Das Lampenfieber des Feuerwerkers

Manuel Hirt verzaubert in der Neujahrsnacht ganz Zürich – mit Bomben, Minen und Raketen. Was in einer Viertelstunde verpufft, beschäftigt ihn wochenlang.

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Wir befinden uns bei Einsiedeln, irgendwo ganz hinten im Tal, hinter einer Stahltür, in einem Berg. Dort lagern Kugel- und Zylinderbomben, Feuertöpfe und Flammensäulen. Was martialisch tönt, wird lauter Freude bereiten: ­Sternenglitzern, Kometenschweife, Funkenfälle, Goldregen. In Manuel Hirts Werkstätten beim Sihlsee sind seit Wochen Mitarbeiter daran, die Neujahrsfeuerwerke vorzubereiten. Manche von ihnen sind Saisonniers, kommen im Sommer für die 1.-August-Feiern und Seenachtsfeste hierher und im Dezember für Silvester.

Manuel Hirt ist einer der wenigen Feuerwerker des Landes. Und einer der grössten. An Silvester wird er das grosse Silvesterzauber-Feuerwerk auf dem Zürichsee veranstalten, aber auch das Feuerwerk auf dem Pfäffikersee, auf dem Uetliberg Uto Kulm, acht sind es dieses Jahr im Ganzen. Auf dem Parkplatz stehen bereits abholbereit zwei grosse gelbe Container mit dem Material für Zürich: Es sind die 1640 Mörser, die Abschussvorrichtungen für die Feuerwerkskörper. Das Feuerwerk selbst wird in Spezialfahrzeugen transportiert.

Keine zündende Idee

Wenn Manuel Hirt von seinen Feuerwerken erzählt, spricht ein Künstler und ein Tüftler aus ihm. Und ein kleiner Junge. Er habe schon als Bub gerne «zeuslet und chäbslet». Als Jugendlicher hat er sein ganzes Taschengeld in Feuerwerkskörper investiert und wollte von Beruf Sprengmeister werden. Die Eltern fanden das keine zündende Idee. Er wurde Restaurateur und vergoldete elf Jahre lang Bilderrahmen und frischte Antiquitäten auf, bis ein Feuerwerk, das er auf dem Zeltplatz Grüner Aff in Willerzell veranstaltete, ein Bombenerfolg wurde. Da entschied der Wollerauer, sein Hobby zum Beruf zu machen. 1991 gründete er die Firma Hirt & Co. Fireworks.

Seither gondelt er in der ganzen Welt herum, um die besten Feuerwerksproduzenten ausfindig zu machen. Er hat sie in China, Süditalien und Spanien gefunden. Er nahm an internationalen Feuerwerkswettbewerben teil und besucht Feuerwerke von Mitbewerbern. Er hat auch schon selbst im Ausland Feuerwerke veranstaltet. Nennt man ihm den Namen eines Feuerwerkskörpers, rattert er dessen Steckbrief aus dem Stegreif herunter: «Fan Gold Horse Tail?» – «Goldene, fallende Schweife mit blauen Sternen. 100 Schuss, keine Knaller.» Der sonst eher Zurückhaltende spricht plötzlich blumig wie ein Weinkenner von Bouquet und Abgang.

Auf Knopfdruck gehts los

Materialkunde ist nur ein Aspekt des Berufs eines Pyrotechnikers. Der Feuerwerker muss auch ein Choreograf sein. Hirt zieht einen Stapel A4-Blätter aus der Mappe. Sie sind fein säuberlich in winzig kleiner Schrift mit Tabellen, Zahlen und Buchstaben, Pfeilen und Skizzen übersät. Das ist das Drehbuch für den Zürcher Silvesterzauber. Und es ist geheim – «nicht dass mir einer das Finale abkupfern kann».

Unter dem Titel «Ende Eröffnung!» steht dort die Abkürzung «Box 1 El 20» – das bedeutet: Mit Knopfdruck wird Hirt vom Dampfschiffssteg aus das Element 20 auf den Ledischiffen draussen zünden. Dann gehts buchstäblich blitzschnell: Der Elektroempfänger auf dem Schiff zündet explosionsartig die entsprechenden Feuerwerkskörper, und zwar auf allen drei Abschusspositionen. In diesem Fall werden Figurenbomben gezündet.

«Richtigen Rauch macht ein Feuerwerk nur ganz wenig.»Manuel Hirt

In einer Batterie hat er Vorbrenner – eine Art Zündschnur – angebracht, welche die Zündung jeweils um drei Sekunden verzögern. So fliegt eine Figur nach der andern in den Himmel. Der eine Knopfdruck hat 15 Sekunden Feuerwerk ausgelöst – und den «Impuls 21» initiiert, der es seinerseits 22 Sekunden glitzern lässt. Dann folgt wiederum automatisch «Impuls 22»: drei Blumen. Wenn Hirt diese über Zürich aufgehen sieht, drückt er den nächsten Knopf: «El 23». Alles ist sekundengenau getimt und im Drehbuch vermerkt. Trotzdem sei er vor den grossen Feuerwerken angespannt – habe richtig Lampenfieber. Ist denn schon einmal etwas schiefgegangen? «Einen Unfall gab es zum Glück noch nie.» Doch bei einem Feuerwerk in Aarburg passierte einmal nichts, als er den Knopf gedrückt hatte. «Einfach nichts! Ich habe Blut geschwitzt, musste improvisieren. Später stellte sich heraus, dass ein Zündschalter gebrochen war.»

Ansonsten könne jeweils nur das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen. Am meisten fürchtet der Feuerwerker die feuchte Luft, denn dann erzeugen die einzelnen Leuchtsterne im Himmel Dampf, der den Zuschauern das ganze Feuerwerk vernebelt. «Uns wird dann vorgeworfen, wir hätten zu viel Rauch erzeugt – richtigen Rauch aber macht ein Feuerwerk nur ganz wenig.»

Die Komposition Zürich 2016

Seit gestern Sonntag ist er mit seinem Team daran, in der Werft Wollishofen die drei Ledischiffe mit den über 1820 Feuerwerkskörpern zu beladen, die an Neujahr ab 0.20 Uhr während einer Viertelstunde den Zürcher Himmel erleuchten werden. Seine Spezialität seien die Eröffnungen, das Temperament und generell die Zylinderbomben. «Die sind eher rar», sagt der 53-Jährige, während er eine solche längliche Zylinderbombe stolz wie ein Baby im Arm präsentiert. Sie wiegt elf Kilogramm und wird am Neujahr bis 300 Meter hochsteigen.

Das Zürcher Silvesterfeuerwerk ist ohne Musik. Das mache die Komposition schwieriger, aber auch spannender, sagt Hirt. Denn die Musik gebe Tempo und Charakter vor. «Ohne Musik muss ich viel stärker darauf achten, dass keine Flaute eintritt, dass ich die Menschen immer wieder überraschen und mit dem Finale begeistern kann.» Ein Motto hat er bei seinen Kompositionen nicht im Kopf – «es geht mir wie in der Musik um Stimmungen und Tempo». Seine Instrumente sind Farben und Formen, Heuler und Knaller. Und es braucht Allegro und Andante, Rondo und Adagio.

Wie er den Silvesterzauber 2016 komponiert hat, verrät Manuel Hirt nicht. Nur so viel: In der Eröffnung sind neun Pfauen die Stars, und im Finale haben Zylinderbomben einen grossen Auftritt. Mit viel Silberregen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.12.2015, 23:44 Uhr)

Zürichs Silvesterzauber

6106 Effekte

Das Feuerwerk von Swiss Casino Zürich im unteren Zürichseebecken startet am Neujahr um 0.20 Uhr und dauert eine Viertelstunde. Es beinhaltet:


  • 68 Römische Kerzen, Cal. 30–60 mm, mit 544 Effekten (Bombetten oder Kometen)

  • 9 Pfauraketen, Cal. 45 mm, mit 99 Effekten (Kometen)

  • 1640 Kugel- und Zylinderbomben sowie Minen, Cal. 75–300 mm, 1640 Effekte ­(Bombenbouquets)

  • 40 Einwegfeuerwerksbatterien, bis Cal. 65 mm, 3760 Effekte (Bombetten, Pfeifen, Kometen)

  • 63 Single Shots, Cal. 30–45 mm, 63 Effekte (Kometen)


Circa 85'000 Franken kostet das Feuerwerk. Davon machen die Arbeit des Feuerwerkers und die Feuerwerkskörper etwa zwei Drittel aus. Ein weiterer Teil betrifft die Miete der drei Ledischiffe sowie der dazu benötigte Aufbau (Seitenschutz und Sand). Dazu kommen Nebenkosten etwa für Sicherheitspersonal zur Bewachung der Schiffe während des Aufbaus und für Bewilligungen.

www.silvesterzauber.ch

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