Das Kleinspital im Säuliamt kann vorläufig weitermachen

Alle Gemeinden des Bezirks stehen hinter dem Spital Affoltern. Nun kommt es auf die neue Gesundheitsdirektorin an.

Sie haben an vorderster Stelle für das Spital gekämpft – und gewonnen: Stefan Gyseler und Michael Buik. Foto: Dominique Meienberg

Sie haben an vorderster Stelle für das Spital gekämpft – und gewonnen: Stefan Gyseler und Michael Buik. Foto: Dominique Meienberg

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Stefan Gyseler wurde wie ein Star empfangen gestern Nachmittag im Spital Affoltern. Der Präsident der Betriebskommission und Gemeindepräsident von Hausen am Albis hat in den vergangenen Monaten viel Zeit und Energie aufgewendet, um eine Überlebensstrategie für das Spital zu entwickeln und die Bevölkerung im Säuliamt von deren Richtigkeit zu überzeugen.

Sein Einsatz hat sich gelohnt: Alle 14 Gemeinden des Bezirks haben Ja gesagt zur Auflösung des Zweckverbandes und zur Gründung einer gemeinnützigen AG, die das Spital in eine neue Zukunft führen soll.

«Ich glaubte immer daran», sagt Gyseler, «aber das deutliche Resultat ist schon überraschend.» Das ist es für alle. Im Spital ist die Freude riesig, die Erleichterung spürbar, als das Resultat am frühen Nachmittag feststeht. Zwei Mitarbeiterinnen, die sich auf dem Flur treffen, strecken die Fäuste hoch – geschafft!

Im Restaurant kommen sie alle zusammen, die Angestellten, Politikerinnen und Bürger. Sie umarmen sich, stossen an. Als Gyseler erscheint, klatschen und johlen sie, und nach seiner kurzen Ansprache, in der er sich bedankt, macht der ganze Saal eine Welle.

Die Warnung vor steigenden Steuern hat offensichtlich nicht verfangen.

Stefan Gyseler informierte zuvor im Kasinosaal von Affoltern die Medien, zusammen mit Clemens Grötsch, dem Stadtpräsidenten des Bezirkshauptortes. Pikant: Grötsch ist Gyselers Vorgänger als Betriebskommissionspräsident. Noch vor eineinhalb Jahren hatte er sich für das Spital eingesetzt, vor der Abstimmung trat er aber dezidiert für ein Nein ein.

Grötsch erklärt seinen Schwenker mit der geänderten Rolle: «Ich muss jetzt für die Stadt schauen.» Die Aufgabe des Stadtrates sei es gewesen, die Bevölkerung über alle Fakten zu informieren. Er habe vor den finanziellen Risiken gewarnt und deshalb ein Nein empfohlen. Das Volk habe sich nun aber bewusst entschieden, so Grötsch: «Es will das Spital behalten und es sich auch etwas kosten lassen.»

Die Warnung mehrerer Behörden vor steigenden Steuern hat offensichtlich nicht verfangen. Zumal im heutigen System der Spitalfinanzierung auch gar keine Subventionierung durch die Gemeinden mehr vorgesehen ist, sondern nur eine finanzielle Haftung im Falle grosser Defizite. 2018 schloss das Spital Affoltern mit einem Minus von einer halben Million, das aus den Kapitalreserven gedeckt wurde.

Hohe Stimmbeteiligung

Die Bevölkerung von Affoltern stimmte mit über 78 Prozent Ja fürs Spital. Am höchsten war die Zustimmung mit 86 Prozent in Obfelden. Selbst Stallikon, wo wegen der Nähe zu Zürich mit einem Nein gerechnet wurde, sagte Ja – allerdings knapp mit 51 Prozent. Die Stimmbeteiligung war durchwegs hoch und lag zwischen 48 und 61 Prozent.

Für Stefan Gyseler ist das Resultat «eine Verpflichtung». Es sei erst eine Zwischenetappe erreicht. «Jetzt müssen wir für die Leistungsaufträge kämpfen. Und dafür braucht es einen Schulterschluss auch mit jenen Gemeinden, deren Behörden für ein Nein waren.» 2022 soll die neue Spitalliste in Kraft treten. Mit ihr definiert der Regierungsrat, welches Spital welche Leistungen in der Grundversicherung anbieten darf. «Wir arbeiten daran, bei der Gesundheitsdirektion überzeugende Gesuche einreichen zu können», so Gyseler. Er weiss, dass dabei die Wirtschaftlichkeit eine grosse Rolle spielt.

Bereits nächsten Montag hat die Spitalleitung einen Termin bei der neuen Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli. Ob die SVP-Politikerin die Linie ihres Vorgängers Thomas Heiniger (FDP) weiterverfolgen will, ist noch nicht bekannt. Heiniger hat auf den Wettbewerb unter den Spitälern gesetzt, dies mit zunehmend strengeren Mindestfallvorgaben, aber auch zu Kooperationen gezwungen.

Die Spitalführung von Affoltern hat das in ihrer Planung berücksichtigt. Das aktuelle Konzept sieht einerseits eine enge Kooperation mit dem Zürcher Stadtspital Triemli und dem Zuger Kantonsspital vor. Andererseits fokussiert es bei den Behandlungen auf zwei Bereiche, in denen das Spital stark ist: die Palliativmedizin und die Akutgeriatrie. Für diese braucht es allerdings auch eine Innere Medizin und eine Chirurgie mit einem Bereitschaftsdienst rund um die Uhr. Erschwerend kommt hinzu, dass die Infrastruktur veraltet ist und das ganze Spital erneuert werden muss. Geschätzte Kosten: rund 100 Millionen Franken.

Zentrales Pflegezentrum

Ob das wirtschaftlich machbar ist, wird sich zeigen. Das Spital hat jetzt zwei Jahre Zeit, verschiedene Varianten zu prüfen, durchzurechnen und mit der Gesundheitsdirektion zu diskutieren. Spitaldirektor Michael Buik ist zuversichtlich. Die grandios gewonnene Abstimmung bringe «eine neue Dynamik» in den Betrieb. Sie habe Signalwirkung sowohl nach innen als auch nach aussen. Die Mitarbeitenden hätten keinen Grund mehr wegzugehen.

Und Buik erwartet, dass sich nun vermehrt mögliche externe Kooperationspartner melden werden. Auf das Treffen mit Natalie Rickli ist er gespannt: «Es ist wichtig, welche Signale wir von der Gesundheitsdirektion bekommen.» Rickli selber war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Neben dem Spital erhält auch das Pflegezentrum Sonnenberg eine neue Rechtsform. Es wird zur interkommunalen Anstalt. Alle Säuliämtler Gemeinden haben sich dafür ausgesprochen, die Langzeitpflege weiterhin gemeinsam zu organisieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2019, 20:31 Uhr

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