Chefwechsel an der Universität als Chance

Seit sechs Jahren kämpft Professor S. um Wiedergutmachung eines Forschungsskandals. Der Fall lief aus dem Ruder und ist jetzt zur Politposse geworden. Höchste Zeit, eine Lösung zu finden.

Aufräumen ist angesagt: Reinigungsarbeiten in der Universität Zürich.

Aufräumen ist angesagt: Reinigungsarbeiten in der Universität Zürich. Bild: Sophie Stieger

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Der Fall von Professor S. ist komplex. Seine juristische Dimension ist kaum mehr überschaubar, so viele Verfahren haben der Professor und seine Unterstützer gegen Gremien und Exponenten von Unispital und Universität angestrengt. Der Fall hat aber auch eine politische Dimension, die in den letzten Tagen neu aufgeflammt ist. Es geht um einen Streit zwischen zwei Kommissionen des Kantonsrats, bei dem wiederum ein Streit zwischen zwei Politikerinnen der Grünen eine Rolle spielt.

Die ganze Sache ist höchst delikat. Wer etwas dazu sagt, möchte sich nicht namentlich in der Zeitung zitiert sehen. Mit einer Ausnahme: SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti. Er setzt sich seit Jahren persönlich für den Professor ein und hat jetzt neu den Vorsitz in der Aufsichtskommission Bildung und Gesundheit übernommen – jener Parlamentariergruppe, die dem Unispital wie der Universität auf die Finger schaut. «Ich will den Fall neu aufrollen», kündigt Zanetti an. Allerdings nur, wenn keine aussergerichtliche Einigung zwischen den Streitparteien zustande kommt. «Das wäre für alle das Beste.» Zanetti sieht durchaus Chancen für eine solche Einigung, jetzt, da die Uni einen neuen Rektor hat und das Unispital einen neuen Präsidenten: «Sie müssten zugeben, dass sie Fehler gemacht haben. Der Professor muss endlich wieder arbeiten können.»

Kritik blieb folgenlos

Mehr als sechs Jahre ist es her, seit S. seine Tätigkeit im Unispital aufgeben musste. Der Titularprofessor arbeitete als Oberarzt in der Poliklinik für Innere Medizin und hatte dort die Forschungsabteilung aufgebaut. Für seine Projekte bekam der renommierte Wissenschafter 1,5 Millionen Franken vom Nationalfonds. Seine Erkenntnisse halfen mit, Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Als ein neuer Chefarzt die Klinikorganisation umkrempelte, begann ein Kampf um Ressourcen. Der Konflikt eskalierte, worauf die Spitaldirektion S. im Januar 2009 seines Amtes enthob. Als er wenig später zu Unrecht der sexuellen Belästigung bezichtigt wurde, kündigte er. Daraufhin stellte ihn die Spital­direktion frei und verwehrte ihm den Zugang zu den Ergebnissen seiner zehnjährigen Forschungsarbeit.

Später stellten das Verwaltungs­gericht und der Nationalfonds gravierende Verstösse gegen Persönlichkeitsrechte, Urheberrechte und gegen die Forschungsfreiheit fest. Doch das verhalf dem Professor nicht zur Rehabilitierung. Auch die Unterstützung durch namhafte nationale Politiker brachte wenig. Grosse Hoffnung setzte S. in die kantonsrätliche Aufsichtskommission Bildung und Gesundheit (ABG), die seinen Fall untersuchte – und wurde enttäuscht. Der im Juli 2012 publizierte Bericht zeigte zwar Führungsfehler und problematische Schnittstellen zwischen Uni und Spital auf, doch das nützte dem Professor persönlich nichts. Die ABG kritisierte den Unirektor, den Forschungsdirektor des Unispitals sowie auch Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) und Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP), weil sie untätig geblieben waren. Die Kritik blieb aber folgenlos. Denn die Aufsichtskommission selber hat keine Weisungsbefugnis.

Erst die Affäre Mörgeli kostete Rektor Andreas Fischer dann das Amt. Wegen Versagens bei der Bewältigung eines Personalkonfliktes. Denselben Vorwurf muss Fischer sich auch betreffend Professor S. gefallen lassen. Laut einem Insider ist in dem Fall vieles falsch gelaufen, niemand habe sich richtig auf S. eingelassen.

Neue Front bringt nichts

Der Professor kämpfte weiter und weiter, auf allen juristischen und politischen Ebenen. In Zanetti fand er einen Supporter, der ebenso hartnäckig ist wie er selber. Der SVP-Politiker ist getrieben von seinem Gerechtigkeitssinn, aber wohl auch von seiner Feindschaft zu Aeppli, die als Präsidentin des Universitätsrates die Politik der Uni verantwortete. Zanetti pflegt guten Kontakt mit der grünen Kantonsrätin Gabi Petri. In der Justizkommission, der sie bis letzten Montag angehörte, hat es Petri auch mit Professor S. zu tun bekommen. Dessen Anwältin hatte eine Eingabe gemacht, welche die Justizkommission behandeln musste.

Petri hat in der Folge die Protokolle der ABG zum Fall S. mit der Abschrift verglichen, die der Professor selber von den Gesprächsaufnahmen gemacht hatte. Sie stellte grosse Abweichungen fest, worauf die Justizkommission die ABG scharf kritisierte. Die NZZ machte den Vorfall öffentlich. Dass eine Kommission eine andere in den Senkel stellt, ist einmalig. Dabei dürfte mitgespielt haben, dass Petri ihrer innerparteilichen Widersacherin Esther Guyer eins auswischen konnte: Guyer ist langjähriges Mitglied der ABG und war massgeblich bei der Untersuchung zum Fall Professor S.

Ob die Kritik gerechtfertigt ist, lässt sich von aussen nicht beurteilen. Laut Geschäftsordnung muss das Protokoll nicht vollständig sein, sondern nur den wesentlichen Inhalt der Voten enthalten. Ohnehin ist es höchst fraglich, ob der Sache des Professors mit der Eröffnung einer neuen Front gedient ist. Viel besser wäre es, wenn endlich alle das Kriegsbeil begraben würden. Unirektor Michael Hengartner ist dem Vernehmen nach dazu bereit. Nun müsste sich auch die Führung des Unispitals bewegen. Und nicht zuletzt der Professor selber. Mit Schaden­ersatzforderungen in Millionenhöhe wird er nicht durchkommen. Seine Rehabilitation als Forscher in Zürich sollte aber möglich sein. Spitalrats­präsident Martin Waser hat den Ruf, pragmatisch zu sein.

Erstellt: 20.05.2015, 23:16 Uhr

Michael Hengartner

Claudio Zanetti

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