Das Segelboot, das mit Tempo 60 fliegt

Das schnellste Segelboot der Schweiz kreuzt zurzeit zwischen Zürich und Rapperswil und will nun das Blaue Band holen. Der fliegende Katamaran ist dank Tragflügeln doppelt so schnell wie der Wind.

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Eine Mischung aus Forschungslabor, Heuschrecke und Segelkatamaran ist noch bis Ende September auf dem Zürichsee anzutreffen. Ab einer Windstärke von 15 Kilometern pro Stunde, etwas mehr als ein laues Lüftchen, steigt der Kat aus dem Wasser und beginnt auf schmalen Tragflächen zu fliegen, doppelt so schnell wie der Wind. Dieses Lüftchen reicht, um jedes Kursschiff locker stehen zu lassen. Die Hydros hält bereits den wichtigsten Rekord vom Genfersee: 58 km/h über einen Kilometer. Jetzt will sie das neugeschaffene Blaue Band des Zürichsee-Seglerverbandes attackieren: Zürich–Rapperswil–Zürich.

Die Einladung zum Mitsegeln auf der Hydros war gestern an eine Bedingung gebunden: das Unterschreiben eines Haftungsausschlusses. Bei der Entwicklung des Bootes gabs schon Knochenbrüche. Um das horrende Tempo zu erklären, braucht es ein bisschen Physik: Projektmanager Jérémie Lagarrigue, Ingenieur und früherer Profisegler, sagt es so: «Damit ein Boot schnell ist, muss es leicht sein und mit möglichst wenig Wasser in Kontakt kommen.» Das Resultat ist logisch: Ein Katamaran ist leichter als ein Kielboot, weil er die Stabilität aus seiner Breite holt. Und ein Tragflügelboot steigt aus dem Wasser; bei der ­Hydros sind in fliegendem Zustand bloss zwei Quadratmeter benetzt.

Mit Tempo 50 in eine Mauer

Komplexer wird die Physik, wenn der Tragflügel mit einer gewissen Geschwindigkeit durchs Wasser schneidet. Dann kann sich hinter dem Flügel durch Kavitation Dampf bilden. Der Flügel verliert seine Wirkung, und das Boot wird vom Wasser angesogen. Jérémie Lagarrigue hat das mit einem Vorgängermodell auf Lanzarote erlebt: «Das ist, wie wenn man mit Tempo 50 in eine Mauer fährt.»

Zurück zum Zürichsee. Für normale Segler herrschte gestern Nachmittag Flaute; auf allen Zürichseesegelschiffen hingen die Tücher schlaff herunter. Um zu verstehen, weshalb es unter der Hydros trotzdem munter rauschte, muss man Segler oder Mathematiklehrer sein. Einfach gesagt: Je schneller ein Schiff fährt, desto mehr Gegenwind hat es – wie beim Velofahren. Und je mehr Wind in die Segel bläst, desto schneller fährt wiederum das Schiff – und so weiter, fast wie beim Perpetuum mobile. Es gibt auch einen Bibelspruch für dieses Phänomen: «Wer hat, dem wird gegeben.»

Die Hydros ist 10 Meter lang und 10 Meter breit und bloss 1,4 Tonnen schwer. Für Normalo-Segler sieht sie von nahem wie ein Trampolin aus. Die Tragflügel können über eine Hydraulikpumpe verstellt werden. Sehr speziell ist der Bug der beiden Rümpfe: Er kann wie bei der Concorde je nach Tempo abgesenkt oder gehoben werden.

Ist die Hydros bloss auf dem Zürichsee, weil die Lausanner den Zürcher Seglern das Blaue Band auf alle Zeiten entreissen wollen? Im Gegenteil, sagt Beat Müller, der Präsident des Zürcher Yacht-Clubs. Die Hydros ist Gast des Yacht-Clubs und liegt vertäut vor dessen 1916 erbautem schwimmendem Bootshaus am General-Guisan-Quai. Anlass des Zürcher Besuchs ist das 25-Jahr-Jubiläum der Zürcher Niederlassung der Genfer Privatbank Lombard Odier & Co. Und diese wiederum ist Sponsor und Partner des Hydros-Projekts.

Ziel: Frachter sparsamer machen

«Wir sind eigentlich ein wissen­schaft­liches Forschungslabor», sagte Alexis Lombard. Rekorde zu brechen, ist für Hydros nur ein relativ kleines Ziel. Ein Dutzend hochkarätiger Ingenieure, Mathe­matiker und Physiker arbeiten zusammen mit der ETH Lausanne unter dem Slogan «Multiplicateur d’énergie». Oder «aus wenig mehr machen», wie es CEO Jérémie Lagarrigue beschreibt. Mit weniger Wind schneller segeln oder mit schwächeren Motoren schneller fahren.

So hat Hydros auch ein Motorboot konstruiert, das dank ausfahrbarer Tragflügel mit einem schwächlichen 80-PS-Motor 60 km/h erreicht – und damit 30 Prozent effizienter ist als ein konventionelles Motorboot. Auch dieses Boot ist zurzeit auf dem Zürichsee. Zudem ist Hydros beim italienischen Team im America’s Cup engagiert und führt für junge Ingenieure Effizienzwettbewerbe für 2 Meter grosse Modellboote durch.

Jérémie Lagarrigue hat für seine Firma noch ganz andere Ziele: Ozeanfrachter sparsamer zu machen. Der Welthandel findet zu 90 Prozent auf dem Seeweg statt. «Wenn der Frachter ein Drittel weniger Energie verbraucht, sind meine Jeans drei Franken billiger und die Welt würde zig Millionen von Tonnen Treibstoff sparen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.08.2014, 07:22 Uhr

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