Das grosse Zittern von Mauro Tuena

Am Schluss schafft der Präsident der Stadtzürcher SVP die Wiederwahl. Doch der Wahltag ist für Tuena eine Achterbahn.

Den Blick immer aufs Smartphone gerichtet: Der Sonntag ist für Tuena eine Achterbahn. Fotos: Boris Müller

Den Blick immer aufs Smartphone gerichtet: Der Sonntag ist für Tuena eine Achterbahn. Fotos: Boris Müller

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Mauro Tuena hält es kaum mehr aus. Er setzt sich neben seinen SVP-Nationalratskollegen und Geschäftspartner Alfred Heer, steht auf und telefoniert, ruft einen neuen Newsticker auf, empfängt eine SMS vom grünen Gemeinderat Markus Knauss, der ihm «Nerven bewahren» rät. Tuenas Blick ist immer auf sein Smartphone gerichtet. Man sieht es kaum, doch seine Finger zittern, wenn sie über den kleinen Bildschirm fahren. Sie verraten, wie gross die Anspannung ist, die er nicht zeigen will. Tuena kommentiert. Um 14 Uhr: «Hmm, Zwölfter.» Um 14.20 Uhr: «Hey, jetzt bin ich Elfter.» Um 14.40 Uhr: «Fredi, hesch gsee, jetzt bin i uf em Zäni!»

2015 in extremis gewählt

Zehnter, das würde reichen für den 47-jährigen Zürcher, der seit Jahrzehnten für die Politik lebt. Die erste Hochrechnung sagt für die SVP elf Sitze voraus – damit würde die Partei den Sitz verlieren, den sie vor vier Jahren mithilfe der EDU gewonnen hatte. Tuena hatte diesen in extremis erobert. Um 20 Stimmen übertrumpfte er Martin Haab und holte damit ein Mandat in Bern, mit dem nicht einmal er selber gerechnet hatte. Am gleichen Tag waren mit Christoph Mörgeli und Hans Fehr zwei prominente SVP-Nationalräte abgewählt worden. Erst ein paar Monate zuvor war Tuena in den Kantonsrat gewählt worden.

Noch hat es wenig Leute im Saal des Restaurants Rössli in Illnau, wo sich die SVP-Mitglieder zum Wahltreff versammeln. Die Stimmung zu Beginn: ruhig und ernst. Nach der ersten Hochrechnung ist Erleichterung zu spüren. «Das ist besser, als ich gedacht hätte», sagt Toni Bortoluzzi in seiner bedächtigen Art. Der Mann sass 24 Jahre lang für die SVP im Nationalrat. In den vergangenen Monaten hat er im eilends zusammengestellten Präsidium der kantonalen SVP ausgeholfen, das die Partei nach der Schlappe bei den Kantonsratswahlen im Frühling wieder auf die rechte Spur bringen sollte. «Die Jungen», sagt Bortoluzzi jetzt, «die Jungen haben es gut gemacht.»

Reichts oder nicht: Mauro Tuena beobachtet die Wahlresultate auf Grossleinwand.

Alfred Heer rechnet derweil nach, dass die elf Sitze tatsächlich möglich sind. Mit den 29 Prozent Wähleranteil der SVP und einigen EDU-Stimmen aus der Listenverbindung könnte es reichen. Einen ersten kleinen Applaus gibt es, als das Schweizer Fernsehen meldet, die SVP im Tessin habe 1,2 Prozent zugelegt. Ein kurzes Gejohle schwappt auf, als der Einbruch der Zürcher SP auf dem Grossbildschirm erscheint. Die Verluste der SVP hingegen nehmen die Männer und Frauen im Rössli kommentarlos zur Kenntnis.

Die bösen Medien

Szenenwechsel. Morgens um 11 Uhr treffen wir Mauro Tuena im Restaurant Bohemia am Kreuzplatz. Da ist er noch recht locker. Spannend, intensiv und anstrengend seien die letzten Wochen gewesen, sagt er, nachdem er eine kalte Ovi, ein Gipfeli und Rührei mit Speck bestellt hat. Zuerst will er seinen grossen Ärger loswerden: Er hat sich über die Medien genervt. Zeitungen hatten ihn wiederholt als Zitterkandidaten, als bereits abgewählten Nationalrat betitelt. Nun schlägt Tuena verbal zurück. Gegen Journalisten, die ideologisch links stünden und in ihren Zeitungen mit ihrer Meinung nicht zurückgehalten hätten. Dass er in einem Newsticker als «urbaner Hardliner» bezeichnet wird, findet er eine «Schweinerei». Und «unfair».

Tuena ist seit Wochen im Wahlkampf. «Ich habe getan, was ich tun musste.» Wer ihn bei einer Standaktion sah, merkte: Da ist Tuena im Element. Er geht gern unter die Leute, sucht das Gespräch mit Unbekannten. Mauro Tuena ist einer, der die Geselligkeit liebt, auch im Privaten. An Partys mit deutschen Schlagern oder beim Oktoberfest.

Einer schaffts, einer nicht: Claudio Zanetti (links) und Mauro Tuena im Gespräch.

Seit Tuena in Bern politisiert, ist er in der Öffentlichkeit weniger präsent. Er wurde von der SVP in die ungeliebte Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur delegiert, wo er in keinem Dossier Vorwissen hatte. Er, der sich lieber um den Verkehr kümmert. Traditionell haben es neu gewählte Nationalräte innerhalb der Partei schwer, sich in den Vordergrund zu spielen – ausser sie heissen Köppel. Auch als Präsident der städtischen SVP war Tuena kaum mehr präsent. Früher war er Stammgast vor den Kameras von TeleZüri, zu jedem städtischen Problem wusste er etwas in SVP-Manier zu sagen.

Nur noch zehn Sitze

Der Sonntagnachmittag ist für Tuena eine Achterbahn. Mal rutscht er auf Platz elf ab, dann klettert er wieder auf Platz neun. Spricht man ihn an, seufzt er. Gerettet ist er noch nicht, das weiss er aus Erfahrung. Und doch steigt seine Hoffnung. «Die Bezirke, die eher andere SVP-Kandidaten als mich bevorzugen, sind alle ausgezählt.» Kurz danach die nächste Hochrechnung: Die SVP verliert 4 Prozent Wähleranteil und hat nur noch zehn Sitze. Im Saal hat es zuerst kaum jemand gemerkt. Draussen im Garten sitzt Claudio Zanetti mit einem Glas Wein in der Hand. Er weiss, seine Zeit in Bern ist abgelaufen.

Tuena hingegen steigt in der Parteihierarchie, bald ist er auf Platz sieben. Doch gratulieren lässt er sich noch nicht, auch nicht von Kantonalpräsident Patrick Walder, der um 19 Uhr eintrifft. Nervös tigert Tuena durch den unterdessen vollen Saal und begrüsst immer neue Gäste. Geht mit dem Handy in der Hand hinaus in den Garten. Ist kaum mehr ansprechbar.

Um 20.14 die Erlösung: Es hat gereicht. Tuena lässt sich umarmen. Und meint: «Es war heute ein Auf und Ab mit den Gefühlen. Der Kampf hat sich gelohnt.»

Erstellt: 21.10.2019, 06:46 Uhr

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