Crack im Bordell: «Bis zur totalen Erschöpfung»

In Zürcher Bordellen verkaufen Prostituierte Crack an Freier. Die Zürcher Drogenfachstellen kennen das Problem – und zeigen, wie Junge darauf ansprechen.

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In den Bordellen im Kreis 4 verdienen Prostituierte nicht nur an käuflichem Sex, sondern in hohem Masse am Verkauf von Crack. Wie ein Betroffener erzählt, schaffen sie damit eine besondere Form der Kundenbindung: Die Freier verschulden sich, kommen immer wieder – und müssen zum Schuldenabbau Gefälligkeiten leisten, wie Handynummern auf ihren Namen registrieren zu lassen, welche die Prostituierten danach nutzen können.

Bei der Arud, Zentren für Suchtmedizin kennt man das Problem, wie Arzt Lars Stark erklärt: «In einigen Etablissements werden Crackpfeifen laufend angeboten – und das schon seit langem.» Verschiedene Patienten der Arud berichteten im Rahmen ihrer Behandlung davon: «Einige kamen durch das Milieu überhaupt erst mit der Droge in Kontakt.» Allerdings sei der Begriff Crack in diesem Zusammenhang missverständlich. «Crack wird vor allem in den USA konsumiert, hier ist Freebasen verbreitet», sagt Stark. In beiden Fällen würde man Kokainsalz mit einer jeweils anderen basischen Lösung aufkochen und dann rauchen: «Der Effekt ist der gleiche.»

Starkes Verlangen, kurzzeitige Wirkung

Und der hat es in sich. «Beim Freebasen tritt innert kürzester Zeit eine starke Euphorisierung ein, die nach etwa 15 Minuten wieder abebbt», sagt Stark. Lässt die Droge nach, können massive Angstzustände eintreten: «Das Verlangen, sofort nachzulegen, ist massiv.» Deshalb würden die Freier in den Bordellen «teils Tausende Franken liegen lassen» und immer weiter konsumieren «bis zur totalen physischen, psychischen und finanziellen Erschöpfung». Dies verschärfe auch das Risiko einer Abhängigkeit: «Sie ist deutlich höher als beim Schnupfen von Kokain, und die Sucht ist schwieriger zu behandeln.» Das Phänomen betrifft laut Stark Männer ab 30 Jahren: «Für jüngere ist dies meist zu teuer.»

Für Alexander Bücheli, stellvertretender Leiter der Jugendberatung Streetwork, gibt es noch einen weiteren Grund, warum die Jungen auf Freebasen wenig ansprechen: «Das Image ist sehr schlecht. Sie wissen, dass das Abhängigkeitsrisiko grösser ist.» So wählten gerade gelegentliche Konsumenten meist bewusst Drogen aus, «die einen bestimmten Moment unvergesslich machen, aber möglichst wenig Einflüsse auf den Alltag haben». Das Freebasen sei hierzu völlig ungeeignet.

Dies sei auch ein Grund, weshalb die Zahlen der Freebaser in der Schweiz wie in Zürich seit Jahren stabil blieben – auch bei älteren Konsumenten. Zwar gebe es neben dem Konsum in Bordellen auch Langzeitkonsumenten, die «eine intensivere Kokainwirkung suchen». Für den grössten Teil, vor allem für Freizeitkonsumenten, gelte aber: «Freebasen ist schlicht zu krass, zu intensiv und zu riskant.»

Erstellt: 13.01.2014, 13:38 Uhr

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