Biber erobern Zürich

Indizien häufen sich, dass vermehrt Biber aus dem Aargau in den Kanton Zürich wandern. Der scheue Nager ist zum Beispiel auf der Werdinsel beobachtet worden.

Ein Brocken von einem Nagetier: Der Biber an der Arbeit in Zürich.

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Zürichs Multikultigesellschaft dürfte bald um eine Exilgemeinde reicher werden. Es handelt sich um Migranten aus dem Kanton Aargau. Vertreter der Spezies Biber. Am Unterlauf der Aare sehen sie ihre Zukunftsperspektiven zunehmend bedroht. Alle Reviere dort sind bereits besetzt. Junge Tiere müssen deshalb nach und nach den Flusslauf Richtung Zürich besiedeln, prognostizierten Experten bereits vor drei Jahren.

Jetzt sind sie da. Im Frühling 2016 wurde auf der Zürcher Werdinsel erstmals das Auftauchen eines Bibers gemeldet. Nun gibts die erste grössere Werkschau zu besichtigen. Am Ufer und in der Limmat liegen abgenagte Äste, eine ganze Gruppe Weiden hat ein emsiger Kerl zu Fall gebracht, professionell gefällt und entrindet. Kein Zweifel: Hier war ein Fachmann am Werk.

Wegen der hellen Nagespuren am Holz bemerkt man den Biber im Winter eher als im Sommer, wo er sich von Kräutern, Gräsern und Blättern ernährt. Ansonsten verhält sich das nachtaktive Tier sehr ruhig und verschläft den Tag in seinem unterirdischen Bau, der nur über einen unter Wasser angelegten Eingang zugänglich ist.

Dass sich die Biber so nah Richtung Stadt vorwagen, überrascht Urs Wegmann, Leiter der Biberfachstelle Kanton Zürich, nicht: «Biber bilden ihre Reviere gerne neben Autobahnen, auf dem Flughafen oder in beliebten Naherholungsgebieten.» Entscheidend sei das Nahrungsangebot und ein Ort, wo sie ihren Bau errichten könnten. Ob die Störungen auf der im Sommer dicht bevölkerten Werdinsel zu gross sind, lässt sich laut Wegmann nicht voraussagen.

Hoffnung auf Nachwuchs

Der Biberexperte vermutet auf der Höngger Badeinsel ein circa zweijähriges Tier, eventuell sogar zwei. Die Limmatstadt scheint für Biber also attraktiv zu sein. Gut möglich, dass bald Nachwuchs zu vermelden ist. Indizien dafür gibt es im Weiher bei Glanzenberg bei Dietikon. Dort soll sich eine Biberfamilie installiert haben. Gesichtet wurden ein ausgewachsener Biber und sein ein- bis zweijähriges Jungtier. Ob es die Mutter oder der Vater ist, weiss Wegmann nicht. Klar ist aber: «Der andere Elternteil kann nicht weit weg sein, denn Biber sind loyale Tiere, die nicht nur dem Familienverband ein Leben lang treu bleiben, sondern auch ihrem Revier.»

Vermutet und spekuliert über eine Biber­wanderung Richtung Zürich haben Experten schon lange. Die ersten historisch belegten Spuren gehen aufs Jahr 2013 zurück. Damals berichtete die «Limmattaler Zeitung», ein Biber habe sich «vermutlich zwischen Spreitenbach und den Geroldswiler Auen niedergelassen». Sein Leben endete jedoch als Kadaver auf der Fahrweidstrasse, ein Auto hatte ihn totgefahren. Auch am renaturierten Limmatufer in Oetwil an der Limmat soll sich vor vier Jahren ein Biber niedergelassen haben. Der erste Beweis dafür, wie die Biber so weit kamen, gelang im Mai 2015. Am heikelsten Punkt der Route, am Fischpass im Kraftwerk Wettingen. Dort ertappte man ein Tier in flagranti, wie es durch die Aufstiegshilfe schwamm. Notabene die längste Europas. Ein Mitarbeiter des EWZ sicherte das Beweisfoto inklusive Video.

Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die scheuen Nager in Zürich nachhaltig Fuss fassen. Zwar ist der erste Versuch eines Pioniers vor etwa 15 Jahren gescheitert. Der unglückliche Biber blieb allein und starb nach einiger Zeit. Doch 20 Jahre später sind seine auswanderungswilligen Nachfahren offenbar erfolgreicher. Und sie finden bessere Voraussetzungen als damals. Zwischen dem Stauwehr Zürich-Höngg und der Grenze zu Oberengstringen wurde der über 100 Jahre alte Hochwasserschutz erneuert. Gleichzeitig wurde der 1,8 Kilometer lange Limmatabschnitt renaturiert, was die Biodiversität und die Qualität der Flusslandschaft aufwertet.

Emsige Landschaftsgärtner

Auch auf anderen Einwanderungsrouten haben Artgenossen gezeigt, dass es sich in Zürich als Biber gut leben lässt. Grün-Stadt-Zürich-Sprecher Marc Werlen weiss: «In der Glatt lebt bereits eine Biberfamilie und am Sihlhölzli wurde in früheren Jahren ein Biber gesichtet.»

Biber sind die Landschaftsgärtner im Tierreich und zeichnen sich durch ihre «architektonische Raffinesse» aus, schwärmen Experten. Sie bauen Dämme und legen dabei einen grossen Arbeitseifer an den Tag. Hält es der Biber für notwendig, rodet er Waldstücke, staut Flüsse und zieht neue Kanäle, um Fällholz zu flössen. Mit vereinten Kräften zieht ein Biberpaar ohne weiteres bis zu drei Meter hohe Burgen hoch. Bibers Aktivitäten «führen in und an Gewässern zu einer grösseren Strukturvielfalt und damit zu mehr Biodiversität», so das Bundesamt für Umwelt (Bafu).

Der Biber verursacht zwar auch Schäden in der Forst- und Landwirtschaft. Diese haben aber laut Bafu «volkswirtschaftlich wenig Bedeutung». Das Bafu hat 2016 das aus dem Jahr 2004 stammende «Konzept Biber» in Zusammenarbeit mit den Kantonen und Interessengruppen mit dem Ziel entwickelt, den Umgang mit dem Biber zu regeln, um eine selbstständig Biberpopulation langfristig zu ermöglichen. «Es legt Kriterien für die Umsetzung von Präventionsmassnahmen und die Entschädigung bei Biberschäden fest.»

Der Nager bringt selbst Experten immer wieder zum Staunen. Christof Angst von der Schweizer Biberfachstelle sagte der «Schweizer Familie»: «Es vergeht kein Monat, in dem die Biber nicht etwas machen, von dem ich denke: Wow, das können sie auch noch. Es sind einfach unglaubliche Tiere.»

Wo man Biber beobachten kann

Wer Biber bei der Arbeit beobachten will, sollte allerdings vorsichtig sein, sagt Urs Wegmann: «Ich empfehle dringend, sich einem Biber nicht zu nähern. Auch wenn er ein reiner Pflanzenfresser ist, handelt es sich doch um ein Wildtier, dass wehrhaft sein kann, wenn es sich in die Enge getrieben fühlt. Es sei wichtig, dass man seine Burgen (Konstrukte aus Ästen und Algen, die dem Biber als Schlafplatz dienen) in Ruhe lasse. Die besten Chancen, die scheuen Tiere zu beobachten hat man beim Einnachten oder frühmorgens im Weiher beim Bahnhof Glanzenberg vom Fussgängersteg unter der Autobahnbrücke aus. Auch in den Geroldswiler Auen kann man in der Dämmerung Glück haben.

Erstellt: 15.01.2017, 23:38 Uhr

Geschichte

Die Rückkehr der Biber

Vor 200 Jahren verschwand der Biber wegen der intensiven Bejagung. Ab den 1950er-Jahren hat man ihn wieder angesiedelt und später, 1962, unter Schutz gestellt. Seither hat sich das scheue Tier weit ausgebreitet und besiedelt die grossen Mittellandflüsse und -seen. Geeignete Lebensräume findet es in langsam fliessenden und stehenden Gewässern, mindestens 60 Zentimeter tief, mit grabbaren Ufern unterhalb 700 Metern über Meer. Ein paar Weiden und Pappeln am Ufer genügen dem Nager, der gut 25 Kilogramm schwer werden kann.

Da der Biber noch nicht alle geeigneten Lebensräume flächendeckend besiedelt hat, schreibt das Bundesamt für Umwelt, ist mit seiner weiteren Ausbreitung über die nächsten Jahrzehnte zu rechnen. 60 Jahre nach der Wiederansiedlung leben im Kanton Zürich heute etwa 300 Tiere in 87 Revieren. Schweizweit sind es rund 2800 Biber. (roc)

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