Das Schweigen der Mehrheit

Zwei von drei Berechtigten verzichteten erneut auf ihre Stimme. Wieso?

Warten auf die Wähler: Der Trend der vergangenen Jahre hat sich am Wahlwochenende fortgesetzt - nur ein Drittel der Stimmberechtigten ging an die Urne.

Warten auf die Wähler: Der Trend der vergangenen Jahre hat sich am Wahlwochenende fortgesetzt - nur ein Drittel der Stimmberechtigten ging an die Urne. Bild: Keystone

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Es waren Wahlen, und fast alle gingen hin: 1920, als acht von zehn Stimmbürgern den Kantonsrat wählten. Gestern waren wieder Wahlen, und zwei von drei blieben zu Hause. Ein Trend, der sich über die Jahrzehnte verstärkte: 1929 fiel die kantonale Beteiligung erstmals unter 80 Prozent, 1971 unter 60, und 1975 kippte das Verhältnis. Seither werden die Räte von einer relativen Mehrheit gewählt. 35,5 Prozent waren es gestern beim Kantonsrat. 33,2 beim Regierungsrat.

57 Prozent politisch desinteressiert

Verschiedene Theorien erklären, wieso die Mehrheit schweigt. Eine besagt, dass Nichtwähler mit dem Gang der Dinge durchaus einverstanden seien. Peter Moser hat eine gewisse Sympathie für diesen Ansatz. Auch weil eine hohe Wahlbeteiligung nicht unbedingt Gradmesser für eine gesunde Demokratie sei, sagt der stellvertretende Leiter des Statistischen Amtes des Kantons.

Einen Haken hat die Theorie allerdings. Sie suggeriert, dass Nichtwähler politisch interessiert sind. Dass dem nicht so ist, zeigte eine Studie zu den eidgenössischen Wahlen von 1999. Diese stellte eine Nichtwähler-Typologie auf: 57 Prozent der Nichtwähler gehören zu den «politisch Desinteressierten», den «sozial Isolierten» oder den «Inkompetenten». Stellvertretend die 30-jährige Personalberaterin, die am Bellevue kurz und bündig sagt: «Ich wähle nie und wüsste auch nicht, wen oder was.»

Die Typologie der Nichtwähler

Umgekehrt interessieren sich laut Studie mit den «Politikverdrossenen», den «Protestierenden» oder den «alternativ Partizipierenden» 43 Prozent zumindest im Prinzip für Politik, allerdings mehr für Abstimmungen als Wahlen. Stellvertretend ein 24-Jähriger, der auf der Strasse sagte: «Wahlen interessieren mich nicht.» Bei Initiativen hingegen bilde er sich öfter eine Meinung und stimme ab.

Die Typologie der Nichtwähler dürfte grosso modo heute noch stimmen, sagt Politikwissenschafter Moser, der selber eine Art «Relativitätstheorie» des Wählens präsentiert: Der Wähler verdiene relativ gut, sei relativ gut ausgebildet und relativ alt. Woraus sich andersherum der Nichtwähler ergebe. Der wiederum lebe eher in Agglogemeinden wie Opfikon oder Schlieren als in einem Goldküstenort wie Zumikon. Die neuen Zahlen zur Wahlbeteiligung bestätigen dieses Bild. Opfikon: 24 Prozent. Schlieren: 26. Zumikon: 47 Prozent. Eine Verteilung, die sich auch in Zürich findet. Kreis 7/8: 43 Prozent. Kreis 12: 26 Prozent. Anders formuliert: In Schwamendingen haben sich 74 Prozent der Wahlberechtigten der Stimme enthalten.

Sind die Abstinenten eher Frauen? Hier hilft ein Blick zurück zu den eidgenössischen Wahlen 2007. Bei den volljährig Gewordenen zeigte sich da praktisch kein Unterschied. Bis zur Pensionierung wählten Männer zwar mehr, die Differenz jedoch war nie grösser als fünf Prozentpunkte. Bis 80 Jahre nahm die Beteiligung der Männer dann stark zu auf bis 70 Prozent, während sie bei den Frauen auf gegen 50 Prozent absank. Das sei, so Moser, weniger eine Altersfrage als eine Frage der Generation der Frauen, die ohne Wahlrecht aufgewachsen seien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.04.2011, 10:10 Uhr

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