Das Ende der Zürcher Zweisamkeit

Lange konnten die Bürgerlichen damit werben, dass man sie zu zweit in den Ständerat schicken müsse – sonst seien die Zürcher Stimmen verschenkt. Heute könnten das andere behaupten.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war einmal eine Formel, die den Bürgerlichen viel Erfolg in den Ständeratswahlen brachte. Und wenn sie nicht gestorben wäre, würde sie jetzt wieder überall beschworen: die «ungeteilte Standesstimme». Die Idee, dass es nicht sehr sinnvoll sei, ein Duo in die Kammer der Kantone zu schicken, das sich in wichtigen Fragen dauernd neutralisiert. Dass es vielmehr zwei braucht, die ähnlich ticken – und das hiess im Kanton Zürich traditionell: zwei Bürgerliche. Bloss gilt das heute nicht mehr; das führen neue Analysemethoden vor Augen.

Die Macher der Onlinewahlhilfe Smartvote haben für Tagesanzeiger.ch/Newsnet die Antworten aller Aspiranten auf 75 Sachfragen ausgewertet. Dabei wird klar: Ruedi Noser (FDP) und Hans-Ueli Vogt (SVP) sind politisch weiter voneinander entfernt als andere mögliche Ständeratspaare. Und sie verfehlen deutlich jenen Wert, der laut Politikwissenschaftler Daniel Schwarz von Smartvote auf eine «relativ grosse bis sehr grosse Übereinstimmung» hinweist (siehe Grafik). Das liegt vor allem an unterschiedlichen Haltungen in Fragen der Aussenpolitik, der Migration und der Sicherheit.

Namentlich die Zürcher SVP mag die alte Formel trotzdem nicht loslassen. Hans Hofmann, ihr letzter Vertreter in der kleinen Kammer, sagte zum Auftakt des Wahljahres, die ungeteilte Standesstimme sei «von absolut zentraler Bedeutung» für den Kanton Zürich. An dieser Haltung hat sich nichts geändert, obwohl die FDP die Einladung zur Zusammenarbeit ausschlug. Der aktuelle SVP-Kandidat Hans-Ueli Vogt sagte erst Anfang Woche am Podium von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wieder, dass es für ihn nur einen Partner gebe, mit dem er gemeinsam nach Bern möchte: Ruedi Noser von der FDP.

Abwegig ist das nicht. Der laufende Wahlkampf weist jene klassische Konstellation auf, für die der Kampfbegriff einst erfunden wurde. Als dieser in Zürich vor rund 85 Jahren erstmals auftauchte, ging es den Bürgerlichen darum, einen Wahlerfolg der aufstrebenden Sozialdemokraten zu verhindern. Diese hatten mit Emil Klöti, Stadtpräsident des sogenannten Roten Zürich, einen ähnlich aussichtsreichen Kandidaten wie jetzt wieder mit Daniel Jositsch. Die Wähler aus der politischen Mitte – damals die Christlichsozialen – sollten diszipliniert werden.

Das verfing zwar nicht, genauso wenig wie in den kommenden Jahrzehnten, aber das Argument war trotzdem nicht mehr totzukriegen. 1979 prangte die ungeteilte Standesstimme sogar als Motto auf den Plakaten der Bürgerlichen – Ausrufezeichen inklusive. Es galt, die eingemittete SP-Frau Emilie Lieberherr zu verhindern. Das ging erneut daneben, aber es sollte für lange Zeit das letzte Mal sein: Von den Achtzigerjahren an zog die Formel plötzlich. Namentlich der damalige Zürcher SVP-Präsident Christoph Blocher propagierte sie immer wieder, paradoxerweise in einer Phase, in der sich die SVP unter seiner Ägide inhaltlich zunehmend von der FDP entfernte.

Der Bruch kam mit Maurer und Blocher

Von der Fixierung auf die ungeteilte Standesstimme profitierte in den Neunzigern sogar Monika Weber vom Landesring der Unabhängigen – obwohl sie selbst die Idee ablehnte. Bürgerliche Kommentatoren hielten ihr aber zugute, dass sie «in wichtigen Fragen» fast immer mit ihrem FDP-Kollegen Riccardo Jagmetti gestimmt habe, und trugen so zu ihrer Wiederwahl bei. Letztmals stach das Argument 2003, als die Stimmberechtigten lieber Trix Heberlein (FDP) und Hans Hofmann (SVP) nach Bern schickten als den prominenten SP-Kandidaten Josef Estermann, den früheren Zürcher Stadtpräsidenten.

Als die SVP beim nächsten Mal dann aber Ueli Maurer brachte, überspannte das die Formel: Der langjährige Parteipräsident war so oft auf den Freisinnigen herumgetrampelt, dass viele von ihnen am Wahltag keine gemeinsame Basis sahen und ihm die Unterstützung versagten – trotz FDP-Wahlempfehlung. Das Spiel wiederholte sich vier Jahre später mit Christoph Blocher. Verena Diener von den Grünliberalen profitierte. Das war der Bruch.

Heute könnten andere mit Einigkeit werben

Wenn heute jemand mit der ungeteilten Standesstimme werben wollte, müssten das andere Kandidaten sein als diejenigen von SVP und FDP (siehe Bildstrecke oben). Solche, die im Duopack angesichts der politischen Mehrheitsverhältnisse im Kanton allerdings beschränkte Wahlchancen haben. Zum Beispiel Daniel Jositsch und Bastien Girod von den Grünen. Diese beiden haben die höchste Übereinstimmung von allen, vor allem in Sachen Umweltschutz und Steuern sowie in gesellschaftspolitischen Fragen. Keine zweite Gotthardröhre, kein Autobahnausbau, Moratorien für Gentech und neue Bauzonen.

Relativ einmütig wäre laut Smartvote auch eine Kombination aus dem politischen Zentrum, das noch dazu mit dem Ausgleich zwischen den Geschlechtern trumpfen könnte: Martin Bäumle von den Grünliberalen und CVP-Frau Barbara Schmid-Federer. Sie würden Zürich in aussenpolitischen Angelegenheiten und in Steuerfragen oft mit einer Stimme vertreten. Keine strikte Neutralität, klares Bekenntnis zu den Bilateralen. Was hingegen die Kernressorts ihrer Parteien angeht, die Gesellschaftspolitik und den Umweltschutz, würden sie sich häufiger im Weg stehen als nicht.

Wirtschaftlich müsste Noser auf Vogt setzen

Jene zwei Kandidaten, die am 18. Oktober laut einer Umfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet die besten Wahlchancen haben, stehen als Tandem bezüglich Nähe und Distanz irgendwo im Mittelfeld: Daniel Jositsch und Ruedi Noser würden den Kanton Zürich zwar oft mit ungeteilter Stimme vertreten, wenn es um Sicherheit geht und um Aussenpolitik. Aber in anderen Fragen würden sie sich regelmässig neutralisieren – vor allem in der Wirtschaftspolitik, die den Bürgerlichen im Kanton Zürich ein zentrales Anliegen ist.

Wenn man nur auf diesen Aspekt schaut und die übrigen Differenzen ausblendet, müsste Noser im Wahlkampf mit Vogt zusammenspannen. Aber das scheint nicht möglich. Oder wie sagte der FDP-Kandidat am TA-Wahlpodium mit Blick auf die Bilateralen? «Vogt versteht nicht, wie die Wirtschaft funktioniert.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.09.2015, 11:01 Uhr

Artikel zum Thema

Alle gegen Hans-Ueli Vogt

Am TA-Ständeratspodium zeigte sich: In der Flüchtlings- und in der EU-Politik stehen sich Ruedi Noser (FDP) und Daniel Jositsch (SP) nahe, und SVP-Mann Vogt ist der Aussenseiter. Mehr...

Jositsch liegt deutlich vorn

Infografik Hinter dem SP-Mann ist Ruedi Noser (FDP) im Kampf um den zweiten Ständeratssitz im Vorteil gegenüber Hans-Ueli Vogt (SVP). Bitter könnte es für Martin Bäumle (GLP) werden. Mehr...

Jositsch ist der grösste Zürcher SP-Abweichler

Sozialhilfe, Mindestlohn oder Frauenquote: Hier hat die SP eine klare Meinung – und Ständeratskandidat Daniel Jositsch eine andere. Er ist nicht der einzige abseits der Parteilinie. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...