Das Geschäft mit den Burn-out-Patienten

«Ambulant vor stationär»: Dieser Grundsatz ist in der Psychiatrie etabliert. Für Burn-out-Patienten mit einer Zusatzversicherung gilt er aber immer weniger. Denn mit ihnen können Kliniken Geld verdienen.

Bei den Zürcher Patienten sehr beliebt: Die Clinica Holistica in Susch GR. Foto: Peter Frommenwiler (Bloomberg)

Bei den Zürcher Patienten sehr beliebt: Die Clinica Holistica in Susch GR. Foto: Peter Frommenwiler (Bloomberg)

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Wenn privat versicherte Menschen ein Burn-out erleiden, haben sie ein grosses Angebot an Behandlungsmöglichkeiten zur Auswahl. Eine beliebte Adresse ist die Klinik Hohenegg. Seit die damalige Gesundheitsdirektorin Verena Diener sie 2006 von der Spitalliste gestrichen hat, behandelt die Klinik hoch über dem Zürichsee nur noch Zusatzversicherte. Für Depressions- und Burn-out-Patienten steht ein frisch renoviertes Haus bereit. Es hat 17 Zimmer und Suiten, welche die Kranken laut Werbung «mit einer Atmosphäre von zeitlosem Komfort verwöhnen». Auch das Schlössli in Oetwil, das zur Privatklinikgruppe Clienia gehört, und das Sanatorium Kilchberg werben mit neuen Spezialstationen um zusatzversicherte Burn-out-Patienten.

Das Ärzteteam in Kilchberg hat für sie ein eigenes Behandlungskonzept entwickelt. Speziell sei etwa eine Gruppentherapie zum Thema Stressabbau am Arbeitsplatz, aber auch die intensive medizinische Betreuung, sagt Chefärztin Katja Cattapan. «Bei einem Burn-out äussern sich die Beschwerden oft auf der Körperebene. Deshalb bieten wir diesen Patientinnen und Patienten mehr Physio- und andere Bewegungstherapien an.» Grundversicherte würden übrigens nach demselben Konzept behandelt. Nur dass sie nicht in der modernen Spezialabteilung mit Seeblick wohnen, sondern in einer gemischten Psychotherapie-Abteilung im Hauptgebäude. Dort kostet ein Tag 732 Franken. Für Halbprivatversicherte kann die Klinik rund 100 Franken, für Privatversicherte rund 250 Franken mehr in Rechnung stellen, je nach Vertrag mit der Krankenkasse.

Zürcher gehen ins Engadin

Für allgemeinversicherte Burn-out-Patienten gibt es im Kanton keine Spezial­stationen mit Wohlfühlcharakter. Derzeit sind vier psychiatrische Kliniken auf der Spitalliste (das heisst, der Kanton zahlt die Hälfte der stationären Behandlungskosten): Schlössli, Sanatorium Kilchberg, die Psychiatrische Uniklinik (PUK) und die Integrierte Psychiatrie Winterthur mit Standorten in Winterthur und Embrach. Wem keine der vier Kliniken gefällt, kann allerdings auch anderswohin gehen. Denn seit 2012 gilt die freie Spitalwahl in der ganzen Schweiz. Ist die gewählte Klinik auf der Spitalliste irgendeines Kantons, muss der Wohnsitzkanton der Patienten zahlen.

Dieser neuen Regelung verdankt eine Klinik im Engadin ihren raschen Erfolg: Die Clinica Holistica in Susch. Der Unternehmer Mattias Bulfoni hat sie aufgebaut, 2010 eröffnet und letztes Jahr ­bereits erweitert. Die «erste reine Burn-out-Klinik der Schweiz» ist erklärtermassen auf Allgemeinversicherte ausgerichtet. Sie bietet Einzel- und Gruppentherapien, Physio, Malen, Fitness usw. Zur ­Erholung trägt auch die wunderschöne Landschaft des Unterengadins bei, wo die Patienten auf Spaziergängen Kraft schöpfen können.

Heiniger verärgert die Bündner

Die Klinik ist bei Zürcherinnen und ­Zürchern sehr beliebt, 2012 liessen sich rund 100 Personen aus dem Kanton ­Zürich in Susch gegen Burn-out behandeln. Das entspricht 30 Prozent aller Klienten. Aus dem Bündnerland selber stammten nur 13 Prozent.

Diese Zahlen haben den Zürcher ­Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) bewogen, den Kanton Graubünden vor Gericht zu ziehen: Er ficht die Bündner Spitalliste an. Denn der Ostschweizer Kanton hat der Klinik in Susch mit ihren rund 50 Betten einen unbeschränkten Leistungsauftrag für Stressfolgeerkrankungen erteilt. Heiniger argumentiert, Graubünden müsse seine Spitalplanung mit Zürich koordinieren, weil sie die Zürcher Planung massgeb­lich tangiere, ja eigentlich untergrabe. So stehe es im Krankenversicherungs­gesetz. Graubündens Eigenbedarf wäre mit 5 Betten gedeckt, die 50 Betten führten zu einer Überkapazität. Das Bundesverwaltungsgericht hat in einem Zwischenentscheid das Mitspracherecht von Zürich an der Bündner Psychiatrieplanung bestätigt (TA vom 2. August). Der Entscheid, mit wie vielen Betten die Clinica Holistica auf die Spitalliste soll, steht noch aus.

Mit seinem Vorgehen hat der Zürcher Gesundheitsdirektor für Aufsehen gesorgt. Er hat nicht nur seinen Bündner Kollegen verärgert, sondern auch die ­Patienten. Warum sollen Allgemeinversicherte mit einem Burn-out nicht nach Susch gehen dürfen? Zumal die Behandlung dort erst noch günstiger ist als in ­einer Zürcher Klinik? Wie passt diese Haltung zu einem Freisinnigen, der sonst immer den Wettbewerb preist?

Genug Plätze im Kanton Zürich

«Es stört mich nicht, dass unsere Patientinnen und Patienten in ausserkantonale Kliniken gehen», sagt Heiniger. «Ich stehe zum Wettbewerb und zur Vielfalt. Es soll eine Auswahlmöglichkeit geben, und dafür braucht es ein gewisses Überangebot.» Mit den 50 Plätzen der Klinik in Susch entstehe aber eine untolerierbare Überkapazität. Und die verursache unnötige Kosten und berge die Gefahr, dass mehr Leute als nötig in die Klinik eintreten. «Das hat nichts mehr mit Wettbewerb zu tun.»

Die ärztlichen Leiter der Psychiatrischen Kliniken bestätigen, dass die aktuelle Bettenkapazität im Kanton Zürich genügt. Alle Chefärzte bekräftigen den Grundsatz «ambulant vor stationär». Sie räumen aber ein, dass bei den zusatzversicherten Burn-out-Patienten auch der Markt eine Rolle spielt. Für die Kliniken sind die Privatversicherten ein Geschäft. Um sie zu akquirieren, betreiben verschiedene Kliniken in der Stadt Zürich Ambulatorien, zum Beispiel die Hohen­egg und Clienia, aber auch Susch. Denn bei der Beurteilung, ob jemand einen Klinikaufenthalt braucht oder nicht, gibt es einen Ermessensspielraum. «Vermutlich könnte ein Teil der Burn-out-Patienten auf Privatabteilungen auch ambulant behandelt werden», sagt Erich Seifritz, Klinikdirektor an der PUK.

Psychiater Joe Hättenschwiler, der in Zürich das private Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung leitet, wird noch deutlicher: «Die Kliniken generieren eine Nachfrage. Mit ihren Zweigstellen in der Stadt und durch Werbung. ­Patienten, die von einer Klinik gehört haben, sagen mir: Da will ich auch hin.» Hättenschwiler hat grosse Erfahrung in der Behandlung von Burn-out, und er ist ein engagierter Verfechter der ambulanten Therapie. Viele Patienten kommen zu ihm, nachdem ihnen ein Klinikaufenthalt nicht weitergeholfen hat. Es sei problematisch, wenn jemand mehrere Wochen weg sei vom Arbeitsplatz, sagt Hättenschwiler: Das Team organisiert sich in dieser Zeit neu, und wenn der ­Patient zurückkehrt, ist alles verändert, und er fällt gleich wieder in ein Loch.

«In den allermeisten Fällen ist eine ambulante Behandlung besser», ist Hättenschwiler überzeugt. Man solle nur in eine Klinik, wenn es wirklich nicht anders geht, das gelte für alle psychisch Kranken. Indikationen für eine Einweisung seien eine nicht beherrschbare ­Suizidalität, Selbstgefährdung durch fehlende Selbstfürsorge oder wenn körperliche Erkrankungen dazukommen.

«Es gibt ein Bedürfnis»

Daniel Hell, früher Chefarzt der Uniklinik und heute in der Privatklinik Hohen­egg tätig, beurteilt die Situation anders. Zwar konstatiert auch er, dass im Zusatzversicherungsbereich ein Trend zum stationären Aufenthalt stattfindet, findet das aber nicht negativ. «Offenbar gibt es ein Bedürfnis vieler Menschen, aus einer belastenden Situation hinauszugehen und eine Zeitlang in einer Klinik zu sein.» Und das nicht ohne Grund, sagt Hell: «Wer wegen eines Burn-outs stationär zu uns kommt, hat meist eine schwere Depression oder eine andere psychiatrische Erkrankung.»

Hell hatte in den 90er-Jahren mass­geblich am neuen Psychiatriekonzept des Kantons Zürich mit dem Grundsatz «ambulant vor stationär» mitgewirkt, das einen markanten Bettenabbau zur Folge hatte. «Nun findet im Privatbereich eine Korrekturbewegung statt», sagt der bekannte Psychiater und prognostiziert diese auch für die Grundversicherung. «Die Psychiatriegeschichte zeigt: Was die Privaten zuerst haben, dehnt sich später allgemein aus.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.09.2014, 23:10 Uhr

«Ich musste weg»

Der ehemalige FDP-Ständerat Rolf Schweiger liess sich im Ausland stationär behandeln.

«Die Erschöpfung kam schleichend. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Das war Ende Oktober 2004, seit April war ich FDP-Parteipräsident. Die Parteibasis für den neuen Finanzausgleich zu einen, forderte mich. Und dann geriet ich im medialen Hickhack zwischen den damaligen Bundesräten Christoph Blocher und Pascal Couchepin zwischen die Fronten. Man erwartete von mir Rechtfertigungen dafür, wieso die FDP geholfen hat, Blocher in den Bundesrat zu hieven. Ich wollte als Parteipräsident optimistisch auftreten, selbstsicher. Innerlich aber war ich pessimistisch und niedergeschlagen. Dieser Widerspruch hat mich fast zerrissen.

Es war kein ganz neues Gefühl: Schon zehn Jahre zuvor, 1994, musste ich kürzertreten. Von Burnout sprach man damals noch nicht. Auch 2004 kannte man den Begriff kaum. Als es nicht mehr ging, suchte ich einen Psychiater auf. Für ihn gab es nur eine Lösung: Ich musste weg. Eine Behandlung in der Schweiz kam nicht infrage. Man hätte mich erkannt, die Medien mich vermutlich kaum in Ruhe gelassen.

Mein Arzt fädelte ein, dass ich unter anderem Namen in die Psychiatrie des Unispitals München eingewiesen werden konnte. Dort blieb ich einen Monat. Die ersten zehn Tage machte ich nichts ausser Gesprächstherapie. Die Ärzte verordneten mir Ruhe. Am Tag vor der Einweisung schrieb ich das Communiqué für meinen Rücktritt, der dann drei Tage danach bekannt gegeben wurde. Der Entscheid, das Präsidium nach wenigen Monaten wieder abzugeben, war der Beginn der Besserung. Denn was ich nicht mehr ertrug, waren die persönlichen Angriffe. Ich hatte latente Angst vor Ehrverlust.

Nach zehn Tagen hatte ich wieder Lust, etwas zu tun. Ich begann zu malen. Nach meiner Entlassung fuhr ich für weitere vier Wochen nach Frankreich. Danach nahm ich die Arbeit als Anwalt und Ständerat wieder auf. Ich sagte mir, ‹Du bist kein armes Geschöpf›, das half. Das Umfeld reagierte sehr positiv auf meine Rückkehr.

Ich kann nicht beurteilen, ob es besser ist, stationär oder ambulant behandelt zu werden. Bei mir kam nichts anderes infrage, als mich einweisen zu lassen. Ein guter Nebeneffekt der stationären Behandlung ist, dass man Leute trifft, denen es ähnlich geht. Was ich von ihnen gelernt habe, ist, dass jede Krankheit anders verläuft. Für mich war es wichtig, eine Zeit lang bewahrt zu sein vor allem, was draussen stattfindet.»
Erika Burri

Burn-out

Keine psychiatrische Diagnose

Es gibt keine Statistik, wie viele Personen im Kanton Zürich bzw. in der Schweiz wegen eines Burn-outs ambulant oder stationär behandelt werden. Denn Burn-out ist keine psychiatrische Diagnose. Am nächsten kommt dem Begriff die Erschöpfungsdepression. Burn-out heisst übersetzt «Ausgebranntsein». Laut Martin Keck, ärztlicher Direktor im Schlössli, sind dabei das Denken, die Gefühle, der Körper, die sozialen Beziehungen, das ganze Leben beeinträchtigt. Ausgelöst wird das Burn-out durch andauernden inneren und/oder äusseren Stress. (an)

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Rolf Schweiger


Der 69-Jährige war von 1999 bis 2011 Ständerat für den Kanton Zug und zuvor Zuger Kantonsrat. Von April bis November 2004 präsidierte er die FDP Schweiz.

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