«Wie ein Ferrari mit Golf-Bremsen»

Ein junger Mann, der an der Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, hat einen Freund mit einem Messer getötet. Psychiater Herbert Assaloni zeigt auf, was im Innern von Borderline-Betroffenen vorgeht.

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Gestern Mittwoch stand ein 22-jähriger Schweizer vor dem Zürcher Bezirksgericht. Er hatte im vergangenen November einen Freund unter Drogeneinfluss mit einem Messer angegriffen. Das Opfer starb an den Stichverletzungen. Beim Täter wurde eine Borderline-Persönlichkeitsstörung festgestellt. Könnte das Tötungsdelikt in direktem Zusammenhang mit dieser stehen?
Da sehe ich keinen unmittelbaren Zusammenhang. Einerseits waren Drogen im Spiel, andererseits eine persönliche Beziehung zu einem Freund. Diese Voraussetzungen allein können in gewissen Situationen zu einem Tötungsdelikt führen. Mit der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung muss dies nicht zusammenhängen.

Was ist denn die Borderline-Persönlichkeitsstörung?
Grundsätzlich kann die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung gestellt werden, wenn jemand bestimmte Erlebnis- und Verhaltensmuster zeigt, unter denen er selbst über lange Zeit leidet. Beim Borderline-Typ, einer Form der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung, zeigen sich beispielsweise eine massive Angst vor dem Alleinsein, eine grosse innere Leere, selbstzerstörerisches Verhalten wie Drogenkonsum oder Selbstverletzungen bis hin zu suizidalen Handlungen oder intensive, unbeständige Beziehungen. Besonders wichtig ist die Tatsache, dass Betroffene, vor allem unter Stress, Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle zu regulieren.

Was heisst das, seine Gefühle nicht regulieren zu können?
Wenn man wütend ist, kann man sich zum Beispiel oft selber beruhigen. Borderliner haben hier grosse Schwierigkeiten. Sie sind oft sehr schnell auf hundert und finden die Bremse nicht – wie ein Ferrari mit Golf-Bremsen. Sie erleben Gefühle wie Angst, Scham oder Wut äusserst intensiv und sind ihnen ausgeliefert. Sie neigen in solchen Situationen dann zu starken Wutausbrüchen oder zu Selbstverletzungen. Aber auf der anderen Seite auch zu übertriebenen Hochgefühlen.

Weshalb können sie ihre Gefühle nicht regulieren?
Die Fähigkeit, Gefühle zu regulieren oder einzuordnen, konnten Betroffene nicht erlernen. Man vermutet, dass sich dies auch neurobiologisch niederschlägt.

Das heisst, es ist zum Teil eine genetische Veranlagung?
Dies kann nicht völlig ausgeschlossen werden. Lernprozesse, die mit dem Regulieren von Gefühlen zusammenhängen, finden aber meist nach der Geburt im Austausch mit Bezugspersonen statt. Oft ist das Problem, dass die Betroffenen in einem Milieu aufwachsen, das ihnen hier wenig Unterstützung bietet. Jedes Kind braucht eine Bezugsperson, von der es gespiegelt wird und so lernen kann, wie man mit den eigenen Emotionen umgeht. Borderline-Patienten wachsen aber oft in einem Umfeld auf, in dem Gewalt, Missbrauch oder ständige Abwertung und Kritik an der Tagesordnung sind. Wegen Letzterem ist bei ihnen auch oft ein starker Selbsthass ausgeprägt.

Was heisst das für die Beziehungen zu anderen Menschen, seien sie partner- oder freundschaftlich?
Das ist individuell sehr unterschiedlich. Oft ist es so, dass sie durchaus fähig sind – auch sehr intensive – Beziehungen zu führen. Schwieriger ist es für sie meist, diese auch über eine längere Zeit aufrechterhalten zu können. Sie leiden ja an einer grossen inneren Spannung, die dann oft in den Beziehungen ausgelebt wird. Zudem gibt es grosse Schwankungen: In guten Momenten neigen sie dazu, Beziehungen zu idealisieren. Sobald es aber Ärger oder Probleme gibt, entwerten sie diese total und neigen zu impulsiven Handlungen. Oft haben sie aber grosse Angst, allein zu sein, glauben, ihre Spannungen allein nicht durchstehen zu können. Nähe und Intimität fallen ihnen aber schwer.

Laut wissenschaftlichen Studien sind mehr Frauen als Männer von der Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen. Warum?
Hier kann ich nur Vermutungen anstellen, da ich keine wissenschaftliche Untersuchung dazu kenne. Ein Erklärungsansatz wäre, dass Frauen sich oft eher psychologische Hilfe suchen, wenn sie ein Problem haben, und so die Diagnose auch häufiger bei Frauen gestellt wird. Ein anderer Ansatz ist, dass Frauen tendenziell mehr zu selbstzerstörerischem Verhalten neigen und Männer eher zu Aggression nach aussen. Möglicherweise sitzen so einige Borderline-Männer in Gefängnissen, anstatt psychiatrisch behandelt zu werden. Ein letzter Ansatz ist, dass Frauen häufiger Opfer von Missbrauch, Gewalt oder Entwertung sind und somit auch die Borderline-Persönlichkeitsstörung häufiger diagnostiziert wird.

Kann man etwas heilen, das man quasi als Einschränkung von neurobiologischen Prozessen und Lerndefiziten beschreiben kann?
Man kann den Betroffenen helfen, ihre Fertigkeiten zu trainieren, also den Umgang mit Gefühlen oder mit sich selbst und anderen zu lernen. So kann man auch eine gewisse Akzeptanz für die eigenen Schwierigkeiten schaffen und den grossen inneren Druck lösen. Für viele Patienten ist dies sehr hilfreich, um mit der eigenen Persönlichkeitsstörung besser umgehen und leben zu können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2012, 14:58 Uhr

«Ein gesunder Mensch hat eine innere Regulierungsmöglichkeit, wenn er gewissen Gefühlen ausgesetzt ist, ein Borderliner nicht»: Herbert Assaloni, Psychiater in der Winterthurer Praxis zum beherzten Leben. (Bild: zvg)

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