Bis 1999 wurde vom Oberland aus der Schweizer Luftraum verteidigt

Das Herzstück der Schweizer Luftraumverteidigung oberhalb von Turbenthal war lange streng geheim. Heute werden dort Sanitätssoldaten ausgebildet.

Nur Soldaten und Anwohner kannten den Standort: Luftwaffenbasis Schmidrüti.

Nur Soldaten und Anwohner kannten den Standort: Luftwaffenbasis Schmidrüti. Bild: PD

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Nur gerade wenige Kilometer vom Dorfzentrum von Turbenthal haben bis zum Ende des letzten Jahrhunderts Soldaten der Fliegerabwehr den Ernstfall geübt. Sie betreuten in einer gut versteckten Anlage das Herzstück der schweizerischen Luftverteidigung, die am Wochenende in Dübendorf ihren 75. Geburtstag feiert. Die Anlage in Schmidrüti war ab 1968 im Einsatz. Auf der Fläche von 8,5 Hektaren waren 8 Lenkwaffenwerfer und 16 Lenkwaffen stationiert.

Der Kalte Krieg

Das war bis vor 12 Jahren geheim. Streng geheim sogar. Nur die Soldaten, die dort Dienst taten, und die Anwohner wussten davon. Die Luftwaffenstellung war 1999 vom Militär aufgegeben und geräumt worden. Heute ist alles anders: Auf dem Gelände werden Sanitätssoldaten ausgebildet. Beat Wüthrich war Kommandant des Fliegerabwehr Lenkwaffen Regiments 7 und Oberst im Generalstab. Er führt auf eine kleine Zeitreise. In eine Zeit, die fern scheint und doch nur unmittelbare Vergangenheit ist. In die Zeit des Kalten Krieges. Noch heute prangen auf dem Gittertor der ehemaligen Lenkwaffenbasis Verbote. Doch Wüthrich fährt mit seinem Auto an Wachhaus und Mannschaftsunterkünften vorbei. «Hier waren 150 Soldaten untergebracht», sagt er. Er selber konnte im Dorf schlafen.

Schatten der Vergangenheit

Vor einer langen Reihe von Stahltüren parkiert Wüthrich. Hoch über dem Gelände fliegt ein Helikopter, ein Militärjeep hält neben dem Ex-Kommandanten. Heinz Züst, Spezialist für Gebäudebetrieb, steigt aus und begrüsst ihn. Dieser deutet auf die Türen im Hang und sagt: «Das waren die Waffenmagazine, jede Rakete hatte eine eigene Box.» Nachdem Züst drei Schlösser geöffnet hat, zieht er eine der massiven Bunkertüren auf. Drinnen deutet nichts auf die einstige Zwecke hin, nur am Boden sieht man Schleifspuren. Sie stammen von den Ladegefährten. «Zwei Männer zogen die Lenkwaffe damit aus ihrer Box, das brauchte Muskelkraft», sagt der ehemalige Kommandant. Acht Meter lang waren diese Raketen. Wüthrichs nächstes Ziel ist der Kommandobunker, knappe 100 Meter entfernt. Nach dem Bunkereingang folgt ein dunkler Gang, danach weitere Stahltüren. Wüthrich betritt das Zentrum der Anlage – hier wurden die Befehle erteilt. Die Operateure analysierten Situationen, berechneten die Entfernung zum Ziel und gaben Zieldaten ein. Und verfolgten den Kurs ihrer abgefeuerten Bloodhound-Raketen.

Heute ist der Raum leer. Nur dicke Kabel überziehen die grauen Betonwände. Es riecht nach Putzmittel und Vergangenheit. Ein Siebenschläfer sitzt in einer Ecke und starrt die Besucher träge an, bevor er sich hinter Lüftungsrohren versteckt. Wüthrich und Züst verlassen den Raum und marschieren auf den höchsten Punkt der Anlage. Heute ist das ein leerer Platz. Früher stand hier aber die Radarantenne, die den Himmel abtastete. Nur Eingeweihte wie Wüthrich erkennen die Schatten der Vergangenheit: Der kugelsichere Wall, der die Radaranlage umgab, hinterliess eine kreisrunde Verfärbung im Asphalt.

Schaggi Streuli wehrte sich

Heinz Züst sagt beim Abstieg vom Plateau: «Damit die Anlage betrieben werden konnte, brauchte es auch das Einverständnis der Anwohner.» Einer davon sei der berühmte Schauspieler Schaggi Streuli gewesen. «Der wollte zuerst gar nichts vom Militär wissen. Erst nach einer langen Nacht und einigen Flaschen Wein gab er dem Verhandlungsführer seine Zustimmung.»

Erstellt: 23.06.2011, 15:15 Uhr

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In Zusammenhang mit den Festlichkeiten weist die Luftwaffe ausdrücklich auf den zusätzlichen Lärm hin. Und zwar für morgen Freitag (Trainingsflüge) und am Samstag während der Vorführungen. Die Veranstalter erwarten gegen 20'000 Besucher. Für diese steht eine begrenzte Zahl kostenpflichtiger Parkplätze auf dem Militärflugplatz zur Verfügung.

Die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln wird empfohlen. Die S-Bahnen S 5 und S 15 halten zwischen 12 Uhr und 18 Uhr ausnahmsweise in Dübendorf. Ab Dübendorf verkehren auch alle 6 bis 9 Minuten S-Bahnen in Richtung Zürich und Wetzikon.

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