Streit um Fremdsprachen geht in Zürich weiter

Die Zürcher Primarschüler werden wie bisher Französisch und Englisch pauken. Das hat das Volk klar beschlossen. Die Lehrer und Bildungsdirektorin Steiner aber sind weiterhin im Clinch.

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Die Volksinitiative, welche nur noch eine Fremdsprache in der Primarschule wollte, ist im Kanton Zürich klar gescheitert. 150'725 Stimmende sagten Ja, 233'357 Nein. Das entspricht einem Nein-Anteil von 60,8 Prozent der Stimmen. Die Stimmbeteiligung betrug 44,2 Prozent.

Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands und Mitinitiantin, räumt die Niederlage auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet ein: «Die Frage der Anzahl Fremdsprachen in der Primarschule ist jetzt geklärt.» Lätzsch gibt sich überrascht von der Klarheit des Resultats. «Unser Argument, dass wir für zwei Fremdsprachen sind, aber anders gestaffelt, hat nicht verfangen», analysiert sie. «Die konkrete Situation im Schulzimmer wird ausser Acht gelassen.»

Lätzsch hat trotz der Niederlage Forderungen: Einerseits müssten die Lernziele nach unten angepasst werden, da klar wurde, dass die bestehenden nicht erreicht werden. Anderseits müsse für die Fremdsprachen Halbklassenunterricht eingeführt werden. Sonst bringe das frühe Erlernen von zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe nicht viel. Drittens fordert Lätzsch eine seriöse Evaluation, warum der Sprachunterricht im Kanton Zürich nicht so fruchtet wie erhofft.

Die halbe Absage Steiners

Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) erteilte der Forderung nach einer Evaluation eine Absage. Die Frage des Halbklassenunterrichts hingegen wolle sie prüfen, sagte sie an einer Medienkonferenz. Zudem erinnerte sie daran, dass es mit dem Lehrplan 21 beim Einstieg in eine Fremdsprache mehr Wochenlektionen geben wird.

Im übrigen zeigte sich Steiner erleichtert übers eindeutige Abstimmungsresultat. «Es ist die Bestätigung unserer Bildungspolitik und ein Bekenntnis zu unserer Vielsprachigkeit», stellte sie fest. «Sprachen haben einen hohen kulturellen Wert.» Die Zürcher Fremdsprachenpolitik sei abermals von der Stimmbevölkerung bestätigt worden. Sie ist froh, dass sie um eine grosse Reform herumgekommen sei, sagte Steiner. Tatsächlich hatten die Zürcherinnen und Zürcher schon vier Mal die Gelegenheit, sich dazu zu äussern, erstmals 1988 zum Grundsatz und dann 2006 zur ersten Eine-Fremdsprache-Initiative und 2008 im Rahmen von Harmos.

Die 60,8 Prozent Nein sind ein noch schlechteres Resultat als 2006. Dieselbe Initiative wurde damals mit 58,6 Prozent der Stimmen abgelehnt.

Erfreut vom Resultat zeigte sich auch die Erziehungsdirektorenkonferenz. Der Kanton Zürich sich für diejenige Lösung beim Sprachenunterricht ausgesprochen, «auf die sich die Kantone 2004 in ihrer Sprachenstrategie geeinigt haben, die ins Harmos-Konkordat von 2007 eingeflossen ist und die heute bereits in 23 Kantonen umgesetzt wird». Die Ausnahmekantone sind Aargau, Appenzell Innerrhoden und Uri.

Grosse Unterschiede

Im Kanton Zürich haben alle Bezirke die Initiative abgelehnt, aber sehr unterschiedlich klar: So wäre die Initiative in Hinwil beinahe durchgekommen (51,8 Prozent Nein), während Meilen ganz klar Nein stimmte: 63,2 Prozent. In Zürich war das Nein gar noch wuchtiger: 71,5 Prozent.

Nur 21 von 168 Gemeinden sagten Ja zur Fremdspracheninitiative. Es sind kleinere Gemeinden wie Marthalen, Oberembrach, Bäretswil, Bauma, Turbenthal oder Elgg. Vor allem die Gemeinden im Osten des Kantons hiessen die Initiative gut. Das klarste Ja kommt aus Hofstetten (mit 38,9 Nein), das klarste Nein kam dem Zürcher Kreis 4 + 5 mit 79,7 Prozent.

Initiative aus der Lehrerschaft

Die von der Zürcher Lehrerschaft lancierte kantonale Volksinitiative «Mehr Qualität – eine Fremdsprache an der Primarschule» wollte eine der beiden Fremdsprachen an die Oberstufe versetzen. Ob es Französisch oder Englisch sein soll, blieb offen und wurde der Politik übertragen. Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) hatte darauf verlauten lassen, dass sie Französisch auf der Primarstufe belassen würde und Englisch in die Sek verschieben würde – vor allem aus staatspolitischen Gründen. Aus diesem Grund war es im Abstimmungskampf in der Romandie verhältnismässig ruhig geblieben.

Die Initiative war als allgemeine Anregung formuliert. Das heisst, der Kantonsrat hätte bei einem Ja noch das Volksschulgesetz ändern müssen.

Sprachkonzept: Gescheitert oder Erfolg?

Die Lehrerschaft erklärt das Sprachenkonzept für gescheitert, vor allem weil zu wenig intensiv unterrichtet wird. Es bräuchte mehr als zwei Lektionen pro Woche und Halbklassenunterricht, um Erfolg zu haben. Vor allem die schwächeren Schüler litten unter zu viel Sprachunterricht. Die Initianten wollten, dass die Schüler zuerst einmal richtig Deutsch lernen, bevor es an die Fremdsprachen geht. Laut den Lehrern ist der Sprachschulstoff aus der Primarschule innert weniger Monate an der Oberstufe nachgeholt. Mit dem Beginn der zweiten Fremdsprache in der Sek würden die Schüler die Sprachen am Ende der obligatorischen Schulzeit gleich gut beherrschen wie heute.

Die Gegner der Initiative waren hingegen der Meinung, dass sich das Sprachenkonzept bewährt habe und dass möglichst früh mit dem Fremdsprachenunterricht begonnen werden soll. An der Primarschule hätten die Kinder noch mehr Spass als in der Oberstufe, wenn die Pubertät anfängt. Die Sprachen seien der Schlüssel zum Erfolg im Berufsleben. Ausserdem würde ein Ja zur Initiative den Schweizer Sprachfrieden und das harmonisierte Schulwesen (Harmos) gefährden, argumentierten die Gegner.

Der Regierungsrat war gegen die Initiative, der Kantonsrat lehnte sie mit 96:68 Stimmen ebenfalls ab. Für die Initiative sprachen sich die SVP, EVP und EDU aus, dagegen SP, FDP, Grüne, CVP, BDP und AL. Die GLP hatte Stimmfreigabe beschlossen.

Nidwalden, Zürich, Luzern, Thurgau

Die Schweiz schaute gebannt nach Zürich, denn die Sprachenfrage ist auch in anderen Deutschschweizer Kantonen aktuell. Die Nidwaldner Stimmbevölkerung hat sich bereits im März 2015 mit 61,7 Prozent Stimmenanteil für das Beibehalten der zwei Fremdsprachen an der Primarschule ausgesprochen. Kürzlich hat sich das Thurgauer Kantonsparlament für die Versetzung des Frühfranzösischen an die Oberstufe ausgesprochen, die Schlussabstimmung steht noch aus. Bleibt es dabei, wird noch das Volk entscheiden können, da ein Referendum als gesichert gilt. Im September stimmen die Luzerner über eine ähnliche Initiative wie in Zürich ab.

Bildungsminister Alain Berset hatte angekündigt, dass der Bund eingreift, falls in einem Kanton die zweite Landessprache aus der Primarschule verbannt wird.

Buschor schockierte die Romandie

Die Fremdsprachenfrage an der Primarschule beschäftigte die Zürcher Stimmbürger schon oft. 1987 wurde Frühfranzösisch an der 5. Primarschule eingeführt, worauf es eine Volksinitiative namens «Mehr Mitbestimmung im Schulwesen (Initiative gegen verfrühten Fremdsprachenunterricht)» lanciert wurde. Sie wurde aber 1988 mit 62,9 Prozent Stimmenanteil verworfen.

Ende der 1990er Jahre versetzte der damalige Bildungsdirektor Ernst Buschor (CVP) die Westschweiz in Aufruhr, weil er Englisch forcieren wollte. Er schlug vor, mit Frühenglisch in der Unterstufe zu beginnen und das Frühfranzösisch an der Mittelstufe zu belassen. Dazu startete er Schulversuche (Projekt 21). Schliesslich erhielt er nach heftigen Auseinandersetzungen grünes Licht von der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK). Sie beschloss, dass in den Schweizer Primarschulen künftig zwei Fremdsprachen unterrichtet werden sollen. Die Kantone konnten hingegen frei entscheiden, mit welcher Sprache sie beginnen wollten. Damit war der Sprachenfrieden schweizweit besiegelt.

Ab 2004 führte der Kanton Zürich das Frühenglisch in der 2. Klasse ein. Dagegen gab es Widerstand, der in der Volksinitiative «Nur eine Fremdsprache an der Primarschule» kulminierte. Das Stimmvolk lehnte diese 2006 aber mit 58,6 Prozent ab. Und zwei Jahre später bestätigte das Volk das Zweisprachenkonzept mit einem 62,4-Prozent-Ja zum Harmos-Konkordat. Mit dem Lehrplan 21 wird das Frühenglisch von der 2. in die 3. Primarklasse versetzt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 17:55 Uhr

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