Biobauern dürfen Rinder auf der Weide töten

Zürich erlaubt probehalber den Abschuss der Tiere im Freien – erstmals in der Schweiz.

Die Weideschlachtung ist umstritten: Rinder auf einer Weide im Churer Rheintal. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Die Weideschlachtung ist umstritten: Rinder auf einer Weide im Churer Rheintal. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

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Rinder auf der Weide erschiessen, statt sie erst über weite Strecken in einen Schlachthof zu karren: Die Weideschlachtung, wie sie in Deutschland bereits auf etwa 75 Betrieben praktiziert wird, erspart Rindern unnötigen Stress. Doch in der Schweiz ist der Schuss auf der Weide nur für Gehegewild und Bisons erlaubt. Rindfleisch, sofern für den Verkauf bestimmt, muss nach den Regeln der Fleischindustrie im Schlachthof verarbeitet werden – zumindest bis heute.

Nils Müller, Biobauer in Küsnacht, hat vor wenigen Wochen vom Zürcher Veterinäramt eine befristete Teilbewilligung für die ersten Weideschlachtungen in der Schweiz erhalten. Bereits kann man das erste auf seinem Betrieb geschossene Rindfleisch kaufen. Müller (38), früher Vegetarier und heute ein massvoller Fleischesser, ist zufrieden: Seine Tiere werden vor dem Tod nicht aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen, sie holen sich beim Ausbalancieren der Fliehkräfte im Transporter keinen qualitätsschädigenden Muskelkater, und sie müssen sich im Schlachthof keinen neuen Platz in der Rangordnung erkämpfen.

Schiesst Müller ein Tier aus der Herde, wird es innerhalb von 90 Sekunden in einer mobilen Schlachtbox entblutet, im Anhänger ins nahe Küsnachter Schlachthäuschen gefahren und dort zerlegt. Über Jahre hat sich Müller zusammen mit seinem Mitstreiter Eric Meili, Berater beim Forschungsinstitut für Biologische Landwirtschaft (FiBL), mit dem Veterinäramt auseinandergesetzt, bis die Behörden in den Pilotversuch einwilligten. Unterstützung erhielten sie von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten.

Ein Gesuch mit grosskalibriger Munition und Schalldämpfer hatte das Veterinäramt in Frühling 2013 noch abgelehnt. Nun setzen Meili und Müller auf ein Kleinkalibergewehr mit Rotpunktvisier, wie es Studien aus Deutschland empfehlen. Das ist weniger gefährlich, weil die Kugel, aus wenigen Metern Entfernung geschossen, an der Schädelhinterwand des Tieres stecken bleibt. Ein Querschläger ist praktisch ausgeschlossen und die Betäubungswirkung besser.

Bauernverband, der Schweizer Tierschutz (STS) und Mutterkuh Schweiz stehen dem Weideschuss skeptisch gegenüber. Man habe die Schlachthofinfrastruktur nicht umsonst an wenigen Standorten konzentriert, heisst es beim Bauernverband. Die Methode sei für die grosse Masse ungeeignet, sagt Thomas Jäggi, Leiter Viehwirtschaft. «Sie ist kompliziert und teuer.»

Hansueli Huber vom STS widerspricht den Tierschützern von Vier Pfoten sogar. «Ein Weideabschuss kann mit Tierschutzargumenten nur schwer gerechtfertigt werden.» Die Fahrtzeiten für Schlachttiertransporte von maximal sechs Stunden in der Schweiz seien zumutbar, findet er. Der Weideabschuss hingegen berge die Gefahr von Fehlschüssen, die wiederum Tierleid produziere. «Auf der Weide können für einen gezielten Nachschuss mehrere Minuten vergehen. Diese Leiden werden den Rindern einfach zugemutet.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2015, 23:48 Uhr

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