Bellen erwünscht, beissen verboten

In Elgg hätten Jäger mit ihren Hunden die Wildschweinjagd üben können. Doch Tierschutzorganisationen protestierten – mit Erfolg.

Bellen erwünscht, beissen verboten: Hunde und Wildschweine begegnen sich in Schwarzwildgattern unter kontrollierten Bedingungen. Foto: Jan Woitas (Picture Alliance)

Bellen erwünscht, beissen verboten: Hunde und Wildschweine begegnen sich in Schwarzwildgattern unter kontrollierten Bedingungen. Foto: Jan Woitas (Picture Alliance)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Beide Seiten argumentieren mit dem Tierschutz – und doch sind sie sich ganz und gar uneins. Ihr Zwist dreht sich um ein sogenanntes Schwarzwildgatter, wie es sie in Deutschland seit einigen Jahren gibt. Darin lernen Jagdhunde unter Anleitung und Kontrolle eines Fachmanns, wie sie Wildschweine aufstöbern und stellen können, ohne sich oder das Wildschwein zu verletzen. Bis Anfang dieser Woche schien die Jagd- und Fischereiverwalterkonferenz der Schweiz (JFK) auf gutem Weg zu sein, ihr Vorhaben zu realisieren: In Heurüti bei Elgg sollte das erste Gatter in der Schweiz in Betrieb genommen werden. Die Bewilligung des Kantons lag vor, der Kantonale Jagdverwalter Urs Philipp ging davon aus, dass im nächsten Jahr mit der Schulung der Jagdhunde begonnen werden kann.

Video: Wildschweine für die Hunde

So werden die Jagdhunde ausgebildet. Quelle: Youtube/ Deutscher Jagdverband

Doch vor einigen Tagen hat sich alles geändert: Die Standortgemeinde Elgg hat das Projekt sistiert. Gemeindepräsident und Kantonsrat Christoph Ziegler (GLP) sagt: «Wir wollen abwarten, wie sich das Zürcher Volk und die Elgger zu der heute gängigen Art zu jagen äussern.» Im Juli hat nämlich die Tierpartei Schweiz die Initiative «Wildhüter statt Jäger» eingereicht, deren Ziel es ist, die Hobby- und Milizjagd in Zürich zu verbieten. Ziegler stellt zwar klar, dass der Gemeinderat der Meinung sei, dass die Wildschweine bejagt und die Jagdhunde geschult werden müssten. «Doch der Zeitpunkt für ein solches Gatter ist schlecht gewählt. Die Stimmung ist emotional aufgeladen.»

Keine Sauhatz in den Gattern

Damit hat der Protest verschiedener Tierschutzorganisationen gefruchtet. So bezeichneten vehemente Jagdgegner das Schwarzwildgatter als «Wildschwein-Guantánamo». Walter Müllhaupt, Präsident der Arbeitsgemeinschaft für das Jagdwesen (AGJ), wehrt sich: «Man suggeriert, dass wir Hunde aus Schaulust auf Wildschweine hetzen oder sie auf Schwarzwild scharfmachen wollen.» Tatsache sei, dass sich Hunde bei der Wildschweinjagd immer wieder bös verletzen, weil sie nicht richtig einschätzen können, was das Verhalten der Wildtiere bedeutet. Es komme auch vor, dass sie das Wildschwein beissen, statt es nur anzubellen. «Das ist tierquälerisch», flankiert ihn Fabian Bieri, Präsident der Konferenz für Wald, Wildtiere und Landschaft.

«Wir sind grundsätzlich dagegen, dass lebende Tiere eingesetzt werden, um Jagdhunde auszubilden.»Heinz Lienhard, Präsident STS

«Tierquälerisch» seien diese Übungen in solchen Gattern, findet hingegen Heinz Lienhard, der Präsident des Schweizer Tierschutzes (STS). «Wir sind grundsätzlich dagegen, dass lebende Tiere eingesetzt werden, um Jagdhunde auszubilden. Das ist doch Stress für die Sau, die hat doch Angst!» Auch der Zürcher Tierschutz lehnt ein solches Schwarzwildgatter ab, allerdings aus einem anderen Grund: «Die Verhältnisse im Gatter und in freier Wildbahn sind nicht identisch», sagt Beat Hauenstein. «Die Schweine im Gatter gewöhnen sich an die Hunde und reagieren gelassen auf sie, anders als ihre wilden Artgenossen im Wald, die noch nie einen Hund aus der Nähe gesehen haben.» Daher erfülle diese Anlage ihren Zweck nicht.

Braucht es die Treibjagd?

In Deutschland sind bereits Schwarzwildgatter in Betrieb, eine unabhängige Auswertung ihres Nutzens ist aber schwierig, da es keine Erhebungen darüber gibt, wie viele Hunde sich bei der Wildschweinjagd verletzen. Jedoch zitiert Conny Thiel, wildbiologische Beraterin im Projekt, eine Dissertation der Hochschule Hannover, die feststellt, dass weder Hunde noch Wildschweine bei einer Übung im Schwarzwildgatter übermässig gestresst seinen.

Dass Wildschweine in vielen Gegenden eine Plage seinen, gibt Heinz Lienhard vom Schweizer Tierschutz zu. Letztes Jahr verursachten die Tiere vorab in der Landwirtschaft landesweit Schäden von mehr als 3 Millionen Franken, in Zürich gegen 400'000 Franken, was ein Rekordwert ist. Die Kosten dafür müssen von den jeweiligen Jagdgesellschaften und dem Kanton übernommen werden. Dazu kommt ein gesundheitliches Risiko: Je mehr Wildschweine unterwegs sind, desto grösser ist die Gefahr, dass sich eine Seuche wie etwa die afrikanische Schweinepest verbreitet und auf die Hausschweine übergreifen könnte. Dass die Wildschweine gejagt werden müssen, ist daher wenig bestritten. Wie sie gejagt werden, jedoch sehr.

Lienhard sagt: «Es scheint leider die Jagd zu brauchen, aber wir sind grundsätzlich gegen tierquälerische Jagd.» Hauenstein vom Zürcher Tierschutz konkretisiert: «Uns missfällt an diesen Gattern grundsätzlich, dass es dabei um ein Training für die Treib- oder Drückjagd geht.» Beide Tierschutzorganisationen stellen sich auf den Standpunkt, dass eine Regulierung nur über die Ansitzjagd stattfinden sollte. Heisst: Der Jäger wartet zum Beispiel auf dem Hochsitz, bis ihm ein Tier ins Visier kommt.

«Man suggeriert, dass wir Hunde aus Schaulust auf Wildschweine hetzen oder sie auf Schwarzwild scharfmachen wollen.»Walter Müllhaupt, Präsident AGJ

Damit werde nicht nur das Risiko von Fehl- und Streifschüssen vermindert, das die Tiere leiden lässt. «Der Jäger hat auch ausreichend Zeit zu entscheiden, welches Tier er rausnimmt», sagt Hauenstein. Er und Lienhard sind daher auch nicht gegen den Einsatz von Nachtsichtzielgeräten, die in manchen Kantonen erlaubt, in manchen verboten sind. Der Zürcher Tierschutz würde im Übrigen laut Hauenstein folgerichtig auch Hand bieten, wenn im Schwarzwildgatter nur für die Nachsuche trainiert würde. Das heisst, dass die Hunde lernen, von Autos angefahrene oder durch Fehlschüsse verletzte Schweine aufzustöbern und zu stellen. «Damit könnte Tierleid vermindert werden.»

«Es ist unmöglich, den Wildschweinbestand ohne Drückjagd zu regulieren», sagt Dominik Thiel, Jagdverwalter des Kantons St. Gallen und Ausschussmitglied des JFK. Mit der Ansitzjagd könne man einzelne Tiere vergrämen, was an gewissen Orten durchaus Sinn mache, nicht aber den Bestand verringern. Er führt eine Zahl an, die im Kanton Thurgau erhoben wurde: Durchschnittlich lauert ein Jäger sechzig Stunden, um eine Wildsau zu schiessen. «Mit einer Treibjagd können wir an einem Tag zahlreiche Tiere erlegen.» Seit zwei Jahren sind die Jäger daran, eine solche Übungsanlage zu projektieren. Sie erfüllen damit einen Auftrag des Bundes. Die 2015 revidierte eidgenössische Jagdverordnung schreibt nämlich den Kantonen vor, dafür zu sorgen, dass Jagdhunde für die Schwarzwildjagd ausgebildet werden, um eine tierschutzgerechte Jagd sicherzustellen. Der Plan A, um dieses Ziel zu erreichen, war eben das Schwarzwildgatter in Elgg.

Nicht mit Widerstand gerechnet

Wie sieht der Plan B aus? «Wir haben viel Zeit dafür verwendet, einen geeigneten Standort zu finden», sagt Conny Thiel. «Nun sind alle Beteiligten dabei, die Lage zu analysieren.» Mit solcher Fundamentalkritik habe man schlicht nicht gerechnet, zumal der Kanton Gespräche mit Tierschutzorganisationen geführt habe. Tatsächlich steht im Betriebskonzept für das Gatter in Elgg, das die Baudirektion aufgesetzt hat: «Es sind keine Widerstände gegen das Projekt absehbar, weder seitens der kantonalen oder lokalen Behörden, noch seitens der Tierschutzorganisationen oder der lokalen, sehr ländlichen Bevölkerung.»

Da haben die Behörden offenbar nicht mit der Volksinitiative «Wildhüter statt Jäger» gerechnet, die jetzt von der Gemeinde Elgg für die Sistierung angeführt wird. «Sie hat aber auch nichts mit unserem Projekt zu tun», sagt Fabian Bieri. «Ich verstehe nicht, wie man da einen Zusammenhang herstellen kann.» Zumal die Abstimmung nur die Zürcher Jagd betreffe, das Gatter aber ein nationales Projekt sei. Müllhaupt von der AGJ argumentiert weiter: «Zudem brauchen auch Wildhüter gut ausgebildete Hunde.»

Die Abstimmung über die Initiative wird wohl frühestens Mitte 2019 stattfinden. Bis dahin ist das Projekt Schweizer Schwarzwildgatter blockiert, und die Hunde werden ohne spezifische Schulung Wildschweine jagen. In der Zeit eine Alternative zu finden, ist laut der Jagdverwalterkonferenz unrealistisch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2017, 22:23 Uhr

Artikel zum Thema

Die Jäger im Visier

Infografik Tierschützer fordern ein Jagdverbot für Zürich. Entscheiden dürfen die Stimmbürger. Mehr...

Man sieht sie nie – und darf sie doch jagen

Verschiedene Zürcher Gemeinden erteilten in letzter Zeit den Jägern die Erlaubnis, Dachse auch in der Nacht zu schiessen. Im vergangenen Jahr sind im Kanton Zürich fast 300 Dachse erlegt worden. Mehr...

Wie ich einen Hund erlegte, der ein Gämsbock war

Glosse Sogar der Boulevard hatte die Geschichte des unfreiwilligen Waidmanns mitten in Zürich aufgenommen – und hatte einen Verdacht. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Grenze der Hoffnung: Bauunternehmer verstärken die Mauer in San Diego, USA, weil in den vergangenen Wochen zahlreiche Migranten illegal den Zaun in Tijana, Mexiko überquert haben. (10. Dezember 2018)
(Bild: Rebecca Blackwell) Mehr...