Das Sperrgebiet

Ein Stück Land in Zürich Nord ist durch eine Mauer von der Umwelt abgeschnitten, weil der Boden vergiftet ist. Für den 11. Teil der Serie «Was hinter verschlossenen Türen steckt» haben wir uns dort umgesehen.

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Dieser Beitrag der Serie über kaum zugängliche Räume und Gebäude fällt aus dem Rahmen. Denn das Stück Zürich, um das es heute geht, ist nicht einmal durch eine Türe zugänglich. Nur mit einer genügend grossen Leiter kommt man in die Sperrzone in Zürich Nord.

Dabei handelt es sich um keinen geheimen Ort oder privaten Grund, sondern um einen Teil des Leutschenparks – unweit des Schweizer Fernsehens. Das Stück Boden in Zürich Nord ist jedoch so stark vergiftet, dass es von einer über drei Meter hohen Mauer von der Umwelt abgetrennt werden musste.

Schüsse in den Hügel

Das Gift stammt aus einer Zeit, als sich die Stadt an ihren Rändern noch nicht derart dicht ausbreitete. Bis 1955 wurde dort ein Schiessstand betrieben. Unzählige Projektile bohrten sich in den Erdhügel, der nun hinter der Mauer steht. Um die kontaminierte Erde des Kugelfanges nicht abtragen, teuer entsorgen und gleichzeitig Dutzende Bäume fällen zu müssen, machte Grün Stadt Zürich «aus der Not eine Tugend», wie Sprecher Lukas Handschin sagt: Man topfte den vergifteten Hügel ein.

Der Baumtopf war nicht nur günstiger, sondern gibt dem Leutschenpark laut Handschin auch einen besonderen Charakter. Seit 2008 umgibt die 155 Meter lange Mauer die Bäume. Damit sie wie ein überdimensionaler Topf aussieht, wölbt sie sich oben gegen aussen.

Der unzugänglichste Ort

Die ungewöhnliche Form hat nicht nur einen ästhetischen Nutzen. «Wir probten herum, bis die richtige Form gefunden wurde, damit die Mauer bequem ist, um daran anzulehnen», sagt Handschin. Durch den Baumtopf entstand nicht nur «die wohl längste Parkbank Europas», sondern auch das wohl am besten abgeschottete Stück Natur auf Stadtgebiet. Handschin ist jedenfalls keine Fläche bekannt, die schlechter zugänglich ist als die Bäume auf dem verseuchten Boden.

Trotzdem gibt es Leute, die über die Mauer klettern. Denn zwischen den Bäumen befindet sich ein Posten der Geo-Cacher. Das sind Leute, die sich einen Sport daraus machen, extra versteckte «Schätze» oder Posten zu suchen. Dabei ist die Kletteraktion für die Cacher ein grösseres Risiko als der kontaminierte Boden. «Das Gebiet ist nicht gefährlich, solange man keine Erde isst», sagt Handschin. Auch für die Umwelt sollten die Rückstände des Schiesshügels keine Gefahr darstellen, wie entsprechende Untersuchungen betreffend Grundwasser ergaben.

Kleine Leiter

Wie ein Augenschein vor Ort zeigt, ist der Baumtopf tatsächlich mit Erde und Steinen gefüllt. Während die Mauer aussen über drei Meter hoch ist, so reicht die Erde im Innern gut eineinhalb Meter unter den Rand. Es hat sogar eine kleine Leiter, die den Ausstieg erleichtert. Ringsherum haben die Landschaftsgärtner Steine aufgefüllt, damit das Wasser besser ablaufen kann.

Der Grat des Schiesshügels ist heute noch zu sehen. Den Bäumen und Pflanzen scheinen die Rückstände im Boden wenig auszumachen. Die Eichen, Kirschen und jede Menge Brombeeren machen einen gesunden Eindruck. Damit der Rand des Topfes ebenfalls gut bewachsen ist, hat Grün Stadt Zürich zusätzliche Jungbäume gepflanzt.

Offenbar bewegen sich ab und zu Menschen durch den Baumtopf. Es hat ein paar Spuren und Abfall, der nicht von Aussen so weit durch das Gestrüpp geworfen werden konnte. Als Eindringling in diesem Gebiet fühlt man sich für einen Moment in die Kindheit zurückversetzt, als man mit viel Pioniergeist durch Nachbars Garten schlich, obwohl man da nicht hingehörte.

Traurige Kinder

Einige Kinder hinterliessen ebenfalls ihre Spuren – allerdings sehr ungern. Drei Fussbälle und ein Frisbee zeugen vom abrupten Ende eines Spiels. Auf der Pirsch durch das Unterholz kommt man in kurzer Zeit an das andere Ende des Topfes. Schaut man über den Rand, sieht man Leute, die rasch über den Platz marschieren, um das nächste Tram hinter dem Örlikerhuus zu erreichen. Den Betrachter von Oben nimmt niemand wahr.

Die Bäume und Pflanzen im Topf werden sich selber überlassen. Solange kein Ast abzubrechen droht, lässt Grün Stadt Zürich die Natur wuchern. Damit soll auch der Kontrast zwischen den dichten, dunklen Blättern der alten Laubbäume und den filigranen, neu gepflanzten Bäumen ringsherum bestehen bleiben. Auch wenn ein Eingriff irgendwann wohl nötig ist: «Eine Türe baute man bewusst nicht ein, da sonst die Idee des Topfes zerstört würde», sagt Handschin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.10.2011, 11:33 Uhr

Wo das Sperrgebiet zu finden ist

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In der Serie bereits erschienen sind:
«Wie die Rettungsleute auf den Einsatz warten»
«Die aussergewöhnlichste 1-Zimmer-Wohnung von Zürich»
«Die vergessene Festung»
«Wo die Ewigkeit beginnt»
«Die Gasse mit der schmutzigsten Vergangenheit Zürichs»
«Gefechtsstand Quaibrücke»
«Wo Maden eine Delikatesse sind»
«Der Fuhrpark gegen Feuer im Dach»
«Wir sind das Gegenteil einer Sekte».

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