«Chlinä huere Tubel»

Absicht oder Reflex? Ein Kantonspolizist wird beschuldigt, Kinder beschimpft und eine Erzieherin geschlagen zu haben. Vor Gericht gab er an, zuerst von ihr geschubst worden zu sein.

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Der Vorfall hat sich im März 2007 im Stadtkreis 5 ereignet. Die Kleinkinderzieherin I. B. wollte mit ihren elf Kindern und ihrem Praktikanten auf Höhe Heinrichstrasse 210 über die Strasse. Ein Auto hielt vor dem Fussgängerstreifen, um die Gruppe vorbeizulassen. Ein folgendes Fahrzeug überholte, ein drittes ebenfalls.

Das war dem Praktikanten zuviel: Er zeigte dem Lenker den Stinkefinger. Dieser – ein heute 62-jähriger Feldweibel der Fahrzeugfahndung der Kantonspolizei Zürich - stellte seinen Wagen ab, rannte wutentbrannt auf die Gruppe los und soll die Kinder gemäss Aussage der Geschädigten mit unflätigen Ausdrücken wie «huere Schlumpf», «chlinä huere Tubel» und «frächä Goof» eingedeckt haben.

Gestossen, gestürzt, Brust verletzt

Die 33-jährige Frau stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor die Kinder und berührte dabei wohl den Beamten, der privat unterwegs war. Laut Anklageschrift versetzte er ihr einen Stoss gegen das Brustbein. Sie taumelte rückwärts und brachte zwei Kinder zu Fall. Die Frau zog sich bei der Auseinandersetzung eine Prellung im Brustbereich zu. Die Kinder blieben unverletzt.

Wie heftig der Schlag des Polizisten tatsächlich ausgefallen war und ob er absichtlich auf die Frau eingeschlagen hatte, musste gestern der Einzelrichter am Bezirksgericht klären. Wegen der Verkehrsregelverletzung war der Polizist im Dezember 2007 zu 1000 Franken Busse und einer bedingten Geldstrafe von 2600 Franken verurteilt worden. Die elf Kinder wollten die Verhandlung im Gerichtssaal mitverfolgen, wurden aber nicht zugelassen.

Obergericht machte Staatsanwältin Beine

Brisant an der Geschichte ist, dass die Staatsanwältin auf die Strafanzeige der Frau vorerst nicht eintrat. Erst das Obergericht hiess den Rekurs gegen die Einstellung des Verfahrens gut. Gerade von einem Polizisten könne erwartet werden, in einer schwierigen Situation angepasst zu reagieren, hielten die Richter fest. So musste die Staatsanwältin wohl oder übel anklagen. Sie tat dies – und forderte einen Freispruch.

Mit dem blossen Schubser habe er angemessen reagiert, sagte der 62-Jährige dem Einzelrichter. Die ganze Sache sei an den Haaren herbeigezogen und werde aufgebauscht. Es habe sich bloss um eine unbedachte Reflexbewegung gehandelt, nachdem ihn die Geschädigte zuerst gestossen habe. «Ich habe noch nie eine Frau geschlagen», so der Angeklagte.

Tränen im Gerichtssaal

Der Vertreter der Erzieherin forderte 300 Franken Schmerzensgeld und gut 11 000 Franken Prozessentschädigung. Der Angeklagte sei ein uneinsichtiger Aggressor. Er beschuldige die Frau, um sich selber zu schützen. Es habe keine Tätlichkeit seiner Mandantin gegeben, die mit einer zweiten hätte vergolten werden müssen. «Die friedliebende Geschädigte hat Mut bewiesen, als sie sich schützend vor die Kinder stellte.» Diese brach im Gerichtssaal wie tags zuvor in einem Beitrag der Nachrichtensendung «10 vor 10» in Tränen aus.

Der Richter kam zu keinem abschliessenden Urteil. Somit blieb die Frage Aggression gegen die Frau oder blosser Abwehrreflex offen. Er wird seinen Entscheid schriftlich zustellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2008, 10:05 Uhr

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