Das Abart ist jetzt ein Brocki

Wo früher junge und in die Jahre gekommene Rock-Aficionados ihr Bier schlürften und angesagten Bands lauschten, stehen nun plötzlich Möbel und Accessoires. Ein Augenschein.

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En Dang Funk läuft zu ihrem Mann. In den Händen hält sie eine Plastikbox, die im Innern mit Schaumgummi gefüllt ist. «Endlich habe ich herausgefunden, wofür das ist», meint sie strahlend. Und steckt ein Messer in die Schaumgummischicht: «Ein Messerhalter. Wie viel soll ich dafür verlangen, 10 Franken?» Eugen Funk schaut kurz darauf und meint: «12 Franken... Nein, 14, dann können wirs nach dem Feilschen für 12 verkaufen.» Er lächelt.

Seit wenigen Tagen füllen nun Möbel, Accessoires, Bilder und Lampen – von Ikea bis zu Hochqualitativem aus Grossmutters Zeiten – den ehemaligen Rockclub Abart. Die Abdunklungen an den Fenstern sind weg. Wo früher eine Bühne stand, warten nun Stühle und Schränke auf einen neuen Besitzer. Eugen Funk, Betreiber des Brocki 170, freut sich an seinem eigenen kleinen Reich: «Es ist gut angelaufen. Die Leute haben Freude, dass hier nicht einfach eine Modekette oder ein Starbucks eingezogen ist.» Für die nächsten zwei Jahre kann er bleiben. «Danach wird wohl alles abgerissen.»

Kunst und Lesungen

Der hagere 55-Jährige mit halblangem, ergrautem Haar, kennt sich aus im Business mit Waren, die Leute wegwerfen, obwohl man sie noch brauchen kann. Vor 20 Jahren hatte er damit angefangen, sie an Flohmärkten zu verkaufen. Später arbeitete er in verschiedenen Brockenhäusern, wie zum Beispiel dem Tigel im Seefeld. An seine Waren kommt er durch Hausräumungen oder Leute, die Dinge vorbeibringen. «Ware habe ich immer sehr viel. Im Keller habe ich ein 120-Quadratmeter-Lager, das fast voll ist.»

Noch einiges erinnert in den Räumlichkeiten an den vorgängigen Mieter. Das Kassenhäuschen am Eingang steht noch. Auch im Innern ist ein Raum inklusive Partybeleuchtung erhalten geblieben. Im Kellerraum, wo früher eine Bar stand, hängen noch immer Dutzende Schallplatten als Dekoration an den Wänden. «Ich hätte verlangen können, dass alles abgerissen wird», erklärt Funk. Er habe sich aber anders entschieden. Künftig, so stellt er sich vor, könnte er darin Kunstausstellungen oder Lesungen organisieren. «Das Ganze hat einen ganz speziellen Charme.»

Nur eines hat Funk sofort ändern lassen. Im Bereich, wo früher die Bühne des Abart angelegt war, liess er die Wände von einem befreundeten Sprayer neu gestalten. «Sonst wäre alles schwarz und dunkel gewesen.»

Ökologie und Wegwerfgesellschaft

Manchmal blutet ihm das Herz, wenn er Dinge wegwerfen muss, die eigentlich noch im besten Zustand sind. Funk zeigt auf ein Buffet, das im hinteren Teil des Raumes steht: «Ein wundervolles Stück. Aber diese Art von Möbel kauft heute kaum mehr jemand.» Auch wenn er hin und wieder ins Hagenholz fährt, um Unverkäufliches zu entsorgen, wundert er sich oft über seine Mitmenschen. «Es ist schon wahnsinnig, was die Leute alles wegwerfen.»

So habe er schon Rollstühle gesehen, die man «mit ein, zwei Telefonaten an jemanden in Rumänien hätte schicken können». Doch einmal im Hagenholz angekommen, geht das nicht mehr, weil man nichts mitnehmen darf. «Ich sehe das aus einer ökologischen Sicht. Und das tut manchmal regelrecht weh.» Trotzdem hängt er an keinem seiner Stücke zu sehr, wie er mit einem Lächeln auf den Lippen meint: «Das wäre in meinem Geschäft sehr hinderlich.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.03.2013, 14:56 Uhr

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