Analyse

Carlos als Spielball der Politik

Weshalb der 18-jährige Messerstecher ins Jugendgefängnis verlegt wurde und keine Einzeltherapie erhält – obwohl sie erfolgversprechender wäre.

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Carlos wird nach Uitikon verlegt: Damit hat Justizdirektor Martin Graf jenen Entscheid gefällt, der am einfachsten zu kommunizieren ist. Und sich gleichzeitig vor der Verantwortung gedrückt. Wohl ist ihm damit offenkundig nicht: Gestern verweigerte er jede weitere Auskunft an die Medien.

Am Dienstag hatte Benjamin Tommer, der Sprecher der Justizdirektion, erklärt, Carlos sei eine öffentliche Person geworden und er komme zu seinem eigenen Schutz nach Uitikon. Doch das ist ein schwaches Argument. Wäre der Staat tatsächlich nicht in der Lage, Carlos vor ein paar Journalisten zu schützen, so wäre das ein Armutszeugnis. Zumal der Staat selbst mitschuldig ist, dass es mit diesem Fall so weit gekommen ist. Vor allem aber: Welchen Sinn macht eine Massnahme «zum Schutz» eines schwierigen jungen Mannes, wenn diese Massnahme bisherige Erfolge gefährdet?

Keine Kostenwahrheit

Aus pädagogischer Sicht spricht alles gegen Carlos Verlegung nach Uitikon. Es gibt einen guten Grund, weshalb Fachleute auf eine Einzeltherapie pochen: Carlos kann nicht mit Gleichaltrigen umgehen. Ihnen gegenüber fehlt ihm jede Empathie, hier kann er sogar gefährlich werden. Das hat er bei seiner letzten Straftat, aber auch in etlichen Institutionen bewiesen. Auf der anderen Seite haben jene 13 Monate vor dem verhängnisvollen Dokfilm gezeigt, dass Carlos in der richtigen Umgebung lernfähig ist und keine Probleme macht. Dennoch soll er nun zurück in ein Umfeld, das als ungünstig zu erachten ist.

Auch die Kosten sind kein Argument. Zwar beträgt der Tagessatz für das Massnahmenzentrum Uitikon mit 500 Franken vordergründig viel weniger als die bisherige Betreuung. Nur sind diese 500 Franken nicht die Vollkosten, wie ein Insider dem TA sagte, denn das Zentrum ist subventioniert. Mit wie viel, wollte die Justizdirektion gestern nicht bekannt geben. Der Betrag lässt sich aber erahnen. Denn ab 2015 werden neu 800 Franken pro Tag verrechnet, ohne dass die Leistung gross ausgebaut würde.

Graf handelt fahrlässig

Der Schluss liegt nahe, dass Justizdirektor Martin Graf am Fall Carlos ganz einfach Härte markieren wollte. Das kann man natürlich nachvollziehen, bloss widerspricht es sämtlichen Grundsätzen des – sehr erfolgreichen – Schweizer Jugendstrafrechts, das die Resozialisierung als höchstes Gut gewichtet. Wer dieses Ziel nur gefährdet, um dem Volk das sagen zu können, was es mutmasslich hören will, handelt fahrlässig. Wohlverstanden: Härte gegenüber jungen Straftätern ist nicht falsch, aber sie muss richtig eingesetzt werden und nicht nur um ihrer selbst willen.

Die Tragik ist letztlich die: Wie immer die Geschichte auch ausgeht, jene, die selbstgerecht nach mehr Härte gegenüber den ganz wenigen Jugendlichen rufen, denen mit herkömmlichen Mitteln nicht beizukommen ist, werden das Wasser auf ihre Mühlen zu leiten wissen. Wird Carlos rückfällig, so wird das als Beweis gelten, dass eine Einzeltherapie nichts bringt. Hält er in Uitikon durch, was ihm zu wünschen ist, so wird daraus der Schluss gezogen, dass Härte mehr bringt als vermeintliche Kuscheljustiz.

Erstellt: 22.11.2013, 06:45 Uhr

Riesen-Oggenfuss GmbH

Zusammenarbeit beendet
Der negative Medienwirbel um den Jugendlichen Carlos hat für die verantwortliche Resozialisierungsfirma Riesen-Oggenfuss GmbH Konsequenzen. Die Justizdirektion hat beschlossen, das zweite Sondersetting mit einer anderen Jugendlichen zu beenden und die Arbeit mit der in Höngg auf der Werdinsel domizilierten Unternehmung einzustellen. In diesem Setting war eine kleinkriminelle Jugendliche, die unter prekären Familienverhältnissen aufgewachsen ist, von Riesen-Oggenfuss betreut worden. Benjamin Tommer, Sprecher der Justizdirektion, will einen Bericht in der NZZ von gestern nicht kommentieren.

Die Firma hatte auch im Kanton St. Gallen einen Dienstleistungsauftrag für einen Jugendlichen. Dieser Auftrag sei beendet worden, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Begründet wurde der Entscheid mit fehlendem Vertrauen nach der Berichterstattung im Fall Carlos. Ähnlich argumentiert ein Sprecher des aargauischen Departements des Innern. Seit Anfang Jahr hatte die Firma im Aargau ein Mandat für einen Jugendlichen im Rahmen des betreuten Wohnens. Das Mandat wurde kurz vor Ablauf per Ende November beendet.

Im Zürcher Stadtparlament haben die beiden SVP-Gemeinderäte Martin Bürlimann und Mauro Tuena eine schriftliche Anfrage eingereicht. Sie wollen wissen, ob die Stadt Zürich der Riesen-Oggenfuss GmbH Aufträge gebe, Kinder und Jugendliche zu betreuen. Falls ja, wollen sie wissen, seit wann, in welcher Anzahl und wie hoch die jährlichen Auszahlungen an die Firma seien. Die Antwort ist noch ausstehend, sie wird nächste Woche veröffentlicht.
Stefan Hohler

Ein Bekannter von Carlos erzählt, wie es ihm geht. (Video: Keystone )

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