Das Boot, das zweimal gesunken ist

Die Arche lag jahrelang auf dem Grund des Zürichsees – und fährt trotzdem wieder. Es ist nicht die einzige aussergewöhnliche Geschichte des Schiffs, das einst die Badi Tiefenbrunnen demolierte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Sie bereitet so viel Ärger, dass man sie lieben muss», witzelt Ruedi Wey. «Sie ist unser Maskottchen», sagt Christoph Hug. Wey ist Admiral, Hug Vize-Admiral, und «sie» ist die Arche, ein Boot mit einer ausserordentlichen Geschichte. Doch dazu später.

Denn die Herren Wey und Hug sind nicht nur Schiffskapitäne, sondern auch Werkstattleiter des Jugendheims Schenkung Dapples (siehe Box). Diesem gehört das 18,5 Meter lange, 6,5 Meter breite und 30 Tonnen schwere Boot. Alle paar Jahre muss es wieder etwas aufgepäppelt werden – wie jüngst. Eine Handvoll Lehrlinge des Jugendheims haben mit den Leitern vier Tage lang am Schiff gepinselt, geschraubt und gehebelt. Dann wurde es in der Wollishofer Werft der Zürchsee Schifffahrtsgesellschaft wieder gewassert.

«Es sackte schliesslich müde ab»

Nun ist die Arche fit für den Sommer. Benutzt wird sie von den Dapples-Leuten als Freizeitschiff. «Es ist das grösste nichtkommerzielle Schiff des Zürichsees», sagt Wey stolz. Es kann also nicht gemietet werden, steht aber den Jugendlichen, Mitarbeitern und Freunden der Schenkung offen. Dass das Boot in so gutem Zustand ist, ja dass es überhaupt noch fährt, grenzt an ein Wunder. Denn kaum ein Zürichseeboot hat eine wechselvollere Geschichte hinter sich. Das Pech schien ihm am Heck zu kleben.

Ursprünglich hatte die Arche keinen Namen, sondern war einfach ein Ledischiff, das Kies transportierte. Es entstand 1926 aus dem Gerippe eines Bootes aus der Jahrhundertwende. Die umtriebige Familie Hottinger liess es bauen, weil ihr alter Kutter im Jahr zuvor von einem Föhnsturm versenkt worden war. Die Brüder Karl junior und Ruedi Hottinger mussten als Ledischiffer hartes Brot essen, denn das Geschäft lief immer schlechter. Mitte der 1930er-Krisenjahre gab es keine Arbeit mehr, das Boot blieb verlassen angetäut und «sackte schliesslich müde ab», wie die «Zürichsee-Zeitung» 1935 meldete. Es wurde aber sofort wieder aus dem Wasser gehoben, ohne dass es zu Schaden kam, wie es im Zeitungsbericht hiess.

Theaterbühne an der Landi

Ein Jahr später verkauften es die Brüder Hottinger für 800 Franken an die Schenkung Dapples, die sich für benachteiligte Jugendliche engagierte. Die «Schwererziehbaren», wie sie damals hiessen, bauten es in 4500 Arbeitsstunden zu einem Freizeitschiff um. Zu einem ersten Einsatz kam die Arche an der Landi '39. Es bot der kleinen Redaktion der «Schiffszeitung Zürichsee» Raum und diente als Theaterbühne am Hafen Enge.

Als während des Krieges der Treibstoff rar wurde, montierte man straks zwei Segelmasten. Immer wieder machte sich die Arche bei Föhnstürmen selbstständig. 1948 demolierte sie als Geisterschiff das halbe Strandbad Tiefenbrunnen, worauf sie wieder generalüberholt werden musste. 14 Jahre später ein ähnliches Bild: In einem Sturm riss sich die Arche los, wurde beschädigt und musste von den Dapples-Jugendlichen aufwendig repariert werden.

Fatale Seegfrörni

Doch das Glück währte nicht lange. Im darauffolgenden Winter fror der ganze See zu. Die Arche wurde zwar regelmässig vom Eis befreit, doch am Morgen des 13. Februar 1963 war sie plötzlich nicht mehr da. Warum sie gesunken ist, weiss man nicht genau. Zunächst machte ein Sabotagegerücht die Runde, da Fussspuren zum Schiff hin führten, aber keine wieder weg. Taucher suchten nach Leichen im Wasser, fanden aber keine. Profaner ist die wahrscheinlichere Erklärung: Das Abwasserrohr füllte sich mit Eis, das Ventil platzte, riss ein Leck in die Schale, worauf die Arche in der Nacht sank.

Um das Boot wieder zu heben, fehlte das Geld. So blieb es über drei Jahre lang zehn Meter tief im Wasser, 30 Meter vor dem Quai Tiefenbrunnen. Die Arche war ein beliebtes Ziel diebischer Taucher. Immerhin erwischte die Polizei jenen, der das Steuerrad mitlaufen lassen wollte. Dieses ist heute das einzige Original-Holzstück, das noch erhalten ist.

Nach drei Jahren auf dem Seegrund gehoben

Die Schenkung Dapples blieb in dieser Zeit nicht untätig, sondern lobbyierte. Mit Erfolg. Dank der Unterstützung von Privaten, Firmen und der Seepolizei konnte die Arche am 16. September 1966 aus dem Wasser gehoben werden. Nicht unerwartet hatte sie «schwer gelitten», wie die Medien berichteten. Wieder machten sich die schwierigen Jungs an die Arbeit. Diesmal sind 3000 Stunden unter der Leitung von Admiral André Fischer nötig. Im Sommer 1969 war das Werk vollbracht.

Das Schiff konnte nicht wie geplant in Wollishofen gewassert werden, weil – je nach Blickwinkel – das Schiff zu hoch war oder die Tramfahrleitungen zu tief hingen und so die Arche nicht vom Seefeld auf die linke Seeseite transportiert werden konnte. Es gelangte umständlich über Nacht nach Stäfa. Und am Morgen des Nationalfeiertags konnten die Dapples-Jugendlichen jubeln: «Es schwimmt, es schwimmt», riefen sie gemäss NZZ begeistert nach der Einwasserung. Für einmal war die Arche vom Glück begleitet. Die Stäfner Hafenmole sank ob des Gewichts des Krans und des Schiffs um einen halben Meter, gab aber nicht nach.

Taufgotte Emilie Lieberherr

Anfang der 1970er-Jahre fiel jemandem auf, dass das Schiff gar nie ordentlich getauft worden war. So kam es, dass die junge Stadträtin Emilie Lieberherr am 3. November 1973 eine Champagnerflasche an die Reling knallte und es Arche II taufte, worauf drei Böllerschüsse abgegeben wurden und die Polizeiboote wild hupten.

Ende der 80er-Jahre war das Schiff wieder einmal renovierungsbedürftig. Den Verantwortlichen stellte sich einmal mehr die Frage, ob die Arche nicht endgültig das Zeitliche segnen sollte. Doch erneut lautete die Antwort: Nein. Und erneut übernahmen André Fischer und die Dapples-Lehrlinge. Nach sechs Monaten sah die Arche wie neu aus, 1990 konnte das geschichtsträchtige Schiff wieder in den Zürichsee gleiten.

Seither blieb es ruhig ums Boot, auch wenn es vor ein paar Jahren mitten über den bekannten Stäfnerstein fuhr. Doch statt des erwarteten Lecks gab es nur eine Beule. Die definitive Wende zum Glück? Vize-Admiral und Grünen-Politiker Christoph Hug dazu: «Wenn die Titanic gleich gebaut worden wäre wie die Arche, hätte sie den Eisberg zur Seite geschoben.» Das Schiff konnte also schnell repariert werden und steht weiterhin für Feste, Hochzeiten, Taufen sowie – eher selten – für Seebestattungen bereit. Und wartet auf die nächste grosse Geschichte.

Erstellt: 16.06.2014, 11:25 Uhr

Die Schenkung von Herrn Dapples

1919 schenkte der erfolgreiche Finanzmann und spätere Nestlé-Verwaltungsrat Louis Dapples dem Epilepsiezentrum 250'000 Franken, damit dieses ein Haus für benachteiligte Knaben baut. Die Schenkung geschah aus Dankbarkeit gegenüber der EPI-Klinik, in welcher der kranke Sohn Dapples' bis zum Tode gepflegt wurde. Das Knabenhaus wurde 1923 eröffnet.
Heute wohnen bis zu 30 Jugendliche im Jugendheim Schenkung Dapples an der Flühgasse im Zürcher Seefeld. Dort können sie sich zu Malern, Schreinern und Mechanikern ausbilden lassen.
Schon in den 1930er-Jahren hatten die Verantwortlichen die Idee, den Jugendlichen ein Freizeitschiff zur Verfügung zu stellen. Sie kauften 1934 für 150 Franken ein Hausschiff namens Moguntia, das ein vermögender Mann an der Schipfe installiert hatte. Damit es die Quaibrücke unterqueren und zum Tiefenbrunnen gelangen konnte, musste ein Teil des Oberdecks abgebaut werden und die Moguntia teils geflutet werden.
In 3000 Arbeitsstunden machten die Dapples-Lehrlinge das Schiff seetüchtig. Doch noch vor der ersten richtigen Ausfahrt brannte es im Juli 1936 vor den Augen der Jugendlichen komplett nieder, weil sich auslaufendes Benzin entzündet hatte. Kurz darauf kaufte die Schenkung Dapples das Ledischiff der Hottinger-Brüder, baute es um und nannte es Arche (siehe Haupttext). (pu)

Artikel zum Thema

17-Jährige bei Kollision auf dem See verletzt

Beim Zusammenstoss zweier Sportruderboote auf dem Zürichsee zwischen Erlenbach und Küsnacht ist eine junge Ruderin verletzt worden. Mehr...

Seepolizei rettet Reh aus dem Zürichsee

Bei Meilen entdeckten Passanten ein Reh, welches im See schwamm. Später verkroch sich das Tier unter einem Steg. Mehr...

Chef der Schiffe geht von Bord

Der Direktor der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft hat seinen Rücktritt bekannt gegeben. In seiner Amtszeit wurde das Pannenschiff Panta Rhei eingewassert. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...