«Das gibt einen langen Lauf»

Martin Bäumle, Nationalrat aus Dübendorf und Präsident der Schweizer Grünliberalen, kandidiert für den Ständerat – als Nachfolger seiner Parteikollegin Verena Diener. Er hält seine Chancen für intakt.

«Ich habe das Rüstzeug für dieses Amt», sagt Martin Bäumle. Foto: Urs Jaudas

«Ich habe das Rüstzeug für dieses Amt», sagt Martin Bäumle. Foto: Urs Jaudas

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Warum wollen Sie in den Ständerat?
Das Profil der grünliberalen Partei passt ideal zu den Herausforderungen, die im Kanton Zürich anstehen. Wir verbinden Wirtschaftskompetenz mit Umweltwissen. Diese Verbindung braucht Zürich. Ein starker Wirtschaftskanton muss auch im Umweltbereich eine Leaderrolle einnehmen. Überdies brauchen wir Leute, die sich für ein liberales, weltoffenes Klima einsetzen. Was die Grünliberalen als Partei vertreten, vertrete ich als Person. Ich denke, ich wäre ein guter Vertreter des Kantons.

Vor elf Monaten hatten Sie einen Herzinfarkt. Sind Sie fit genug für das Amt?
Ja, zumal die Belastung eines Ständerats nicht wesentlich grösser ist als jene eines Nationalrats. Ständeräte haben zwar mehr Sitzungen, dafür pflegen sie einen weniger aufreibenden politischen Stil. Richtig ist, dass der Ständeratswahlkampf anspruchsvoll wird. Ich habe mir gut überlegt, ob ich antreten will – und bin zum Schluss gekommen, dass ich mir diesen Wahlkampf zutraue. Bereits im Lauf des letzten Jahres habe ich mich parteiintern entlastet. So haben die Grünliberalen mit Roland Fischer neuerdings einen zweiten Vizepräsidenten.

Im Dezember sagten Sie allerdings dem «SonntagsBlick», dass Sie auf eine erneute Kandidatur von Verena Diener hoffen würden – weil Sie Respekt vor dem intensiven Ständeratswahlkampf hätten.
Ich habe grossen Respekt. Der Wahlkampf ist eine Herausforderung, umso mehr, da man mit zwei Wahlgängen rechnen muss.

Verena Diener hatte das Prestige einer Ex-Regierungsrätin, als sie für den Ständerat kandidierte. Ihnen fehlt ein solches Amt in der Biografie. Sie rechnen sich trotzdem Chancen aus?
Ich habe Erfahrungen als Gemeinde-, Kantons- und Nationalrat, zudem bin ich seit 17 Jahren Finanzvorstand in Dübendorf und seit bald 9 Jahren Vizepräsident der Gemeinde. Ich habe das Rüstzeug für das Amt eines Ständerats.

Es gehört zum Wesen der GLP, dass sie sich in einer Sandwichposition zwischen links und rechts befindet. Nicht gerade ein Vorteil, wenn man als Kandidat mit scharfem Profil auftreten möchte . . .
Sandwichpositionen sind immer ein Risiko. Bei uns ist es so, dass wir in Finanz- und Wirtschaftsfragen eher auf der bürgerlichen Seite stehen, bei ökologischen Themen dagegen eher auf der links-grünen. Weil Ständeratswahlen Personenwahlen sind, halte ich unser parteipolitisches Profil aber nicht für ein Problem. Meine Chancen sind intakt.

Ihre Wahlchancen wären besser, wenn Sie in einer Allianz antreten würden – um wen bemühen Sie sich: um Daniel Jositsch (SP) oder um Ruedi Noser (FDP)?
Als Kandidat spreche ich nicht über Allianzen. Es ist Sache der Kantonalpartei, darüber zu befinden. Ich will einen guten Wahlkampf führen, als Erster oder Zweiter ins Ziel einlaufen und dann mit dem anderen Gewählten ein gutes Team bilden.

An der gestrigen Medienorientierung hatte man den Eindruck, Sie würden besonders um die Gunst von Ruedi Noser werben.
Dieser Eindruck entstand, weil ich Ruedi gut kenne und gut mag. Wir sind befreundet. Zudem engagieren wir uns beide zuvorderst für den Innovationspark in Dübendorf. Das hat uns zusammengeschweisst. Daniel Jositsch verfolgt etwas andere Themen als ich, aber auch mit ihm harmoniere ich gut.

Durch den Rücktritt von Verena Diener verbessert sich die Ausgangslage von SP und SVP. Wie setzen Sie sich gegen diese durch?
Indem wir unsere Kernbotschaften gut vertreten und unsere Haut möglichst teuer verkaufen. Das gibt einen langen Lauf – am Ende entscheidet das Volk.

Angenommen, es gibt einen zweiten Wahlgang mit Ihnen, dem SP- und dem SVP-Vertreter. Was dann?
Es ist viel zu früh, um über den zweiten Wahlgang zu spekulieren. Man wird nach dem ersten Wahlgang die Ausgangslage studieren und dann die nötigen Entscheide fällen.

2007 standen sich im zweiten Wahlgang Verena Diener und SP-Kandidatin Chantal Galladé gegenüber. Ihnen gelang es, Galladé zum Rückzug zu bewegen – zugunsten der GLP-Kandidatin. Das heisst: Nun wäre es an Ihnen, zu verzichten . . .
Ich äussere mich heute nicht zu solchen Szenarien. Dieses Mal bin ich der Kandidat. Die Entscheide wird die Kantonalpartei fällen, unter der Führung des kantonalen Parteipräsidenten Thomas Meier. Es stimmt, dass ich mich vor acht Jahren für Verena Diener eingesetzt hatte – damals war ich der kantonale Parteipräsident. Sollte es dieses Mal erneut solche Gespräche brauchen, wird das wieder Sache des Präsidenten sein. Als Kandidat warte ich im zweiten Glied.

Unter welchen Bedingungen wären Sie zum Verzicht bereit?
Ich bin Kandidat für den Ständerat und werde alles dafür tun, Ständerat zu werden. Für alles andere, insbesondere dafür, über Verzicht oder Nichtverzicht oder Antreten um jeden Preis zu reden, ist es viel zu früh. Und selbst wenn ich eine Ahnung hätte, wie ich mich in diesem oder jenem Fall verhalten würde, würde ich mir sicher jetzt nicht in die Karten schauen lassen.

Erstellt: 02.02.2015, 21:06 Uhr

Dieners Rücktritt mischt die Karten im Wahlkampf neu

Statt mit Verena Diener gehen die Grünliberalen im Oktober mit Martin Bäumle in die Ständeratswahl. Nun wittern andere Parteien ihre Chance.

Nach monatelangem Schweigen zu ihrer Zukunft konnte es Verena Diener plötzlich nicht mehr schnell genug gehen. «Jetzt machs nicht so spannend», fiel die grünliberale Zürcher Ständerätin ihrem Kantonalparteipräsidenten Thomas Maier gestern ins Wort, als dieser eine kurzfristig anberaumte Medienkonferenz mit meteorologischen Betrachtungen eröffnete. Kurz darauf war alles auf dem Tisch: Diener tritt per Ende Jahr zurück, in ihre Fussstapfen treten soll mit Nationalrat Martin Bäumle die andere prägende Figur der Grünliberalen – die beiden haben die Partei vor über zehn Jahren zusammen gegründet.

Diener sagte, nach vier Jahrzehnten in der Politik sei es Zeit für einen Schnitt. Jetzt sollten andere eine Chance bekommen. Es sei gut für den Kanton Zürich, wenn die Vertretung im Ständerat verjüngt werde. «Obwohl ich nach wie vor voller Tatendrang bin und Freude an der Arbeit habe», wie sie hinterherschob. Vier weitere Jahre im Amt wären ihr jedoch zu viel gewesen. Verworfen hat sie auch die Idee, aus taktischen Gründen noch einmal anzutreten und dann bei Halbzeit der Legislatur Platz zu machen für einen Nachfolger. Das hätte sie als unfair gegenüber der Stimmbevölkerung empfunden, sagte sie.

Die Grünliberalen glauben, dass der Zeitpunkt für den Rücktritt Dieners gut gewählt sei. Weil mit Felix Gutzwiller (FDP) auch der andere Zürcher Ständerat aufhört, entsteht eine Doppelvakanz. «Bei dieser Ausgangslage haben wir eine gute Chance, mit einer Mittekandidatur unseren Sitz zu verteidigen», sagte Parteipäsident Maier.

Keine linke Hilfe für Bäumle

In der Zürcher Politlandschaft kommt Dieners Entscheid für viele unerwartet. Jetzt wittert die Konkurrenz plötzlich ihre Chance. SP-Kantonalparteipräsident Daniel Frei etwa spricht von einer historisch einmaligen Gelegenheit, erstmals seit Emilie Lieberherrs Abgang vor über 30 Jahren wieder einen Ständerats­sitz zu erobern. Er erinnert daran, dass Diener 2007 mit den Stimmen der Linken gewählt wurde, um den SVP-Kandidaten Ueli Maurer zu verhindern. Das werde sich nicht wiederholen. «Martin Bäumle wird keine linke Unterstützung erhalten», sagt Frei. Für den designierten SP-Kandidaten Daniel Jositsch sollte es daher einfacher werden, den Sitz zu erobern. Jositsch ist Kronfavorit der SP-Geschäftsleitung, braucht aber noch die Zustimmung der Parteidelegierten.

SVP-Präsident Heer verzichtet

Von verbesserten Wahlchancen spricht nach Dieners Entscheid auch SVP-Präsident Alfred Heer – er gibt aber zu bedenken, dass dies für alle Parteien gelte. Vor allem sucht die SVP noch immer nach dem optimalen Kandidaten, nachdem Rita Fuhrer und Natalie Rickli verzichtet haben. Sich selbst nahm Heer gestern auf Anfrage aus dem Rennen. Als Parteipräsident habe er jahrelang dezidierte SVP-Positionen vertreten und sei daher nicht über die Parteigrenzen hinaus wählbar. Mögliche Kandidaten sind die Nationalräte Hans Egloff, Thomas Matter und Gregor Rutz sowie die Kantonsräte Jürg Trachsel und Hans-Ueli Vogt. Der Entscheid soll demnächst fallen. Schon weiter ist die FDP, die sich mit dem Nationalrat und Unternehmer Ruedi Noser gute Chancen ausrechnet.

Für die Grünen steht der Wahlkampf nach Dieners Rücktritt unter veränderten Vorzeichen. «Jene, die an einer Kandidatur interessiert sind, wissen nun, dass es kein verlorenes Rennen ist», sagt Parteipräsidentin Marionna Schlatter. Deshalb werde die Partei auf jemanden mit «echten Chancen» setzen statt auf eine «Förderkandidatur». Nach Auslegung von Nationalrat Balthasar Glättli müsste das jemand sein, der – wie er selbst – bereits in Bern politisiert. Glättli zeigt sich interessiert, will sich aber noch nicht festlegen.

Sein Nationalratskollege Bastien Girod hat zwar eben erst seinen Verzicht auf eine Kandidatur bekannt gegeben. Er tat dies aber in der Überzeugung, dass Diener noch einmal antreten werde und er keinen aussichtslosen Wahlkampf gegen die populäre Bisherige führen wollte. Jetzt sagt er, dass er die neue Situation noch einmal besprechen müsse mit seiner Familie, der Partei und der Arbeitgeberin. Ein Rückzug vom Rückzug ist also denkbar. Ins Spiel gebracht hat sich auch Katharina Prelicz-Huber, die 2011 als Nationalrätin abgewählt wurde. Sie pocht mit Blick auf das übrige Kandidatenfeld auf eine Frauenkandidatur.

CVP sieht Chance mit einer Frau

Ähnlich argumentiert die CVP, die gar nicht erst in den Wahlkampf eingestiegen wäre, wenn Diener ihr Amt behalten hätte. Laut Parteipräsidentin Nicole Barandun verlieren nun aber die politische Mitte und die Frauen eine starke Vertretung – und die CVP sieht sich imstande, diese Lücke zu füllen. Sie will Nationalrätin Barbara Schmid-Federer als Kandidatin aufstellen, sofern sich abzeichnet, dass diese eine echte Chance hat. Um das zu beurteilen, will die Partei unter anderem aber abwarten, was die SVP macht.

Von Marius Huber

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