Binz-Besetzer verspielen politischen Goodwill

Nach den Ausschreitungen rund um einen Demonstrationszug der Binz-Besetzer gehen politische Unterstützer auf Distanz – und sind enttäuscht über das grosse Schweigen der Protagonisten.

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Unter dem Motto «Rollerdisco» zogen am Samstag – je nach Quelle – zwischen 1000 und 3000 Menschen vom Binz-Areal in Richtung Innenstadt. Laut den Veranstaltern des unbewilligten Demonstrationszugs habe man für den Anlass «liebevoll und zeitaufwendig an die zwanzig Festwagen gebaut», um einen «rollenden Protest» mit Livebands und Musik gegen die Räumung des Areals «in die Stadt zu tragen». So heisst es in einer Mitteilung der Besetzer. Spätestens im Kreis 4 aber kam es zu massiven Ausschreitungen. Eine Coop-Pronto-Filiale wurde geplündert, Scheiben gingen zu Bruch, Müllcontainer wurden angezündet, Wände verschmiert. Der Sachschaden beläuft sich auf mehrere 100'000 Franken.

Der grüne Kantonsrat Res Marti hat die Binz-Besetzer, die öffentlich als Familie Schoch in Erscheinung treten, bisher politisch unterstützt. Mit einer Interpellation im Kantonsrat, welche die Räumung des Areals aufschieben wollte. Nun zeigt er sich konsterniert: «Die Besetzer haben meines Erachtens unterstützungswürdige Anliegen. Aber die Art, wie sie sie durchsetzen wollen, macht es sehr schwierig für mich.»

«Verpasste Chance»

Marti, der mit den Besetzern wiederholt in Kontakt war, glaubt zwar, dass sie vom Ausmass der Ausschreitungen selbst überrascht waren und die Krawallanten nicht unbedingt aus deren direktem Umfeld stammen. «Aber es ist naiv, wenn man um 23 Uhr eine unbewilligte Demo startet und glaubt, diese würde nicht in Gewalt münden.»

Zudem ist sich Marti sicher: «Die Familie Schoch hat es verpasst, sich klar von den Ausschreitungen zu distanzieren. Damit hätte sie vielleicht einen Teil Goodwill, auch für die Hausbesetzer im Allgemeinen, retten können.» Tatsächlich gab es seit einer kurzen Mitteilung an die Medien, in welcher der Polizeieinsatz rund um die Demonstration kritisiert wurde, keinerlei Stellungnahme mehr.

In der Mitteilung deuten die Aktivisten an, die Ausschreitungen seien nur deswegen zustande gekommen, weil der Polizeieinsatz «Zorn und Wut, hervorgerufen durch angestaute Aggression der alltäglichen Konfrontation mit der repressiven Polizeipolitik» weckte.

Gegen diese Darstellung sprechen Aussagen von Umzugsteilnehmern aus der Partyszene, welche von «vielen Vermummten an der Spitze des Zuges» schon beim Start der Demonstration beim Binz-Areal sprechen. «Es wurden Flyer verteilt, die einem erklärten, wie man sich bei einer Verhaftung zu verhalten hat.» Ob die Vermummten zum Umfeld der Binz-Besetzer gehörten oder nicht, wissen die Teilnehmer aus der Partyszene nicht.

«Enttäuschung gross»

Eine Exponentin der Binz-Besetzer gibt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet an, dass sie persönlich vom Ausgang des Demonstrationszuges bitter enttäuscht sei: «Gewalttätige Ausschreitungen waren nicht das Ziel. Wir wollten friedlich und auf eine kreative Weise für unsere Anliegen eintreten.» Zurzeit gebe es unter den Besetzern viele Diskussionen, bei einer grossen Zahl sei die Enttäuschung über den Fortgang der Ereignisse gross.

Kantonsrat Marti erklärt sich die bisherige Kommunikation der Binz-Besetzer mit «einer Unerfahrenheit im Umgang mit der Öffentlichkeit». Und mit einer kompromisslosen Haltung, die er bereits bei Verhandlungen mit den Besetzern feststellte. «Ich versuchte damals, sie zu konkreten Zusagen zu bewegen. Sie sollten das Areal freiwillig verlassen, wenn man dessen Räumung dafür so lange wie nur möglich aufschiebt. Doch Zusagen kamen nie.»

Nun will Marti sich nicht mehr aktiv für die Besetzer einsetzen. Eine Tür lässt er allerdings offen: «Sollten sie mit Anliegen an mich geraten, die ich unterstützen kann, werde ich mir dies überlegen. So wie ich dies bei jedem Bürger tue.»

Die Stadtpolizei gibt an, es sei zurzeit noch verfrüht, ihren Einsatz zu kommentieren, da die Ermittlungen noch in vollem Gange seien. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.03.2013, 16:38 Uhr

Noch am Montag waren die Krawallschäden zu sehen: Betroffene berichten. (Video: Jan Derrer)

Video eines Augenzeugen

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