Bürgerliche kritisieren «arrogante» Kesb

Nach der Kindstötung in Flaach gerät die Kesb immer heftiger in die Kritik. Jetzt fordern neben den Grosseltern auch Politiker Konsequenzen. Der Flaacher Gemeindepräsident schlägt einen Kompromiss vor.

Die Kindesschutzbehörde könnte bald wieder zum Thema werden im Zürcher Kantonsrat. Bild: Urs Jaudas

Die Kindesschutzbehörde könnte bald wieder zum Thema werden im Zürcher Kantonsrat. Bild: Urs Jaudas

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Die Grosseltern hätten ihre Grosskinder Nicolas (5) und Alessia (2), die nicht mehr bei ihren Eltern wohnen konnten, bei sich aufgenommen. Doch die professionelle Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Winterthur-Andelfingen zog es vor, die Geschwister in einem Kinderheim unterzubringen.

Nun sind die Kinder tot und die Grosseltern machen die Kesb für den tragischen Tod der Kinder mitverantwortlich. Ihre Tochter sei mit den Nerven völlig am Ende gewesen, die Kesb habe ihre Grosskinder in den Tod getrieben, teilten sie den Medien mit. Sind diese Vorwürfe gerechtfertigt?

SVP: Kesb muss weg

Im Zürcher Kantonsrat, der die Kesb vor einigen Jahren geschaffen hatte, ist die Betroffenheit gross. Vor allem von bürgerlicher Seite wird die neue Behörde kritisiert. Besonders heftig tut dies Barbara Steinemann (SVP). Sie sitzt in Regensdorf in der Sozialbehörde und hat häufig mit der Kesb zu tun. Für sie ist klar: «Jetzt muss die Kesb weg.» Die Behörde agiere mit einer «unglaublichen Arroganz» und terrorisiere die Gemeindebehörden.

Zum Fall Flaach meint Steinemann: «Man hat die Kinder in ein Heim gesteckt, um damit die Kollegen aus der Sozialindustrie mit Arbeit zu versorgen.» Früher sei in Fällen wie diesem zuerst die Verwandtschaft abgeklappert worden. Ein Skandal findet Steinemann auch, dass die Kesb über Weihnachten nicht erreichbar gewesen sei. «Die Laienbehörden sind in Notfällen zu jeder Tages- und Nachtzeit ausgerückt.»

FDP: «Gravierende Kommunikationsprobleme»

Für Gabriela Winkler (FDP), die Co-Präsidentin der Sozialkonferenz, ist es schwierig, über diesen Fall zu urteilen. Dazu seien noch zu wenig Fakten bekannt. Allerdings ist auch für Winkler die grosse Frage, warum die Kesb das Angebot der Grosseltern nicht angenommen hatte. Deren Wut auf die Behörden sei deswegen nach den katastrophalen Feiertagen nachvollziehbar. Der Fall Flaach müsse Anlass sein, bei der Fremdplatzierung von Kindern noch vorsichtiger zu werden. Es störe sie als alleinerziehende Mutter enorm, wenn die Kindesschutzbehörde eine Familie als instabil bezeichne, weil der Vater fehle.

Klar ist für Winkler auch, dass die Kesb gravierende Kommunikationsprobleme hat: «Ich bekomme massenhaft Kritik aus den Gemeinden.» Die Behörde sei demnach nicht nur über Weihnachten nicht erreichbar. Oft sei es kaum möglich, die Kesb zu Bürozeiten zu erreichen. Für Winkler ist darum klar: «Dieses Verhalten wirkt arrogant und muss sich ändern.» Im Fall Flaach sei kommunikativ alles falsch gelaufen. Bei einer Kindswegnahme müsse einer jungen Mutter das korrekte Juristendeutsch zwingend übersetzt werden. Die Mutter von Nicolas und Alessia sei mit den diversen Behördenentscheiden heillos überfordert gewesen.

Winkler wehrt sich auch gegen Vorwürfe, die Freisinnigen hätten im Kantonsrat gegen einen Pikettdienst der Kesb gestimmt. Für die FDP sei es eine Selbstverständlichkeit, dass eine Kindesschutzbehörde einen Notfalldienst habe. Man habe es aber als unnötig erachtet, dies ins Gesetz zu schreiben.

Grüne: «Mängel beheben»

Die Fraktionschefin der Grünen, Esther Guyer, will sich zum konkreten Fall nicht äussern, hält aber nichts von den Schuldzuweisungen der Bürgerlichen: «Es ist widerlich, wie die Bürgerlichen nun aus diesem tragischen Fall Kapital zu schlagen versuchen.» Wichtig sei nun, die Lehren aus dem Fall zu ziehen und Mängel zu beheben. Sie erinnert daran, dass auch tragische Fälle passierten, als noch die Laien aus den Gemeinden über Kindesschutzmassnahmen entschieden, etwa im Fall Bonstetten.

Damals hatten die Gemeindebehörden einem Mann das Sorgerecht über seinen Sohn zugesprochen, obwohl bekannt war, dass der schon 1990 seinen ersten Sohn hatte töten wollen. Schliesslich hat der Mann den fünfjährigen Sohn in einem Winterthurer Hotel umgebracht. Im August 2013 ist er zu einer 18-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden.

CVP: Laien hätten es nicht besser gemacht

Regierungsratskandidatin und Staatsanwältin Silvia Steiner (CVP) hatte in früheren beruflichen Tätigkeiten mit Fällen von Kindsmissbrauch zu tun. Für sie ist klar, dass Kindesschutzmassnahmen von Fachleuten getroffen werden müssen. Die Gemeindebehörden hätten in diesem Fall nicht mehr Detailwissen gehabt als die Kesb. Offensichtlich habe man die Familie in Flaach kaum gekannt, da sie erst vor kurzem zugezogen sei und zurückgezogen gelebt habe. Der Fall Flaach eigne sich schon deshalb nicht dafür, die Abschaffung der Kesb oder eine Neuorganisation des Vormundschaftsrechts zu fordern.

Die Mutter von Alessia und Nicolas habe wohl keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als ihren Kindern Gewalt anzutun. Es müsse deshalb vielmehr geprüft werden, wie man Menschen in derart schwierigen Krisensituationen besser einschätzen und begleiten könne. Abgesehen davon glaubt aber auch Steiner, dass die Zusammenarbeit zwischen den Gemeindebehörden und der Kesb besser werden müsse. Gerade bei der Anordnung von Schutzmassnahmen sei eine enge und gute Zusammenarbeit zwischen allen beteiligten Behörden erforderlich.

Kesb für 10 Prozent der Fälle

Die Kesb ebenfalls nicht abschaffen will der Präsident der betroffenen Gemeinde Flaach. Walter Staub beklagt zwar wie viele andere Gemeindepolitiker, dass die Gemeinde oft nur zahlen müsse, was die Kesb anordne, und dies ohne Einsicht in die Dossiers zu erhalten. Zudem bemängelt er die Kommunikation der Kesb.

Zurück zum alten System der Gemeinde-Vormundschaftsbehörden will der Freisinnige aber nicht. Gemäss seiner Erfahrungen als Schul- und Gemeindepräsident könne die Gemeinde etwa 90 Prozent der Fälle locker selber erledigen. Bei etwa 10 Prozent sei sie auf fachliche Hilfe, etwa einer Kesb, angewiesen. Deshalb würde Staub eine Mischform von Kesb und Vormunschaftsbehörde befürworten und die Gemeinden vor die Wahl stellen, welches System sie wollen. Städte wie Zürich und Winterthur seien mit einer Kesb besser bedient, kleinere Landgemeinden mit einer Mischform.

Erstellt: 05.01.2015, 13:36 Uhr

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