Das Gerangel um die Spitzenmedizin hält an

Hoch spezialisierte Medizin sollte sich auf wenige Spitäler konzentrieren. Dieser Wunsch des Bundes wird nur zaghaft umgesetzt.

So berichteten wir am 3. Januar 2014.

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Vor einem Jahr haben wir darüber berichtet, dass das Bundesverwaltungsgericht die Pläne der Gesundheitsdirektoren gestoppt hat, nur noch wenige öffentliche Spitäler bestimmte Hirnoperationen durchführen zu lassen. Eine Profiteurin des Gerichtsverfahrens war die Privatspitalgruppe Hirslanden. Ihre Ärzte durften weiterhin komplexe neurologische Eingriffe vornehmen, die Investitionen des Privatspitals in diesen Bereich waren nicht für die Katz. Das Gericht wies die Gesundheitsdirektoren an, das Verfahren bei den Entscheiden über die Spitzenmedizin anzupassen und die wichtigen Mitspieler – namentlich die Privatspitäler – vor den Beschlüssen anzuhören.

Wie hat sich die Situation seither entwickelt? Die Zürcher Hirslanden-Klinik konnte nach dem Gerichtsentscheid weiter Hirnschlagbetroffene behandeln, auch mit komplexen Methoden – etwa mit Kathetern, welche die Chirurgen ins Hirn einführen, um dort Blutgerinsel aufzulösen. Im August erhielt Hirslanden ein Zertifikat, das die Klinik als eines von nur neun «Stroke-Zentren» in der Schweiz ausweist.

Wirtschaftlichkeit kein Thema?

Klinik-Direktor Daniel Liedtke, der vor einem Jahr die «Zweiklassengesellschaft» bei den Entscheiden über die Spitzenmedizin beklagt hat, anerkennt einen Fortschritt: Die Privatkliniken sind mit zwei hochrangigen Ärzten in der Fachkommission vertreten, welche die Entscheide über die Konzentration vorbereitet.

Ansonsten hat Liedtke weiterhin Grund zur Kritik. Im noch wichtigeren Gremium, das dann die Entscheide fällt, sind die Privaten weiterhin nicht vertreten. Und die Gesundheitsdirektoren führen das Auswahlverfahren nach Ansicht Liedtkes immer noch nicht so durch, wie vom Bundesverwaltungsgericht angemahnt. Das Auswahlverfahren «thematisiert kaum das Kriterium der Wirtschaftlichkeit», kritisiert Liedtke. Ein neuer Entscheid steht an: Mitte Dezember endete das Meldeverfahren, bei dem sich die Spitäler für die Durchführung von Hirnoperationen bewerben können.

Regierungsrat Thomas Heiniger war vor einem Jahr zusammen mit den übrigen Gesundheitsdirektoren Verlierer bei dem Verwaltungsgerichtsentscheid. Er betont, das Verfahren sei nun ordentlich angepasst worden. Die Entscheide würden «nicht gestützt auf politische Überlegungen» gefällt, sondern «aufgrund von medizinischen Aspekten».

Der freisinnige Zürcher Gesundheitsdirektor ist überzeugt, dass das aufgegleiste Verfahren durch Koordination und Konzentration die Qualität der medizinischen Versorgung und die Wirtschaftlichkeit steigern wird. «Davon soll der Bürger und Steuerzahler profitieren.» Gesundheitsdirektoren auf der einen Seite, private und öffentliche Kliniken auf der anderen streiten sich im übrigen weiterhin vor Gericht. Gegenstand ist unter anderem die Viszeralchirurgie, also das Operieren im Bauch. Hier wehren sich auch zahlreiche öffentliche Spitäler gerichtlich gegen die Konzentrationsentscheide.

Während Hirslanden-Direktor Daniel Liedtke herausstreicht, was er als Mängel im Konzentrationsverfahren ansieht, betont Heiniger die Erfolge: 39 Teilbereiche der hoch spezialisierten Medizin seien verbindlich geregelt worden. «Dass sich die Kantone hier mit einer gemeinsam getragenen Planung durchsetzen konnten, ist ein wertvoller Ansatz für die weiteren Anstrengungen.» Zu diesen Weiterentwicklungen zählt die Herzchirurgie. Ebenfalls vor einem Jahr hatte Tagesanzeiger.ch/Newsnet geschrieben, dass neben den Herztransplantationen weitere Eingriffe am Herzen auf bestimmte Spitäler konzentriert werden sollen. Die Entscheide darüber werden von Michele Genoni mit vorbereitet, dem Triemli-Chefarzt und Präsidenten der Fachgesellschaft der Herzchirurgen.

Qualität statt Zahlen

Genoni kündigte auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine «Qualitäts­strategie» an. Ein Jahr später ist einiges in Gang gekommen: Im Februar erwartet Genoni die ersten Kennzahlen, die ein Bild darüber abgeben, welche Spitäler in der Schweiz welche Herzoperationen mit welchen Erfolgen durchführen. So etwas gab es bisher noch nicht. Ab Anfang Jahr lässt die Herzchirurgie-Gesellschaft auch von einer privaten Firma sogenannte Monitorings durchführen, also Inspektionen in den Spitälern. Genoni betont, dass die Herzchirurgen hinter der Konzentration der Spitzenmedizin stehen. Er lehnt es aber ab, dass nur die Zahl der durchgeführten Operationen an einem Spital als Kriterium herhalten muss: «Die Konzentrierung muss über Qualitätsindikatoren geführt werden.»

Erstellt: 30.12.2014, 21:40 Uhr

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