China wollte Tanzshow im Kongresshaus verhindern

Der Botschaft und dem Konsulat der Volksrepublik China ist die Veranstaltung «Shen Yun» ein Dorn im Auge. Sie haben versucht, die Aufführungen im Zürcher Kongresshaus zu blockieren – ohne Erfolg.

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Eigentlich müsste doch alles in bester Ordnung sein. Ende März gastiert an mehreren Abenden die chinesische Tanzshow «Shen Yun» im Zürcher Kongresshaus. Die neue Show, von einem Liveorchester begleitet, lässt gemäss eigenen Angaben «die Mythen und Legenden von Chinas über 5000 Jahre alten Geschichte auf der Basis von Schönheit, Weisheit und Anmut wieder aufleben».

Geschichten von Falun Gong

US-Präsident Barack Obama, damals noch Senator, meinte 2007 zu einer Aufführung in Chicago: «Dieses spezielle Ereignis wird unzweifelhaft Erinnerungen bringen, die ein Leben lang andauern werden.» Und nach einer Show der «Shen Yun»-Truppe im Londoner Coliseum schwärmte Prinzessin Michael von Kent: «Ich bin vollkommen verzaubert.» Das klingt nach bester Werbung für China, an der auch die chinesischen Behörden ihre helle Freude haben.

Müsste man meinen. Aber die chinesischen Behörden sind gar nicht verzaubert. Ihnen ist die Show ein Dorn im Auge. «Shen Yun» – wörtlich übersetzt: «die Schönheit tanzender göttlicher Wesen» – präsentiert zwar Geschichten, «die das innere Wesen der göttlich inspirierten Kultur Chinas zum Leben erwecken». Dargestellt werden auch, wie es auf der deutschsprachigen Website heisst, «repräsentative Ereignisse aus der modernen Welt wie die Kultivierungsgeschichten von Falun Gong».

Und genau hier liegt für das offizielle China das Problem: Vom Kultivierungsweg «Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht» will die Kommunistische Partei Chinas nichts wissen. Für die chinesische Staatsführung ist Falun Gong (siehe Box) eine schädliche, gefährliche Sekte, die Gedanken kontrolliert, illegal Geld sammelt, geheime Gruppierungen organisiert und die Gesellschaft gefährdet. Die 1992 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellte spirituelle Gruppierung wurde deshalb im Juli 1999 in China verboten.

Die Schweiz äusserte Besorgnis

Gemäss chinesischen Beobachtern hatte die Bewegung zu Beginn aber durchaus die Zustimmung der Regierung; Parteimitglieder praktizierten deren Übungen. Die Verfolgung der Anhänger habe erst eingesetzt, als Falun Gong auf grosse Resonanz in der Bevölkerung gestossen sei und dadurch zunehmend politische Bedeutung erhalten habe.

Die Folge waren Massenverhaftungen. Bei der «brutalen Zerschlagung der 70 Millionen Anhänger zählenden Bewegung» seien «mehr als 3300 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen», berichtete die Gesellschaft für bedrohte Völker. Zehntausende seien in Arbeitslagern interniert und teilweise gefoltert worden. Anhängern sollen zwangsweise Organe entnommen worden sein. Der Bundesrat hielt in der Antwort auf eine Interpellation fest, er kenne die Situation von Falun Gong in China und habe gegenüber den chinesischen Behörden «seine Besorgnis mehrfach zum Ausdruck gebracht».

Ende letzten Jahres erhielt Norbert Bolinger, Direktor des Kongresshauses, eine E-Mail und dann den Besuch eines Mitarbeiters des chinesischen Konsulats. Beim Besuch wurde er auf den Zusammenhang zwischen «Shen Yun» und Falun Gong aufmerksam gemacht. Dabei wurde er auch gefragt, ob es eine Möglichkeit gebe, auf den Anlass zu verzichten. Laut Generalkonsul Liang Jianquan sind die «sogenannten Kulturveranstaltungen ein Propagandamittel der Falun-Gong-Sekte». Die wahre Absicht sei, die «Falun-Gong-Sekte zu verbreiten und die chinesische Regierung zu attackieren». Die Vorführung traditioneller chinesischer Kultur sei nur dazu da, die wahren Absichten zu verbergen.

Kein Grund für ein Verbot

Bolinger zog nach dem Besuch noch weitere Erkundigungen ein, sah aber «keine Probleme». «Ein solches Verbot müsste schon von ganz oben, aus Bundesbern, kommen», sagte er. Er verwies auf die schriftliche Vereinbarung mit der Veranstalterin, der Stiftung Shen Yun Performing Arts. Auch die vereinbarten Akontozahlungen wurden termingerecht geleistet. Das Kongresshaus handle nach dem Motto: «Wir sind für alle da, aber nicht für alles.»

Dass das Haus, in dessen Stiftungsrat auch die Stadt Zürich sitzt, keine Berührungsängste in Sachen China hat, zeigt ein Blick auf die Website. In der Aufzählung der Weltstars, die «das Traditionshaus beehrt» haben, ist der Dalai Lama nicht nur namentlich erwähnt, sondern als Einziger im Bild zu sehen.

Die Firma Shen Yun Performing Arts wurde 2006 in New York gegründet. Zwei Jahre später wurde in der Schweiz eine gleichnamige Stiftung ins Leben gerufen. Sie ist als Non-Profit-Organisation in der Schweiz anerkannt und von den Steuern befreit. Zu den aktuellen Interventionen der chinesischen Behörden wollte niemand Stellung nehmen. Auf der Website «Shen Yun-Pedia online» wird die Verfolgung von Falun Gong in China damit erklärt, dass Regime und Ideologie der Kommunistischen Partei «im starken Gegensatz zur traditionellen Kultur Chinas stehen». Es sei «nicht so, dass Falun Gong selbst politisch» sei.

«Inspiration, nicht Politik»

In Aufführungen von «Shen Yun» erschienen in Bezug auf Falun Gong «Themen wie spirituelle Hingabe, Barmherzigkeit von Gottheiten, Vergeltung von Gutem und Bösem und die Suche nach dem Sinn des Lebens. Diese Programmpunkte berühren das Herz und erleuchten die Seele. Sie inspirieren Menschen positiv und kümmern sich nicht um Politik.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.02.2012, 07:20 Uhr

Falun Gong

Falun Gong, auch Falun Dafa genannt, geht auf den spirituellen chinesischen Meister Li Hongzhi zurück. Meister Li, wie er von seinen Anhängern genannt wird, kombiniert buddhistische und taoistische Elemente mit New-Age-Versatzstücken. Die Lehre vermengt verschiedene Heilsideen. Doch das Rezept ist sehr einfach: Mit fünf Körperübungen und Meditation sollen ihre Anhänger geistig und physisch wachsen.

Die überrissenen Heilsversprechen erinnern an übersinnliche Wunder. Meister Li verspricht den Falun-Praktizierenden die totale Läuterung und dem ganzen Universum die Erlösung. Konkret: Wer den Geist von Falun Gong im Alltag umsetzt, dem soll sich ewige Jugend, absolute Gesundheit, totale geistige Freiheit und Unsterblichkeit erschliessen.

Übernatürliche Kräfte

Lis Heilslehre zeigt in der radikalen Überhöhung sektenhafte Züge. Problematisch sind auch die Bindung seiner Anhänger und die Verehrung des Meisters. Diese erklärt sich auch daraus, dass sich Li Hongzhi selbst übernatürliche Kräfte zuschreibt und behauptet, mit allen Göttern des Kosmos in Verbindung zu stehen. Weiter glaubt er, übernatürliche, wenn nicht gar göttliche Kräfte zu besitzen und die Gravitation überwinden zu können. Und er verspricht Adepten, die es mit Falun Gong zur Meisterschaft bringen, ähnliche Fähigkeiten, mit denen die Grenzen menschlicher Bedingtheit gesprengt werden könnten. Solche unrealistischen Versprechen erzeugen bei den Anhängern von Meister Li eine tiefe Sehnsucht, die zu Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen führen kann.

Die fünf Körperübungen sind leicht zu erlernen und völlig unspektakulär. Es handelt sich um exakt vorgegebene Bewegungsabläufe, die im Stehen ausgeführt werden, ergänzt mit Meditationsübungen. Mit langsamen, fliessenden Bewegungen, wie sie von Qigong-Praktiken seit Jahrhunderten bekannt sind, sollen Körper und Geist harmonisiert werden. Falun Gong kann denn auch mit «Rad des Dharma» (Lehre des Buddha) und Energie (Gong) übersetzt werden.

Früher praktizierten die Falun-Gong-Anhänger die Übungen in China meist auf grossen Plätzen, seit der Verfolgung hinter verschlossenen Türen. Die chinesische Repression machte Meister Li zum Märtyrer, was seine Popularität vor allem im Westen erhöhte. (Hugo Stamm)

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