«Das Bistum Chur wird zur Sekte»

Der Volketswiler Pfarrer Marcel Frossard bedauert den fehlenden Widerstand gegen Weihbischof Eleganti. Die offiziellen Vertreter der Zürcher Staatskirche würden kuschen, sagt er.

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Herr Frossard, Sie waren zu Haas’ Zeiten in der kantonalkirchlichen Exekutive, die dem ungeliebten Churer Bischof den Geldhahn zudrehte. Heute hat die Zürcher Kirche mit Vitus Huonder und Marian Eleganti konservative Bischöfe im Doppelpack. Warum regt sich kein Widerstand?
Es ist heute schlimmer als zu Haas’ Zeiten. Damals durfte ich feststellen, dass viele glaubwürdige Priesterkollegen gleich dachten wie ich. Ein grosser Teil des Klerus trug den Widerstand gegen Haas mit. Heute ist meine Generation nicht mehr da, einige haben geheiratet, andere sind gestorben oder nicht mehr aktiv in der Kirche. Ich wäre sofort bereit gewesen, wieder auf die Barrikaden zu gehen, diesmal gegen Marian Eleganti. Trotzdem wage ich das nicht mehr. Weil aus dem Klerus nichts kommt.

Und warum kommt nichts?
Die jüngeren Priester sind viel konservativer als früher. Kein junger Mann schlägt heute die priesterliche Laufbahn ein, der nicht sehr fromm und konservativ ist. Auch die vielen ausländischen Priester aus Polen oder Indien sind sehr hierarchiebewusst und konservativ. Und unter den Laientheologen gibt es viele Deutsche; die sind zwar nicht unbedingt konservativ, aber sehr vorsichtig. Sie haben Angst, dass ihnen gekündigt wird.

Auch an der Basis der Gläubigen regt sich kaum Widerstand.
Viele denken sich: Gegen Haas waren wir stark. Trotzdem ist die Restauration zurückgekehrt. Warum also sollte ich mich noch in dieser Kirche engagieren und gegen sie kämpfen? Lieber bin ich für mich selber unterwegs. Auch haben wir keine Jugendvereine wie Blauring und damit kein Rekrutierungsreservoir mehr. Die jungen Erwachsenen gehen eh weg von der Kirche. Zum Glück, muss man sagen. Denn in 100 Jahren wird es Rom hoffentlich nicht mehr geben. Die Kirche im Bistum Chur wird zur Sekte und dann auch verschwinden.

Der TA hat neulich publik gemacht, dass Eleganti 15 Jahre lang zu einer kirchlich verbotenen Gemeinschaft gehörte, die sich auf Privatoffenbarungen stützte und einem apokalyptischen Marienglauben huldigte. Ist ein solcher Mann überhaupt tragbar?
Sicher nicht. Muss sich jemand auf Offenbarungen berufen, ist das immer ein Mangel an Eigenverantwortung und Ich-Stärke. Für mich ist das schlimmste Dogma jenes der Inspiration. Schon wer die heiligen Schriften wörtlich nimmt, und noch schlimmer, wer sich auf Privatoffenbarungen beruft, nimmt Gott in Geiselhaft. Alle heiligen Schriften, ob Altes und Neues Testament oder der Koran, sind Produkte des Menschen und damit subjektiv.

Eleganti sagt gegenüber der Presseagentur Kipa, wer nicht selber im religiösen Dschungel ums Überleben gekämpft habe, der könne auch nicht die Rolle eines sicheren Führers übernehmen. Muss, wer ein guter Hirte sein will, mal in einer Sekte gewesen sein?
Das ist doch absurd. Überdies glaube ich nicht, dass sich die Frömmigkeit eines Menschen wandelt. Das Eingebundensein in bestimmte Frömmigkeitsformen ist ein Wesensbestandteil eines Menschen, da ändert er sich nie. Man kann das zwar überspielen und ein anderes Bild von sich geben, aber man bleibt immer derselbe. Eleganti wird gewiss überall nett und freundlich auftreten.

Also wird man einen Modus vivendi mit ihm anstreben?
Der Modus vivendi liegt in der Hand von Eleganti. Wenn er sich elegant durchschlängelt und sein Innerstes vor der Öffentlichkeit verbirgt, wird man ihm kaum etwas vorwerfen können. Es gibt bereits Leute genug, die sagen: Er ist doch ein umgänglicher Mensch, man muss ihm eine Chance geben.

Selbst der Synodalrat heisst Eleganti willkommen. Ist es nicht penibel, dass sich die kantonalkirchliche Exekutive zur sektiererischen Vergangenheit des Bischofs einfach ausschweigt?
Vielleicht ist noch zu wenig Zeit verstrichen seit der Publikation der Vorwürfe. Ich habe keinen Kontakt mehr zum Synodalrat. Aber es ist schon schlimm, wie jetzt alle kuschen. Hoffentlich kommt noch etwas. Ich bin allerdings skeptisch, ob der Synodalrat den Mut aufbringt, etwas zu machen.

Zum Beispiel dem Bischof den Finanzhahn zudrehen?
Das wäre schön. Nur glaube ich kaum daran. Bischof Haas in Chur konnten wir problemlos den Hahn zudrehen. Eleganti in Zürich den Finanzhahn zuzudrehen, das geht fast nicht. Man müsste ihn aus Zürich hinausjagen. Es wäre aber interessant, zu beobachten, wie die Zürcher Katholiken reagieren würden, wenn man dem Weihbischof den Geldhahn zudrehte. Eine gewaltige Mehrheit würde das sicher begrüssen, davon bin ich überzeugt, allerdings erst wenn es passiert ist. Auch traue ich dem Synodalrat den Mut zu diesem Schritt nicht zu.

Wie gehen Sie nun mit dieser Situation um?
Ich bin Priester in Volketswil und Greifensee. Und ich will hier glaubwürdig mit glaubwürdigen Menschen unterwegs sein. Ich mache das, was ich glaube verantworten zu können. So stelle ich mich auch gegen die Kirche. Kollektive Bussfeiern zum Beispiel biete ich trotz Verbot weiterhin an. Ich sehe nicht ein, warum das, was bei uns über Jahre legal war, plötzlich nicht mehr geht. Sollte Bischof Huonder zur Firmung in Volketswil weilen, wäre Marcel Frossard gewiss nicht da. Und Eleganti wird in Volketswil nie firmen, dafür werde ich sorgen. Sollte er sich ankündigen, darf er sicher sein, dass ich die Gläubigen vorgängig über seine Vergangenheit informieren werde. Und ich würde versuchen, die Firmlinge davon abzubringen, sich von ihm firmen zu lassen.

Erstellt: 12.03.2010, 07:50 Uhr

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