Fall Carlos

Carlos will Thaibox-Training mit Hungerstreik erzwingen

Aus Protest gegen seine Unterbringung in eine geschlossene Anstalt tritt der 18-jährige Carlos morgen um 10 Uhr in den Hungerstreik. Das erklären seine Eltern im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Machen sich Vorwürfe, klagen aber auch an: Die Eltern von Carlos am Sihlufer.

Machen sich Vorwürfe, klagen aber auch an: Die Eltern von Carlos am Sihlufer. Bild: Doris Fanconi

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Am Donnerstag wird Carlos von der Jugendabteilung des Gefängnisses Limmattal in Dietikon ins Massnahmenzentrum Uitikon verlegt. Dagegen wehrt er sich und erhält Unterstützung von seinen Eltern. Wie sie am Mittwochnachmittag gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagten, tritt Carlos (Name geändert) morgen um 10 Uhr in den Hungerstreik. Damit will er erreichen, dass sein sogenanntes Sondersetting wieder aufgenommen wird.

Der Stadtzürcher Carlos, der als sehr schwierig galt, seine Jugendjahre in Heimen und geschlossenen Anstalten verbracht und 2011 als 15-Jähriger einen Jugendlichen niedergestochen hat, lebte seit einer Weile begleitet in einer 4,5-Zimmer-Wohnung im Kanton Baselland. Schlagzeilen machte, als herauskam, dass seine Betreuung über 29'000 Franken kostet und er Thaibox-Training erhält. Um Carlos – so die Oberjugendanwaltschaft – vor den Medien zu schützen, wurde er zuerst nach Dietikon verlegt. Morgen erfolgt ein weiterer Umzug, nämlich nach Uitikon.

«Gebt mir meinen Sohn zurück»

Carlos' Vater sagt, sein mittlerweile 18-jähriger Sohn wolle das nicht hinnehmen. Er habe seit etlichen Monaten nichts Falsches mehr gemacht und sich in Dietikon vorbildlich verhalten. Seine 9-monatige Gefängnisstrafe nach der Messerstecherei ist seit langem verbüsst. «Jetzt versteht er die Welt nicht mehr. Er wird eingesperrt, obwohl er nichts gemacht hat», sagt der Vater. Carlos' Ziel ist, Profi-Thaiboxer zu werden. Deshalb will er zurück nach Baselland. Es gebe, so der Vater, einen Vorschlag für ein Sondersetting, das «nur» noch 19'000 Franken pro Monat kostet. Mittelfristig war geplant, dass Carlos' Eltern die Wohnung übernommen und mit ihrem Sohn gelebt hätten.

«Bis jetzt haben wir alles gemacht, was die Behörden sagten», sagt ein aufgewühlter Vater. «Jetzt sollen sie mal tun, was wir empfehlen.» Er und die Mutter wollen ebenfalls in den Hungerstreik treten. Ihr gehe es nicht gut, sie habe in den letzten drei Monaten 16 Kilo abgenommen, erzählt sie. «Gebt mir meinen Sohn zurück, ich schaue schon, dass er nichts mehr anstellt.»

Als 9-Jähriger in Handschellen abgeführt

Die Eltern sind seit 20 Jahren verheiratet, lebten aber oft getrennt. Die jetzige Situation hat die ganze Familie wieder zusammengeschweisst, erzählen sie. Beide machen sich Vorwürfe: «Wir haben Fehler gemacht.» Doch nun, da Carlos auf gutem Weg sei, dürfe er nicht in eine Anstalt gesteckt werden, wo die schwerkriminellen Jugendlichen untergebracht sind. «Das bringt ihn wieder in Kontakt mit seiner alten Welt, die er bewusst hinter sich gelassen hat.»

Als Knackpunkt in Carlos' Leben sehen die Eltern, als er als 9-Jähriger mit Handschellen von der Polizei abgeführt wurde und vier Tage in Untersuchungshaft war. Er wurde verdächtigt, ein Haus angezündet zu haben. Doch es stellte sich heraus, dass er es nicht gewesen sei.

Erstellt: 20.11.2013, 16:40 Uhr

Lesen Sie im «Tages-Anzeiger»

Tages-Anzeiger Zeitung
Print-Ausgabe vom 21. November 2013
Interview mit Carlos' Eltern Im Gespräch mit dem TA sagen die Eltern, was sie und was die Behörden mit Carlos falsch gemacht haben.

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