Das halbe Dorf wählt SVP

Obwohl in den letzten Jahren zur Kleinstadt gewachsen, funktioniert Regensdorf noch wie ein Dorf. Die Politik kämpft mit den typischen Problemen einer Agglogemeinde – und setzt auf scheinbar linke Rezepte.

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Regensdorf ist eine typische Agglomerationsgemeinde. Starkes Wachstum, hohe Sozialhilfequote, viele Ausländer. Was den Ort einzigartig macht, ist sein SVP-Wähleranteil. In keiner Gemeinde vergleichbarer Grösse im Kanton Zürich haben so viele die SVP gewählt wie hier: 45,7 Prozent waren es bei den letzten nationalen Wahlen, sogar 47 Prozent bei den kantonalen. Seit 1991 hat sich der Anteil verdoppelt.

Regensdorf, das im Norden an die Stadt Zürich grenzt, hat sich in den letzten Jahrzehnten vom Bauerndorf zur Kleinstadt mit 17'000 Einwohnern gewandelt. Die Gemeinde kämpft mit Gegensätzen, die sich an den drei identitäts­stiftenden Ortsteilen Regensdorfs ablesen lassen: Adlikon steht für die Spannung zwischen Integration und Abgrenzung; Regensdorf für jene zwischen Dorf und Stadt; Watt für den Widerspruch von Wachstum und Bewahrung. Über allem steht eine Frage: Was hält eine Gemeinde wie Regensdorf zusammen?

Die «Siffhalde» als Beispiel

Im Ortsteil Adlikon liegt das Sonnhaldequartier. In der Plattenbausiedlung leben 2300 Personen, rund 40 Prozent davon sind Ausländer aus mehr als 50 Nationen. Die «Siffhalde» war in den Nullerjahren als Problemquartier berüchtigt: Jugendgangs, Vandalismus, illegal entsorgter Abfall. Kinder lungerten herum, bis ihre Eltern von der Arbeit nach Hause kamen. Die Post und der Volg mussten irgendwann schliessen.

Der bürgerliche Gemeinderat, bestehend aus drei SVP-, zwei Parteilosen und je einem FDP- und einem CVP-Politiker, reagierte auf die Probleme und schuf das Begegnungszentrum Sonnhalde, kurz BZ. Das Aufwertungs- und Inte­grationsprojekt erinnert an links-grüne Rezepte. Die Gemeindeversammlung stimmte ihm im Dezember 2011 dennoch deutlich zu. Ebenso klar hatte die Stimmbevölkerung ein Jahr zuvor die Ausschaffungsinitiative befürwortet: mit rund 65 Prozent.

Die gebürtige Watterin Andrea Jörg leitet das BZ im ehemaligen Volg. Das Projekt mache Fortschritte, sagt sie. Auch wenn die Integrationsbemühungen der Sozialarbeiterin und ihres Arbeitskollegen nicht zur vollkommenen Durchmischung führten. Oft beobachten sie an Anlässen im Quartier, dass sich Grüppchen bilden. «Die alteingesessenen Schweizer bleiben ebenso unter sich wie die neu zugezogenen Ausländer.» Die Lage in der Sonnhalde habe sich aber deutlich entspannt.

Integration auf konservative Art

Andrea Jörg empfindet Regensdorf nicht als besonders konservativ. In ihrer Arbeit spüre sie Rückhalt von Politik und Bevölkerung. Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Sonnhalde habe die Jugendarbeit gespielt, die ebenfalls intensiviert wurde. Martina Ernst, Leiterin der Abteilung Gesellschaft und Gesundheit, äussert sich ähnlich wie Jörg. Sowohl was die Sonnhalde als auch die Politik betrifft. Sie sei immer noch überrascht, wie wenig sie auf politischer Ebene um ihr Budget kämpfen musste, als sie 2012 die Stelle angetreten hat.

Max Walter ist einer, der für diese Politik steht. Seit 2010 ist der SVP-Politiker Gemeindepräsident. Walter ist in zweiter Ehe mit einer Chinesin aus Taiwan verheiratet und hat für die Ecopop-Initiative gestimmt. Für ihn sind die progressiven Integrationsbemühungen und das konservative Abstimmungsverhalten in seiner Gemeinde kein Widerspruch: «Ich glaube, dass viele Leute die Kontrolle nicht verlieren und Zeichen setzen wollen.» Aber auch in einer konservativen Gemeinde verschliesse man sich nicht vor Integrationsfragen.

Regensdorf steht symbolisch für Agglomerationen. Viele Kleinunternehmer sind dem Ort treu geblieben. Sie stehen traditionell einer bürgerlichen Politik nahe. Zudem gibt es viele niedrigquali­fizierte Arbeiter, die – wie die politikwissenschaftliche Forschung zeigt – eher rechtspopulistische und nicht linke Parteien wählen. Die SVP holt mit ihrem Programm für einen starken Ordnungsstaat, mit ihrem konservativen Gesellschaftsbild und der restriktiven Migrationspolitik in solchen Gemeinden die Wähler ab. Ob sie damit bei den Kantonsratswahlen am 12. April den Wähleranteil in Regensdorf erneut erhöhen kann, wird sich zeigen.

Der Ausländeranteil in Regensdorf liegt bei 34,1 Prozent. Im Kanton haben nur Opfikon, Oberglatt, Dietikon und Schlieren mehr. «Es hat schon genug» und «man sieht schon viele Kopftücher», antworten Passanten auf den Ausländeranteil angesprochen. Einige erwähnen die Kosten für die Sozialhilfe und den fehlenden Integrationswillen. Eine Passantin wird konkret: «Wenn 18 von 20 Schülern nicht Deutsch als Muttersprache haben, hat das schon einen Einfluss auf die Unterrichtsqualität.» Da will auch die Gemeinde ansetzen.

Deutschkurse im Vorschulalter würden die Probleme bei der Einschulung reduzieren. Dieser Meinung ist der parteilose Gemeinderat Hans Keller. Er zieht den Vergleich mit Hundewelpen. Dort präge man den Charakter in den ersten 16 Wochen. Deshalb sei es sinnvoll, in Kinder zwischen 2,5 und 5 Jahren zu investieren.

Nicht nur die ausländische Zuwanderung prägt die Gemeinde. Anfang der 90er-Jahre zählte sie noch 13'000 Einwohner. Seither ist sie um ein Drittel auf 17'000 Einwohner angewachsen. Diese Zahl erscheint noch eindrücklicher, wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit mehr als 27'000 Menschen weg­gezogen sind. Ein Teil der Bevölkerung ist nicht verankert und bringt sich entsprechend wenig ins Gemeindeleben ein – typische Signale einer Schlafgemeinde. Gleichzeitig wollen die «Ureinwohner» den dörflichen Charakter bewahren.

«Regensdorf ist geil»

In Watt an der Dorfstrasse liegt der Coiffeur Kuhstall, ein Schild weist auf einen Hofladen, Einfamilienhäuser reihen sich unweit von Bauernhöfen aneinander, dahinter beginnt das Naherholungsgebiet. Idylle pur, wäre da nicht der Schwerverkehr, der durch das Dorf donnert, und der Lärm der Baumaschinen, die neue Häuser errichten.

Die Watter bezeichnen sich als Watter – ihr Dorfteil liegt ihnen am Herzen. In den Augen von Hans Frei, Bauer und SVP-Kantonsrat aus Watt, soll Regensdorf ein Dorf bleiben. «Wie es der Name schon sagt.» Er würde es begrüssen, wenn sich Neuzuzüger aktiv in das Dorf­leben einbringen, sowohl Ausländer als auch Schweizer. Dazu gebe es genügend Möglichkeiten, sei es in Vereinen oder beim Watter Dorffest.

Im Ortsteil Regensdorf, südlich von Adlikon und Watt, prägen die Strafanstalt Pöschwies und das Einkaufszentrum, flankiert von Wohnhochhäusern, das Landschaftsbild. Am Balkon eines 18-stöckigen Wohnhauses flattert einsam eine Schweizer Fahne. Dahinter liegt das «Zenti», Treffpunkt für die Jugend­lichen. «Regensdorf ist geil», sagt eine 15-Jährige und erhält Zustimmung und Kichern von ihren Kolleginnen. Man lasse sie hier in Ruhe. Für Politik interessieren sie sich nicht. Die Jugendlichen sind zufrieden mit Regensdorf. Allenfalls fehlten ein Kino und ein Raum zum Abhängen im Winter. Ihre Herkunft spiele keine Rolle – weder in Bezug auf die Nationalität noch auf den Ortsteil: Sie sind Regensdorfer. Sie sind hier aufgewachsen und wollen hier bleiben.

Hier bleiben will auch Marcel Burlet, ehemaliger SP-Kantonsrat und langjähriger Lehrer in Regensdorf. Und das, obwohl den Linken politisch «ein eisiger Wind entgegenweht». Für den 62-jährigen Burlet sind die Passiven und Apolitischen eines der grössten Probleme in der Gemeinde. Von den gut 9000 Stimmberechtigten nähmen meist nur 90 bis 120an den Gemeindeversammlungen teil. 1981 seien es bei brisanten Themen 400 bis 500 gewesen. Burlet vergleicht Regensdorf mit einer «Oligarchie». Alles passiere hinter den Türen des Gemeindehauses und sei wenig transparent. «Ein Parlament würde alles öffentlicher machen und die Leute wohl mehr mobilisieren.» Burlet will, dass das Dorf zur Stadt wird. Obwohl er weiss: Diese Forderung ist chancenlos. Vorerst zumindest.

Burlet ist Ende der 70er-Jahre aus der Stadt Zürich in die Gemeinde gezogen. Sich hier zu integrieren, werde einem schwergemacht, sagt er. Ein Regensdorfer sei er immer noch nicht. Seine Frau korrigiert ihn umgehend: «Kein Watter.»

Erstellt: 04.03.2015, 23:09 Uhr

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