Das Haus schaffte nicht den ganzen Weg

Beim Bahnhof Oerlikon startete heute die grösste Hausverschiebung Europas. Das 123 Jahre alte Gebäude sollte heute mehr als die Hälfte des Weges zurücklegen. Dabei bewegte es sich nicht nur vorwärts.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das 80 Meter lange Backsteinhaus in Oerlikon rollt Zentimeter um Zentimeter vorwärts. Um 17 Uhr hatte das 6200 Tonnen schwere Bauwerk bereits mehr als 20 Meter zurückgelegt. Am Dienstagabend kurz nach 19 Uhr war das Haus jedoch nur um 27 Meter verschoben. Das entsprach nicht ganz den Erwartungen, wie Projektleiter Reto Stadelmann erklärte.

Eine leichte seitliche Verschiebung hatte im Verlaufe des Nachmittags eine Korrektur erfordert und zu einer Verzögerung geführt. Der Verschiebungsvorgang wird laufend mit Hilfe einer elektronischen Schlauchwaage überwacht, die auch kleinste Abweichungen registriert. Um 20.10 Uhr wurde die Übung für den ersten Tag abgebrochen. Das Haus hat eine Distanz von 32 Meter und acht Zentimeter zurückgelegt. Das Tagesziel von 36 Metern wurde damit verfehlt. Morgen am späteren Nachmittag sollten die ganzen 60 Meter zurückgelegt sein.

Knallender Start

Beim Start um 11 Uhr erschreckt ein Riesenknall die vielen Hundert Zuschauer am Rande des Geschehens. Ein Güterzug fährt ganz langsam an der Baustelle vorbei. Der Lokomotivführer wollte wohl auch ein Auge voll nehmen.

Sechzig Zentimeter in 40 Sekunden: Zeitraffer der Verschiebung. (Video: Chantal Hebeisen)

Nun hört man in der Grube ein Surren und Knistern, die Gesichter der beteiligten Arbeiter und der Verantwortlichen am Walkie-Talkie sehen zufrieden aus. Es klappt alles, auch wenn von Auge nicht viel zu sehen ist. Peter Lehmann (Swiss Prime Site SPS), Stadtrat André Odermatt und Rolf Iten (Iten AG) strahlen. Sie hatten einen Augenblick zuvor gemeinsam einen (symbolischen) Knopf auf einer grauen Kiste zum Startschuss gedrückt.

Der «Flattermax» ist entscheidend

Ingenieur Iten erklärt Tagesanzeiger.ch/Newsnet, was genau geschieht: An einer der Lastschienen ist der sogenannte «Flattermax» befestigt. Das ist ein silberfarbener Aufsatz, an dem der Hydraulik-Arm, der das Gebäude vor sich hin stösst, fixiert ist. In diesen Arm fliesst eine Schubkraft von 60 Tonnen. Zwei Drittel der Kraft gehen in die horizontale Rollreibung. Ein Drittel ist für die Steigung von 0,3 Prozent zuständig – denn das Gebäude wird am Schluss 17 Zentimeter höher liegen als am Anfang.

Alle 60 Zentimeter lösen sich die Arme des Flattermax von der Schiene, das Gerät wird Richtung Gebäude verschoben und die Greifarme krallen sich wieder an die Schiene. Der Schubvorgang beginnt von Neuem. Ein Turnus dauert 6 bis 7 Minuten. «Das wird ein langer Tag», sagt Iten. Nur 26 Arbeiter bringen das 6200 Tonnen schwere Gebäude in Bewegung. Die Hydraulikpressen verursachen ein ungewöhnliches Geräusch: Es knistert wie ein Feuer. Ursache ist der hohe Druck.

«Wie ein Raketenstart auf Cape Canaveral»

Nachdem es zügig drei Meter vorwärts ging, gab es eine Pause. Da das Gebäude schräg verschoben wird, müssen Pressen von den einen auf die daneben liegenden Schienen umplaziert werden. Insgesamt sind drei Hydraulikpressen gleichzeitig im Einsatz. Gearbeitet wird mit einem Druck von 200 Bar. Das Haus bewegt sich auf 500 Stahlrollen.

«Das ist ein emotionaler Moment», sagt Stadtrat André Odermatt (SP) kurz nach dem Start. Schriftsteller und Oerliker Franz Hohler vergleicht die Aktion mit einem Flug ins Weltall. Die Hausverschiebung sei wie ein Raketenstart auf Cape Canaveral. «Nur dass es ein Triumph der Langsamkeit ist», sagte Hohler gegenüber dem SRF.

Kalauer vor dem Start

Vor dem Start fanden die Verantwortlichen einige Kalauer zum spektakulären Projekt. Um 10 Uhr am Dienstagmorgen berichtete Peter Lehmann, Chief Investment Officer der SPS, über die wechselvolle Geschichte des MFO-Gebäudes. Es wäre fast ein Opfer seines Erfolgs geworden, sagte er. Denn viele wichtige bahntechnische Entscheide wurden in der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) gefällt. Nun muss das Haus wegen der Durchmesserlinie und zwei neuen Bahngleisen am Bahnhof Oerlikon verschoben werden.

Lehmann verhehlte nicht, dass es viele Auf und Abs gab vor dem Verschiebungsentscheid. Vor zehn Jahren etwa sei völlig klar gewesen, dass das Haus abgerissen wird. Und noch vor zwei Jahren war es recht wahrscheinlich. Eine Schwierigkeit lag etwa darin, dass das Zivilgesetzbuch die Verschiebung einer Liegenschaft von einem Grundstück auf ein anderes gar nicht vorsieht.

Doch auf Druck des Quartiers und der Politik haben sich ABB, Swiss Prime Site, die Stadt und die SBB geeinigt. Lehmann hat feststellen dürfen, dass sehr viele Emotionen mit dem Gebäude verbunden sind. «Das Backsteingebäude bewegt», sagte er. Die SPS halte 200 Immobilien im Wert von 8,2 Milliarden Franken. «Aber noch nie ist ein Objekt auf so unkonventionellem Weg in unser Portfolio gelangt», sagte Lehmann.

«Der Wille versetzt Häuser»

Darauf wünschte Stadtrat André Odermatt (SP) dem Gebäude eine gute Reise und kalauerte, dass eine Immobilie mobil gemacht wird. Das MFO-Gebäude wird Neu-Oerlikon weiterhin ein Gesicht geben, sagte der Hochbauvorsther. Es werde ein Stück Vergangenheit in die Zukunft geschickt. Auch Odermatt liess den schwierigen Werdegang des Verschiebungsprojekts Revue passieren. Die Beteiligten hätten aber bewiesen, dass «der Wille Häuser versetzen kann».

Rolf Iten erläuterte nochmals alle technischen Details der Verschiebung. Der Inhaber der auf spektakuläre Translokationen spezialisierten Iten AG aus Morgarten ZG sagte, die «Reisegeschwindigkeit» werde durchschnittlich 3 bis 5 Meter pro Stunde betragen. Der Druck der Hydraulik-Technik ist so gross, dass eine Wassersäule 3600 Meter in die Höhe schiessen würde.

12 Millionen Kosten

Mit der westlichen Verschiebung wird das 123-jährige Backsteingebäude vor dem Abriss bewahrt. Denn es steht auf dem Gelände, welches die SBB für den Bau von zwei neuen Gleisen am Bahnhof Oerlikon brauchen. Mit der Verschiebung geht das Gebäude von der ABB an die Immobilienfirma Swiss Prime Site über.

Das Unternehmen investiert laut eigenen Angaben 12 Millionen Franken, um das ehemalige Direktionsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon zu erhalten. Nicht ohne handfeste Geschäftsinteressen. «Aufgrund der bestehenden Mietverhältnisse wird das MFO-Gebäude zu einem soliden Anlageobjekt», so die SPS.

Knappe Zeit

Der für die Hausverschiebung verantwortliche Rolf Iten bezeichnet das Vorhaben als «Routineprojekt unter stark erschwerten Rahmenbedingungen». Gemeint sind etwa die engen Raumverhältnisse und die aufwendige Baustellenlogistik, die Nähe zu den SBB-Gleisen, die Beschaffenheit des Gebäudes aus dem Jahr 1889 sowie der straffe Zeitplan.

Die eigentliche Verschiebung des 80 Meter langen Gebäudes um rund 60 m ist zeitlich gesehen nur eine kleine Episode eines äusserst komplexen Projekts. Entscheidend war, dass die ABB als bisherige Eigentümerin der Liegenschaft das Grundstück im September 2010 an die Stadt Zürich und an die SBB sowie das Gebäude an die Swiss Prime Site abtrat. Die Planungsarbeiten begannen bereits im August 2010.

Übergabe des Gebäudes im November

Im letzten Sommer wurden die Werkleitungen umgelegt und das Gebäude freigelegt. Ab Herbst 2011 bis im Frühjahr 2012 erfolgten der Aushub am neuen Standort und der Einbau der Verschubbahnen. Diese bestehen aus zwei Stahlträgern mit dazwischen liegenden Stahlrollen. Die Verschiebung wird voraussichtlich knappe zwei Tage dauern. Danach beginnt der Rückbau. Der Abschluss der Arbeiten am MFO-Gebäude ist für November 2012 geplant.

Leseraufruf: Wenn Sie ein gelungenes Video oder gar einen Zeitraffer der Verschiebung haben, dann schicken Sie uns schnellstmöglich den Link an zuerich@newsnet.ch. Der beste Beitrag, der uns bis morgen Mittwoch, 12 Uhr, erreicht, wird publiziert und erhält 50 Franken in bar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.05.2012, 11:00 Uhr

Direktionssitz von 1889

Das Direktionsgebäude der alten Maschinenfabrik Oerlikon gilt als letzter Zeuge der Industrie des 19. Jahrhunderts in Oerlikon. Es wurde 1889 als Verwaltungssitz der MFO gebaut. Das Unternehmen produzierte ab 1876 vor allem Werkzeuge, Maschinen, Waffen und Elektrolokomotiven. 1967 wurde die MFO von der BBC, der heutigen ABB, übernommen. (sda)

Artikel zum Thema

Notfalls hätte sie sich angekettet

SP-Politikerin Jacqueline Badran setzte alles daran, das MFO-Gebäude vor dem Abbruch zu bewahren. Sie erhob den Bau bei der ABB zur Chefsache – und machte damit die Hausverschiebung erst möglich. Mehr...

Die Hausverschiebung in letzter Minute

Morgen wird in Oerlikon ein 6200 Tonnen schweres Gebäude verschoben. Beinahe scheiterte die Rettung des Industriebaus an der ABB – und der knappen Zeit. Mehr...

«Wenn es ideal läuft, schaffen wir die 60 Meter in 15 Stunden»

Der Zuger Rolf Iten steht in Zürich vor seinem grössten Projekt: Der Verschiebung des MFO-Gebäudes. Er ist der Mann, der Oerlikon ein Stück bewegt – und manchmal vom Eiffelturm träumt. Mehr...

(Video: SPS)

Gesucht: Das beste Leservideo

Wenn Sie einen gelungenen Video oder gar einen Zeitraffer der Verschiebung haben, dann schicken Sie uns schnellstmöglich den Link an zuerich@newsnet.ch. Der beste Beitrag, der uns bis morgen Mittwoch, 12 Uhr, erreicht, wird publiziert und erhält 50 Franken in bar.

Bildstrecke

MFO-Gebäude: Verschiebung mit grossem Aufwand

MFO-Gebäude: Verschiebung mit grossem Aufwand Rund 11 Millionen lässt sich die Swiss Prime Site AG die Rettung des historischen Backsteingebäudes kosten.

TA Marktplatz

Kommentare

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Zwei hungrige Mäuler: Zwei wilde Esel auf Zypern stürzen sich auf eine Karotte, die ihnen ein Autofahrer hinhält (3. August 2017).
(Bild: Yiannis Kourtoglou) Mehr...