einer starken Belegung der Funkfrequenz. Überdies passierten gleichzeitig fünf Flugzeuge von Ryanair den Sektor, was zu Verwirrung führte.

Ryanair-Pilot vergass Flugnummer

Der erste dieser fünf Ryanair-Jets meldete über Funk «leichte Turbulenzen über den Alpen». Unmittelbar darauf bat die zweite Ryanair, die betroffene B737, wegen Turbulenzen auf ein höheres Fluglevel aufsteigen zu dürfen. Bei diesem Funkspruch allerdings vergass der Pilot, die Flugnummer zu erwähnen. Der Flugverkehrsleiter wiederum gab einem dritten Ryanair-Jet die Erlaubnis zum Aufsteigen, worauf die Besatzung der zweiten Ryanair den Funkspruch quittierte und aufstieg. Weder Skyguide noch die dritte Ryanair reagierten auf dieses falsche Zurücklesen der Freigabe.

46 Sekunden nach der vermeintlichen Bewilligung zum Steigflug löste das bodenseitige Konfliktwarnsystem der Skyguide einen Alarm zwischen der zweiten Ryanair und dem Airbus der Air Portugal aus. Skyguide fragte die Ryanair sofort nach der korrekten Flughöhe, der Pilot verneinte, worauf Skyguide die Anweisung gab: «Descending immediately – sofort absinken!» Der portugiesische Airbus erhielt den Befehl sofort aufzusteigen.

Gleichzeitig reagierte auch das in beiden Flugzeugen eingebaute Verkehrswarn- und Kollisionsverhinderungssystem (TCAS). Der portugiesische Airbus erhielt den automatischen Befehl «Climb, Climb!», die Ryanair den Befehl «Descend, Descend!». Beide Systeme gaben also die gleiche Anweisung. Bei der Kollision von 2002 bei Überlingen dagegen gaben Lotse und TCAS gegenteilige Befehle, was zur Verwirrung der russischen Tupolew-Piloten und zum Crash führte.

Falsche Erwartungshaltungen

Im Schlussbericht kritisiert die Unfalluntersuchungsstelle den Piloten der zweiten Ryanair, weil dieser sein Funkrufzeichen nicht erwähnte und dadurch die Skyguide in der Unsicherheit liess, welcher Kurs nun effektiv eine Änderung der Flughöhe verlangt hatte. Es möge auf die «Erwartungshaltung» der zweiten Ryanair zurückzuführen sein, dass sie die Freigabe für die dritte Ryanair auf sich bezog. Diese wiederum hätte intervenieren müssen, schreibt die Sust.

Bei der Beurteilung des Verhaltens der Skyguide urteilt die Sust, dass das Zusammenlegen von Sektoren in verkehrsarmen Phasen zwar gängige Praxis sei. Allerdings sei den vorherrschenden Wetterbedingungen mit den starken Turbulenzen «zu wenig Rechnung getragen» worden. Den Fehler des Flugleiters, dass er nicht merkte, dass das falsche Flugzeug aufstieg, erklärt sich die Sust mit seiner «irrtümlichen Erwartung». Die Arbeitsbelastung der Lotsen zum Zeitpunkt des Vorfalls bezeichnet die Sust als «sehr hoch».

Flugzeuge verwechselt

Zum Irrtum beigetragen habe auch die Tatsache, dass sich gleichzeitig fünf Ryanairs im Luftraum befanden. Die beiden verwechselten Flugzeuge allerdings hatten völlig verschiedene Funkrufzeichen – das eine hatte eine Kombination mit Buchstaben, das andere bloss Zahlen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2014, 17:45 Uhr

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