«Christoph Blochers Zeit ist abgelaufen»

Balthasar Glättli, neuer grüner Nationalrat, besteht trotz der Niederlage seiner Partei auf deren linken Kurs und erklärt, was er an Christoph Blocher schätzt.

«Wir brauchen eine strengere Umweltpolitik»: Balthasar Glättli, neuer Grüner Nationalrat.

«Wir brauchen eine strengere Umweltpolitik»: Balthasar Glättli, neuer Grüner Nationalrat. Bild: Keystone

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Sie haben für fast alle nur denkbaren Ämter kandidiert, darunter sechsmal für den Nationalrat. Warum dauerte es so lange bis zum Wahlerfolg?
Moment. Ich arbeite seit 13 Jahren im Gemeinderat, das ist für mich ein sehr wichtiges Amt, das ich sehr ungern aufgebe. Bei vielen anderen Wahlen kandidierte ich als Listenfüller, um andere zu unterstützen.

Als Ständeratskandidat haben Sie sich zurückgezogen; soll Ihre Partei im zweiten Wahlgang Verena Diener wählen, die abtrünnige Grüne?
Selbstverständlich. Es wäre paradox, wenn Christoph Blocher nun noch siegen würde. Ich habe mich gern mit ihm gestritten. Aber seine Zeit ist abgelaufen – auch wenn er der Letzte ist, der das noch nicht gemerkt hat.

Sie wurden nicht wegen, sondern trotz Ihres linken Profils zum Nationalrat gewählt. Ihrer Partei hat dieses Profil in diesen Wahlen geschadet.
Wir haben verloren, keine Frage. Dazu kam noch Proporzpech. In Basel-Stadt zum Beispiel haben wir klar Wähleranteile gewonnen, aber einen Sitz verloren. Ich glaube aber nicht, dass das mit unserem politischen Profil zu tun hat.

Meinen Sie das im Ernst? Die Grünliberalen haben neun Sitze dazugewonnen und die Grünen fünf Sitze verloren.
Die Grünliberalen haben erst jetzt Fraktionsstärke erreicht. Sie werden nun ihre politische Haltung klarer vertreten und auch begründen müssen. Zum Beispiel ihre Härte in der Sozialpolitik, ihre undifferenzierten Sparbefehle.

Nochmals: Sollen die Grünen weiter im roten Bereich politisieren?
Die Formulierung ist mir zu absolut. Von den Sozialdemokraten unterscheidet uns, dass wir nie den Klassenkampf geführt haben und dem Staat gegenüber kritischer eingestellt sind. Und anders als die Grünliberalen glauben wir, dass Umweltschutz nicht gratis zu haben ist – es wird auch wehtun. Das klingt nicht besonders gefällig, aber es stimmt: Wir brauchen eine strengere Umweltpolitik. Wer das nicht klar benennt, lügt seine Wähler an. Der Kampf gegen Umweltverschmutzung, Klimawandel und Ressourcenverschleuderung ist eine gigantische Herausforderung. Das ist keine moralische Frage, sondern eine Realität. Als Politiker muss ich nicht meine Positionen der Mehrheit anpassen, sondern versuchen, möglichst viele Leute von meiner Position zu überzeugen.

Gerade das fällt Ihrer Partei offensichtlich schwer. Wäre es nicht das Beste, die Abspaltung der Grünliberalen rückgängig zu machen? Wichtige Leute in Ihrer Partei fordern das, etwa Daniel Vischer. Der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver tat es schon vor den Wahlen.
Zur Wiederheirat braucht es zwei. Ausserdem vertritt Bernhard Pulver eine klar sozialliberale grüne Politik und hat dabei Erfolg. Ich halte nichts von einem Rechtsruck der Grünen. Auch ich bin dafür, Steuergelder sorgfältig auszugeben. Ich bin aber sehr dagegen, Steuergeschenke an Reiche zu machen und andere soziale Ungerechtigkeiten hinzunehmen, zum Beispiel in der Asylpolitik. Diese Fragen sind übrigens auch bei den Grünliberalen umstrittener, als ihr Parteipräsident Martin Bäumle glauben macht.

Das Problem ist doch, dass Sie weder mit Bäumle noch Diener auskommen.
Das ist Quatsch. Unsere Differenzen sind politisch begründet, nicht persönlich.

Sie werden demnächst 40 Jahre alt, die bekanntesten Grünen sind eine Generation älter als Sie. Leidet Ihre Partei an Überalterung?
Wir haben auch sehr junge Parteigänger, aber die kennt man meistens nicht, mein Nationalratskollege Bastien Girod ist eine Ausnahme. Uns fehlt die mittlere Generation, also die Meinige; die politisiert eher bei den Grünliberalen. So gesehen täte uns ein Generationenwechsel gut.

Ihr Parteipräsident Ueli Leuenberger ist 59 Jahre alt und hat die Partei in die Niederlage geführt. Müsste er nicht zurücktreten?
Er geht ja im nächsten April. Ein Rücktritt bringt uns auch keine Sitze zurück, Mir ist es wichtiger, dass wir die Regelung der Nachfolge sorgfältig diskutieren.

Sie klingen wie ein alter Politiker.
(lacht). Es ist etwas Einschneidendes mit unserer Partei passiert, und das müssen wir breit und gründlich besprechen. Ein schneller Entscheid bringt nichts. Wenn Ueli Leuenberger vorher gehen will, soll er das. Aber er muss es selber wollen.

Werden Sie als Nachfolger kandidieren?
Das strebe ich nicht an; ich denke, meine Partei fährt besser mit einem Mitglied, das länger in Bern politisiert. Ich möchte zuerst ein guter Nationalrat werden.

Wie viel Zeit wollen Sie dafür aufwenden?
Ich will kein Berufspolitiker werden und rechne mit sechzig Prozent, obwohl ich genau weiss, dass das nicht genügen kann. Deshalb werde ich auch einen wissenschaftlichen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin einstellen. Was bedeutet, dass ich meinen Job behalten muss.

Erstellt: 25.10.2011, 07:23 Uhr

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Der 39-jährige ist Leiter Kampagnen und Werbung bei der Gewerkschaft VPOD. Er politisiert seit 13 Jahren für den Gemeinderat und war vier Jahre lang Co-Präsident der Zürcher Grünen. Er studierte in Zürich Germanistik und Philosophie. (jmb.)

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