«Bin ich verantwortlich für Carlos' Schicksal? Gute Frage»

Filmemacher Hanspeter Bäni hat die Diskussion über das Sondersetting für einen straffälligen Jugendlichen ausgelöst. Er erklärt, warum er mit einem zweiten Film nachdoppelt, der heute Abend zu sehen ist.

Auf der Suche nach dem richtigen Weg zur Resozialisierung: Trailer zum Dokumentarfilm «Zwischen Recht und Gerechtigkeit» von Hanspeter Bäni. Video: SRF


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Sie haben mit Ihrem ersten Film über den jungen Straftäter Carlos ein beispielloses mediales Feuer entfacht. Wie denken Sie heute über den Film? War er so, wie Sie ihn aufgezogen haben, ein Fehler?
Als Fehler schaue ich ihn auf keinen Fall an. Ich habe ja nichts falsch gemacht. Geplant war ursprünglich ein klassischer Porträtfilm über eine spannende Person, die zurücktritt: Jugendanwalt Hansueli Gürber. Gürber selbst war es, der mich praktisch auf das Thema Carlos gestossen hat und mich sehr bald zu ihm mitnahm. Mich hat der Aufwand erstaunt, der für den jungen Mann betrieben wurde, deshalb habe ich darüber berichtet. Das hat eine öffentliche Debatte ausgelöst. Deshalb hatte der Film seine Berechtigung. Aber natürlich würde ich jetzt, mit den Erfahrungen und dem Wissen von heute, einen anderen Film drehen.

Was würden Sie anders machen?
Der «Blick» sprang ja damals gleich auf die hohen Kosten für das Sondersetting an. Ich würde heute zum Beispiel einen Kostenvergleich machen, etwa zur forensischen Jugendpsychiatrie, die mehr als doppelt so teuer ist.

Gingen Sie denn damals etwas naiv an die Sache? Oder haben Sie einfach unterschätzt, was Sie auslösen würden?
Naiv nicht. Aber die meisten Journalisten haben ja grundsätzlich das Problem, dass sie von allem ein bisschen etwas wissen, aber keine Experten sind. Ich wollte mich nie als Kenner aufspielen. Ich geriet einfach an einen Umstand, der mich zum Staunen gebracht hat. Über den habe ich berichtet ...

... und damit eine empörte Debatte ausgelöst. Wie wirkte das auf Sie?
Ich habe schon mit Reaktionen gerechnet. Mir war klar, das hat eine gewisse Brisanz. Aber die Eigendynamik, welche die Geschichte entwickelte, hat mich überrascht, vor allem, wie wichtig Details wurden, die gar nicht relevant sind, etwa ein Deo.

Haben Sie sich falsch verstanden gefühlt, als die Debatte so richtig hochkochte?
Nein, das nicht. Aber mich störte, dass es nur noch um Emotionen ging und darum, die Volksseele zum Kochen zu bringen. Wenn am Ende jemand Morddrohungen erhält oder psychiatrische Hilfe braucht, geht das nicht spurlos an mir vorüber. Wir Medienleute haben alle eine Verantwortung.

Ist der neue Film in diesem Sinn als eine Art Wiedergutmachung zu sehen, als Beruhigung für ein schlechtes Gewissen?
Nein, es gibt nichts zum Wiedergutmachen. Die Medien haben die Aufgabe, relevante Themen darzustellen. Insofern habe ich auch kein schlechtes Gewissen. Es gibt jetzt einen weiteren Film, der sich viel differenzierter mit der Problematik als Ganzes auseinandersetzt. Er kann als Basis dafür dienen, sachlicher hinzuschauen.

Keine Angst vor einem neuen Hype?
Mit Angst durchs Leben zu gehen, ist nicht gut. Ich glaube, Co-Autor Simon Christen und ich haben ein seriöses, solides Werk gemacht. Aber wir wollen keine Überzeugungsarbeit leisten damit.

Haben Sie zu Carlos noch Kontakt?
Direkt nicht, aber ich weiss in etwa, wo er steht. Ich habe ihn ziemlich schnell nach dem ersten Film in einem Brief um ein Interview gebeten, aber er hat sich nie bei mir gemeldet. Und ich habe gelesen, dass er den zweiten Film ablehnt.

Fühlen Sie sich mitverantwortlich für das, was Carlos passiert ist?
Gute Frage. Bin ich verantwortlich für sein Schicksal? Sicher nicht für seinen Werdegang. Aber ich habe über ihn berichtet und einen Hype ausgelöst, den ich nicht mehr beeinflussen konnte. Ich hoffe, dass er deswegen nicht traumatisiert ist und dass er seinen Weg findet. Aber er muss seinen Weg selber gehen.

Welche Reaktionen bekamen Sie, als Sie mögliche Interviewpartner für den neuen Film anfragten?
Simon Christen und ich wussten, dass wir nicht so tun konnten, als hätten wir nichts mit dem Fall zu tun. Wir sagten also, wer ich bin und was wir planen, und manche potenziellen Gesprächspartner machten dann sofort zu wie eine Klappmuschel. Ich glaube aber nicht, dass das direkt mit mir zu tun hatte. Manche misstrauen den Medien grundsätzlich, andere waren zwar interessiert, hatten aber Angst, etwas Missverständliches zu sagen. Es brauchte viele Gespräche und eine monatelange Vorbereitung, bis wir den neuen Film drehen konnten.

Hat sich Ihr Blick auf das Jugendstrafrecht durch den neuen Film verändert?
Natürlich, ich habe einiges dazugelernt.

Was denken Sie denn heute über das Sondersetting von Carlos?
Ich will kein Urteil fällen. Aber ich habe mich bei der Recherche für den neuen Film auch mit den Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Studien auseinandergesetzt, und die belegen klar, dass Erziehungsmassnahmen besser greifen als reine Repression, vor allem bei jungen Menschen, weil sie noch formbar sind. Die Schweiz geht beim Jugendstrafvollzug einen so erfolgreichen Weg, dass unser System inzwischen sogar von Russ­land kopiert wird.

Es fällt auf, dass Sie zurückhaltend sind mit Ihrer eigenen Meinung. Hat es Sie nie gereizt, einmal zu sagen, was Sie selbst über Carlos und sein Sondersetting denken?
Ich wurde am Anfang von vielen Medien angefragt für Interviews. Aber ich hätte mich aufgespielt als jemand, der bestens Bescheid weiss, und das war nicht der Fall. Carlos habe ich zweimal getroffen, da masse ich mir doch kein Urteil über diesen Menschen an. Wenn ich sattelfester im Thema wäre, ...

... was Sie ja jetzt sind, ...
... dann sage ich mit dem Wissen, das ich heute habe, abgestützt auf Fachleute und Studien, dass Erziehungsmassnahmen mehr greifen als reine Repression. Das ist doch schon viel, oder? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2014, 23:29 Uhr

«Ich habe einiges dazugelernt»: Hanspeter Bäni zu Hause, wo er auch arbeitet. Foto: Doris Fanconi

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