Das Spital Affoltern ist akut bedroht

Defizitäre Zahlen und bröcklige Trägerschaft: Dem Zürcher Regionalspital droht die Schliessung.

Eine Erneuerung ist dringend nötig: Blick in einen Trakt des Spitals Affoltern. Fotos: Samuel Schalch

Eine Erneuerung ist dringend nötig: Blick in einen Trakt des Spitals Affoltern. Fotos: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Für das Spital Affoltern geht es um Sein oder Nichtsein. Am 30. November stellt die Delegiertenversammlung des Spitalzweckverbandes die Weichen: Entweder sie beschliesst eine Vorwärtsstrategie mit neuer Rechtsform, oder sie lässt alles beim Alten, was ziemlich sicher das Ende des kleinen Regionalspitals im Knonauer Amt bedeuten würde. Wie die 14 Abgeordneten aller Verbandsgemeinden entscheiden werden, ist offen.

Eine klare Meinung hat die Betriebskommission, das strategische Führungsorgan des Spitals. Ihr Präsident Clemens Grötsch, der auch Gemeindepräsident von Affoltern ist, sagt: «Die Menschen wünschen sich eine Grundversorgung in ihrer Nähe, und das Spital ist volkswirtschaftlich relevant.» Inklusive Langzeitabteilungen beschäftigt es 700 Menschen, von denen zwei Drittel im Bezirk wohnen. Doch das Spital hat ein grosses Problem: Seit 30 Jahren wurde wenig ­investiert. Eine Erneuerung ist dringend, das zeigt ein Rundgang durch den Gebäudekomplex.

Veraltete Infrastruktur

Die kleine Empfangshalle scheint aus einer anderen Zeit. An einer Wand steht eine geräumige Telefonzelle. Sie werde noch rege benützt, sagt Spitaldirektor Michael Buik. Viele hochbetagte Patienten, auf deren Behandlung man hier spezialisiert ist, haben kein Handy, und auch mit dem Telefonapparat am Bett sind sie überfordert. In einem Zweierzimmer der Abteilung für Innere Medizin, im Parterre des Bettenhauses sitzt eine 85-Jährige auf dem Bettrand. Um aufs WC zu gehen, muss sie das Zimmer verlassen. Dass die Nasszellen auf dem Gang seien, störe sie nicht, sagt die Patientin aus Mettmenstetten. Und fügt an: «Aber das Bett ist zu kurz.»

Will das Spital neu bauen: Clemens Grötsch, Präsident der Spital-Betriebskommission und Gemeindepräsident von Affoltern.

Auf dem zweiten Stock liegen die Chirurgiepatienten, auf dem dritten die Wöchnerinnen. Neben Zweier- gibt es noch Viererzimmer – ein Standard, mit dem die Generation der Babyboomer nicht mehr zufrieden ist, sagt Buik. Ebenfalls sanierungsbedürftig ist der Notfalltrakt mit den zwei Operationssälen. Und der Modulbau, in dem Untersuchungsräume und Privatzimmer untergebracht sind, ist auch bald 20-jährig.

In der veralteten Infrastruktur sieht Buik den Grund für die Defizite, die dem Spital zu schaffen machen. Weder die Chirurgie noch die Innere Medizin noch die Geburtshilfe sind ausgelastet, und für operierende Belegärzte ist Affoltern unattraktiv. Das führt zu einem weiteren existenziellen Problem: Das Spital erfüllt die von der Zürcher Gesundheitsdirektion neu vorgegebenen Mindestfallzahlen nicht. Es droht den Leistungsauftrag des Kantons für Knie- und Hüftgelenkprothesen zu verlieren. Gefordert sind dort je 50 Eingriffe jährlich. Affoltern erfüllt diese Vorgaben nicht oder nur knapp. Das Spital hat, zusammen mit anderen Regionalspitälern, beim Verwaltungsgericht Beschwerde gegen die neuen Regeln erhoben.

Spitalleitung und Betriebskommission setzen auf Wachstum und sind überzeugt, dass ein Überleben möglich ist. Die Akutgeriatrie und die Palliativstation sind heute schon stark belegt, und für die anderen, derzeit defizitären Abteilungen sieht Direktor Buik noch Potenzial in der Region: «Mit einer modernen Infrastruktur können wir dieses ausschöpfen.» Vor einigen Wochen hat die Betriebskommission die Öffentlichkeit über ihre Pläne informiert. Sie will das Spital zum Gesundheitszentrum mit einem grossen Ambulatorium erweitern und total neu bauen. Die nötige Investitionssumme bezifferte sie auf rund 150 Millionen Franken. Ein hoher Betrag für eine Region mit 50 000 Einwohnern.

Inzwischen ist Kommissionspräsident Clemens Grötsch nochmals über die Bücher. Neu kommt er auf circa 100 Millionen Franken. «Weil uns das Land gehört und weil bei den 150 Millionen auch rund 20 Millionen für die Sanierung des Hauses ‹Rigi› einberechnet wurden.» Das «Rigi» ist ein Pflegeheim, ebenso wie das grössere und jüngere Haus «Pilatus». Der Zweckverband Spital Affoltern betreibt eben nicht nur ein Akutspital, sondern ist auch für die Langzeitpflege im Bezirk zuständig. Michael Buik leitet beide Betriebszweige.

Der Knackpunkt, an dem die Zukunft des Spitals zu scheitern droht: Mehr als eine Gemeinde will die Verantwortung für das Defizit loswerden.

Aus Sicht der Patienten ist diese Kombination sinnvoll, betriebswirtschaftlich hingegen ist sie schwierig. Denn seit einigen Jahren erfolgt die Finanzierung getrennt: Für die Akutversorgung ist der Kanton zuständig, für die Langzeitpflege die Gemeinden. Der Kanton zahlt seinen Anteil an die Fallpauschalen (55 Prozent; 45 Prozent die Kassen), die Gemeinden zahlen die ungedeckten Pflegekosten. Die Betriebskommission schlägt deshalb vor, den Zweckverband aufzulösen und die beiden Bereiche organisatorisch zu trennen: Für die Langzeitpflege sollen die Gemeinden eine interkommunale Anstalt gründen, für das Spital eine gemeinnützige AG. Aus der finanziellen Verantwortung wären sie mit der AG allerdings nicht: Als Eigentümer müssen sie allfällige Defizite übernehmen.

Und das ist der Knackpunkt, an dem die Zukunft des Spitals zu scheitern droht: Mehr als eine Gemeinde will diese Verantwortung loswerden. Am weitesten sind die Pläne in Hedingen. Dort diskutiert die Gemeindeversammlung Anfang Dezember über den Austritt aus dem Zweckverband. «Wir wollen unsere Risiken reduzieren», begründet Gemeindepräsident Bertram Thurnherr (FDP) den Antrag. «Seit Jahren wird eine Lösung für das Spital gesucht. Wir wissen nicht, was kommt, müssen aber die Defizite zahlen. Dem wollen wir ein Ende setzen.»

Für Clemens Grötsch ist Hedingens Vorgehen unverständlich: «Es ist ein schlechter Moment, um auszutreten, da wir ja gerade dabei sind, uns neu zu organisieren.» Der ehemalige Banker ist überzeugt, dass der Bezirk sich den Neubau leisten kann. «Wir werden Geld von den Banken bekommen, dazu brauchen wir aber die Gemeinden als Bürgen.» Die Betriebskommission will auch Hilfe von ausserhalb holen und kann sich vorstellen, dass ein privater Klinikbetreiber in Affoltern einsteigt. Stimmen die Delegierten Ende Monat dem Rettungsplan der Betriebskommission zu, wird diese im Juni 2018 eine Vorlage an die Urne bringen. Wenn nicht, rückt die Option Spitalschliessung in den Vordergrund.

Spitaldirektor Michael Buik ergreift die Flucht nach vorn.

Die Akutversorgung der Ämtler Bevölkerung könnte auch ohne das Regionalspital sichergestellt werden, darin sind sich die Fachleute einig. Rundum hat es mehrere Spitäler mit genügend Kapazität. Allen voran das Triemli, mit dem Affoltern heute schon eng zusammenarbeitet. So werten die Triemli-Radiologen die CT-Bilder von Affoltern aus. Und die Notfallsanitäter schicken jeweils aus dem Rettungswagen die EKGs von Herzinfarktpatienten an die Kardiologen des Stadtspitals, welche entscheiden, ob der Patient eine einfache oder eine spezialisierte Behandlung braucht. Je nachdem fährt die Sanität dann nach Affoltern oder direkt nach Zürich.

Weshalb also das kleine Spital nicht einfach schliessen und das wertvolle Gelände am Südhang des Bezirkshauptortes verkaufen? Dagegen spricht seine Besonderheit, auch bekannt als «Modell Affoltern». Das kleine Spital ist mit seinem ganzheitlichen Behandlungsangebot wohl einmalig. Es hat eine psychiatrische Abteilung und ein spezielles Therapieprogramm für Mutter und Kind. Seine Station für Palliativpflege ist über die Region hinaus bekannt und nimmt auch Patienten aus dem Kanton Zug auf. Ebenfalls einen sehr guten Ruf hat die Akutgeriatrie. Bei einer Spitalschliessung würde Affoltern all dies verlieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2017, 22:28 Uhr

Der Rückhalt in der Bevölkerung ist geschwunden

Dem Spital Affoltern drohte schon einmal ein Abbau. Doch die Ämtler Bevölkerung kämpfte erfolgreich dagegen. Das ist heute anders.

Philippe Luchsinger führt seit vielen Jahren eine Allgemeinpraxis in Affoltern am Albis und engagiert sich für die Sache der Hausärzte. Er arbeitet eng mit dem Spital zusammen, in dem er einen Teil seiner Weiterbildung gemacht hat. Dasselbe gelte für viele seiner Kolleginnen und Kollegen im Knonauer Amt, sagt Luchsinger. «Die medizinische und pflegerische Leistung ist nach wie vor hoch, besonders die Palliativstation und die Akutgeriatrie arbeiten hervorragend, und die Pflege ist sehr persönlich.» Das Spital Affoltern biete auf kleinem Raum eine interdisziplinäre Medizin. Der Weggang des Ehepaares Hess, welches das «Modell Affoltern» bekannt gemacht hat, habe daran nichts geändert. Dass das Spital heute auf der Kippe steht, hat laut Luchsinger einen anderen Grund: «Der Niedergang ist ein politisches Problem. Immer mehr Gemeinden scheuen die finanzielle Verantwortung.»

Toni Bortoluzzi, Alt-Nationalrat und Gemeindepräsident von Affoltern, beurteilt die Situation gleich: «Ein ansehnlicher Teil in den Exekutiven ist der Meinung, man brauche das Spital nicht mehr.» Seit 2012 sei der Rückhalt in der Bevölkerung geschwunden. Politische Querelen und der «gehässige Abstimmungskampf» um die Spital-AG hätten zu Verunsicherung geführt. 2013 lehnte das Volk die neue Rechtsform einer Aktiengesellschaft ab. Bortoluzzi zweifelt, ob es im nun geplanten neuen Anlauf anders herauskommt. Der SVP-Politiker, der viele Jahre lang die Gesundheitspolitik seiner Partei geprägt hat, sieht durchaus eine Existenzberechtigung für ein Kleinspital wie Affoltern. «Man könnte auf die Geriatrie fokussieren.» Ältere Menschen im Säuliamt hätten eine emotionale Beziehung zum Spital, die meisten seien dort geboren. Bei den Zuzügern sei das aber nicht mehr der Fall. Bortoluzzi würde eine Schliessung sehr bedauern. «Es wäre ein Versagen der Behörden. Sie haben es verpasst, das Spital rasch auf eine neue Basis zu stellen.»

Die Frauen wehrten sich

Vor zwanzig Jahren drohte schon einmal ein empfindlicher Abbau. Die damalige Gesundheitsdirektorin Verena Diener (GLP) verordnete dem Zürcher Spitalwesen eine Schlankheitskur. Sechs kleine Landspitäler mussten schliessen, weitere Spitäler mussten fusionieren. Zwei kleine kamen mit Glück davon: Richterswil, das zum Paracelsus-Spital wurde, und Affoltern. Das Spital Affoltern sollte allerdings seine Geburtenabteilung schliessen, so sah es Diener im Entwurf zur Spitalliste 1998 vor. Doch die Ämtler konnten das abwenden. Irene Enderli, damals SVP-Kantonsrätin und Gemeindepräsidentin von Affoltern, erinnert sich: «Es ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung, und alle Frauen standen zusammen.» Verena Diener verzichtete schliesslich auf den Leistungsentzug in Affoltern – ansonsten zog sie ihre Pläne trotz riesigem Widerstand durch. «Sie hatte gewisse Sympathien für das ‹Modell Affoltern›», sagt Enderli. Zudem lag das Knonauer Amt damals noch abgeschieden hinter dem Uetliberg. Heute sei die Ämtler Bevölkerung nicht mehr geschlossen, stellt Enderli bedauernd fest. «Der Egoismus hat zugenommen.»

Susanne Anderegg (Tages-Anzeiger)

Artikel zum Thema

Privatisierungspläne von Spitälern reissen ideologische Gräben auf

Gleich vier Spitäler im Kanton Zürich sollen demnächst zu Aktiengesellschaften werden. Die Linke sieht die Gesundheitsversorgung in Gefahr. Mehr...

Spital Affoltern wird nicht zur Aktiengesellschaft

Von den 14 Gemeinden des Zweckverbandes lehnten fünf die Auflösung des Verbandes und die Umwandlung in eine AG ab. Bedingung war, dass sämtliche Gemeinden dem Vorhaben zustimmen. Mehr...

Nach Zitterpartie: Zürcher sind gegen Spital-AG

Video Schlappe für den Regierungsrat: Das Kantonsspital und die Psychiatrie Winterthur werden keine Aktiengesellschaften. Der Spitaldirektor ist sichtlich enttäuscht. Mehr...

Hohe Bilder

Clemens Grötsch.

Michael Buik.

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Studentinnen suchen nach schnellem Sex
/sales/publireportagen/Schweizer-Studentinnen-auf-der-Suche-nach-schnellem-Sex/story/24704622

Die Schweizer Studentinnen haben längst herausgefunden, wie man an scharfen Sex für zwischendurch kommt. Viele von ihnen suchen auf TheCasualLounge.ch unverbindlichen Sex.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mühevoll geschmückt: Trachtler reiten mit ihren Pferden während des traditionellen Georgiritts zum «Ettendorfer Kircherl» in Bayern. (22. April 2019)
(Bild: Matthias Balk) Mehr...