Das Geheimnis der Turmkugel ist gelüftet

Die Nonnen des Klosters Fahr wurden einst wundersam errettet. Davon erzählen versteckte Dokumente.

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Das Erste, was wir zu sehen bekommen, ist ein alte Wattepackung. Eine durchsichtige Plastiktasche der Marke Flawa-Watte. Priorin Irene Gassmann hat sie aus einer verrosteten Kassette geklaubt, die ihrerseits in einer Kugel versteckt war. Diese schmückte die Wetterfahne des Fahrer Kirchturms. In der Packung tadellos erhalten haben sich acht Dokumente, und damit ist die Frage, welche hin und her gereicht wurde, beantwortet: Ja, es ist etwas in der Turmkugel.

«Vielleicht ist gar nichts drin», sagte zuvor eine Nonne zur andern. «Normalerweise deponiert man bei Renovationen aber etwas in der Turmkugel», antwortet eine ihrer Mitschwestern. «Hoffentlich sind keine Mäuse drin», frotzelt eine dritte. Denn die Priorin fürchte sich schrecklich vor Mäusen. Während dieses Gesprächs schwebt die Wetterfahne mit der Kugel langsam vom 33 Meter hohen Turm herunter. Der 1689 erneuerte Kirchturm wird im Moment restauriert. Und gestern luden die Nonnen die Medien ein, dabei zu sein, wenn die etwa zwei Kilo schwere Kugel in der Grösse einer mittleren Wassermelone ihr Geheimnis preisgibt.

Der Sturm auf das Kloster

Die Priorin entfaltet nun ein Dokument nach dem andern: ein Schwesternverzeichnis aus dem Jahr 1890 – damals lebten 23 Nonnen in dem Benediktinerinnenkloster, ähnlich viele wie heute. Das älteste Dokument stammt aus dem Jahr 1804 und erzählt ein dramatisches Kapitel der Klostergeschichte.

Es war der 25. September 1799, als der französische General Masséna mit 15'000 Soldaten in Dietikon die Limmat überquerte und das Kloster ausraubte. Es handelt sich um einen Augenzeugenbericht des Klosterpropstes Thietland Kälin, der fünf Jahre danach ungemein plastisch beschreibt, was damals im Innern des Klosters ablief.

An Pater Thietland ist ein Reporter verloren gegangen. Als der Einsiedler Pater Thomas Fässler dessen in deutscher Kurrentschrift verfasste Reportage vorliest, fröstelt es einen nicht nur wegen der trüben Witterung. Dort steht geschrieben, wie die Nonnen vor den anstürmenden Franzosen in den Propsteikeller flohen und die Absolution erhielten, weil sie dachten, es hätte ihr letztes Stündchen geschlagen.

Es wird aber auch erzählt, dass die mit grosser Wucht auf das Kloster geschossenen Feuerkugeln den Frauen wundersam und «ganz entkräftet vor die Füsse rollten». Eine Nonne flüstert an dieser Stelle der andern zu: «Drei solche Kanonenkugeln haben wir noch bei uns oben.» Nun haben sie die Geschichte dazu.

Die Zeilen des Propstes

Das jüngste Schriftstück stammt aus dem Jahr 1965, als der Turm das letzte Mal ausgebessert wurde. Geschrieben hat es Pater Hilarius Estermann, der von 1959 bis 2005 Propst des Klosters war. Es ist ein launiger Brief, der allerdings mit der Aufforderung einsetzt, die Nonnen sollen gleich für ihn, der bestimmt in der Gruft von Einsiedeln liege, ein Vaterunser und ein «Gegrüsst seist du, Maria» beten. Was sie sofort befolgten, obwohl sich Pater Hilarius in Einsiedeln noch guter Gesundheit erfreut.

Danach erzählt der Propst, welch grosse Anziehungskraft das Kloster für Nonnen habe, weil es sich um eine so «gute, fromme und fröhliche Gemeinschaft» handle. Auch mit seinem Vorgesetzten, dem Abt, ist er zufrieden. Doch soll man sich nie zu ihm ins Auto setzen, wenn einem das Leben lieb ist. Schliesslich erzählt er, dass die Enteignung des Klosterlandes für die Autobahn in Weiningen anstehe. «Schade um das schöne Land.»

Die Dokumente werden nun digitalisiert und wieder in die Kapsel gesteckt. Zusammen mit einem Dokument aus dem Jahr 2017, das dereinst, vielleicht im Jahr 2067, unseren Nachkommen erzählt, dass demnächst eine dritte Röhre durch den Gubrist gebaut wird. Und die Nonnen von Fahr immer noch eine fromme, fröhliche Gemeinschaft sind.

Erstellt: 11.08.2017, 09:24 Uhr

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